Die Wahrheit: Der Knoten im Apparat
Einblicke ins Innerste eines Kremlberaters: Der Laden brennt an allen Ecken und Enden.
Gegen Panik hilft bloß Ignorieren oder Wodka. Das Fatale am Wodka ist der dicke Kopf am nächsten Morgen. Was allerdings nur noch selten der Fall ist. Mit der Zeit entwickelt man eine gewisse Giftfestigkeit. Oh, oh, das G-Wort! Das darf man nie laut sagen. Schon gar nicht in Gegenwart des Alten. Seine größte Angst. Wie der „traurige Patient“ im Straflager zu sterben.
Panik herrscht hier von morgens bis abends. Der Laden brennt an allen Ecken und Enden. Und fällt auseinander. Jeder weiß es, nur der Alte nicht. Der schwebt über allem. Nicht in der Luft. Er hat Angst abzustürzen. Deshalb fliegt er kaum noch. Allein im Palastbunker schwebt er wie über Eis.
Da bringen ihm die Generäle seine Nachrichten. Nur gute natürlich. Rybalskoje ist eingenommen. Rybalskoje! Wo liegt dieses Kaff eigentlich? Rybalskoje! Das klingt nicht nach Warschau oder Berlin. Rybalskoje! Total zerstört. Hauptsache, gefallen.
So geht das seit vier Jahren. So lang wie der Große Vaterländische Krieg. Den die Scheiß-Generäle zu führen glauben. Und kommen dabei nicht voran. Diese elenden Versager. Aber nur gute Nachrichten abliefern in Moskau. Und den Alten freut's. Aber auch nur ihn.
Kleines Männlein
Der Zwerg will mehr. Wie immer. Der Stellvertretende Leiter des Sicherheitsrats. Ziemlich langer Titel für solch ein kleines Männlein. Das der Alte misstrauisch beäugt. Weil es schon mal eine Rochade mit ihm gab. Ministerpräsident. Dann Präsident. Und retour. Was für eine Farce! Hält sich für den einzig legitimen Nachfolger des Alten. Der Zwerg aber wird sicher nicht in seinem Bett sterben. Da sei das verdammte G-Wort vor.
Und dann ist da noch die Mumie. Der Außenminister. Der schon ewig und drei Tage dabei ist. An dem alles abtropft. Hat alles gesehen. Und jeden belogen. Subtil wie ein Gallenstein. War schon lange nicht mehr im Zentrum der Macht. Neulich hat der Alte sogar gefragt, ob die Mumie überhaupt noch im Amt ist. Kein Witz!
Im Zentrum laufen alle Fäden zusammen. Und verknoten sich. Bis niemand sie mehr auflösen kann. Kein Schwert. Kein Schlag. Ginge es nach dem Zwerg, dann Atombombe drauf und gut ist. Da werden ihm die Chinesen aber eins husten. Diese geldgeilen Verbrecher. Demnächst verkaufen wir ihnen Wladiwostok für nichts. Pakédowa, Wladi!
Geld, Gold, Reserven gibt's nicht mehr. Aber der Alte fliegt auf die Kurilen. Trotz seiner Flugangst. Für eine große Show des großen Russlands. Wen zur Hölle interessiert jetzt Japan? Diese vier steintoten Inseln wie Blumen auf einem leeren Grab. Teuer und zu nichts nütze. „Was für ein herrliches Wetter Sie hier haben, fast wie in einem Ferienort!“ Hat der Alte gewitzelt. Dieser Sonnenclown. Fehlte nur noch, dass er den Strahl der Sonne in seinem Picknickkorb einzufangen versuchte.
Das waren noch Zeiten, als das Volk aus echten Russen bestand. Und jetzt? Überall nur Lämmer. Blöken und scheißen. Früher hätten sie auf ihre teuren SUVs verzichtet und die Pferde vor die Kutschen gespannt. Und wenn die Pferde starben, dann eben Hunde. Und wenn die Hunde starben, dann eben die Großmütter. Angetrieben von einem Stück Fett und einem Glas Wodka.
Heute jammern sie über die Benzinpreise. Über geschlossene Tankstellen. Geschlossenes Telegram. Und kaufen nur noch bei Wildberries ein. Den ganzen Plastikmüll der Chinesen. Diese verschlagenen Verbrecher.
Und wenn Wildberries brennt, brennt die Hütte. Man sollte ihre Liefersklaven vor die Kutschen spannen. Neulich hat die Frau etwas bestellt, und der erbärmliche Kurier torkelte vor der Haustür. Der Wodka tue ihm wohl nicht gut bei der Arbeit, meinte sie. Und er antwortete: Welche Arbeit? Das ist Gulag!
Plüschtier aus China
Im Paket war natürlich nicht das Bestellte, sondern ein Plüschtier aus China als Ersatz. Diese gerissenen Verbrecher. Der Liefersklave wurde gleich eingezogen für die SWO. Kam an die Front. In den Spezialoperationsarsch. Und ist bereits vermisst.
Gestern zeichnete der Alte einen Offizier aus. Für die Erfolge an der Front. Rybalskoje! Noch ein glänzender Orden an der Brust. Und jeder seiner Vorgesetzten wusste: Er presst seinen Soldaten die Kreditkarten und die Passwörter ab. Dann schickt er sie in den Fleischwolf. Wo sie in Massen sterben.
Er lässt sie aber nicht für tot erklären. Solange sie als vermisst gelten, kann er in der nächsten Stadt mit ihren Karten Geld am Automaten abheben. Viele seiner Männer hat er so ausgenommen. Und jetzt ist er reich. Wie ein Oligarch. Dafür hat er einen Orden verdient. Den der ruhmreichen Roten Armee.
Der Apparat läuft und läuft. Und wenn alles vorbei ist, läuft er einfach weiter. So schnell wird nichts passieren. Wodka ist ein schleichendes Gift. Aber wer hat es schon eilig?
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