Die Wahrheit: Jung ins Heim
Abtreten aus dem Alltag und Einrücken ins Altersheim ist angesagt – möglichst bevor die ganzen Gebrechen beginnen
„Wie wäre es“, sage ich eines Sonntagmorgens zur Ehefrau, „wenn wir jetzt doch mal langsam ans Altersheim denken?“
„Wieso das denn?“, fragt sie verschlafen.
„Na, jetzt sind wir noch jung genug“, sage ich. „Jetzt würden die uns noch nehmen.“ Hoffe ich zumindest, weil ich bin gerade mal sechzig oder so was, und sie sogar ein bisschen jünger. Also vielleicht nehmen sie wenigstens sie. Das wäre für mich schon eine Beruhigung.
Wir sind nämlich aus Erfahrung klug geworden. Unsere Eltern sind zu Hause so alt geworden, dass sie irgendwann nicht mehr vermittelbar waren. Die angefragten Heimverwaltungen hatten offenbar die Sorge, dass die Alterchen kurz nach ihrem Einzug pflegebedürftig würden und sich fortan bis zum Ende ihrer Tage wie die Speckmaden in ihre Bettchen mummelten, pampern und bedienen ließen. Aber nicht mit ihnen.
Heute regiert der Mangel ja in sämtlichen Bereichen. Nun reservieren schon die Großeltern im Auftrag ihrer ungeborenen Kinder die Kindergartenplätze für ihre ungeborenen Enkelkinder. Auch wer im Krankenhaus als Patient aufgenommen werden möchte, sollte möglichst gesund sein. Zum einen, um eine reelle Überlebenschance angesichts der multiresistenten Superkeime dort zu haben, und zum anderen, um das System nicht zu überlasten. Denn wirklich Kranke klingeln, jammern und schreien die ganze Zeit wie blöde. Immerzu wollen sie operiert, behandelt und gepflegt werden. Dafür ist aber gar keine Zeit, kein Geld und kein Personal da. Hinzu kommt die gesellschaftliche Überalterung.
Die betrifft die Seniorenheime noch einmal besonders. Unsere Eltern hatten den Absprung lange verpasst. Die nehmen die da nicht mehr. Es ist zu spät, der Zustand schon zu schlecht. Das ist, wie wenn du versuchst, dem Antiquariat zerlesene Bücher anzudrehen oder Oxfam olle Klamotten. Und im Altersheim wollen sie eben nur junge und gesunde Alte. Die keine Kosten verursachen. Damit sich das für die Betreiber noch lohnt.
„Nee, Ihre Krepel können Sie mal schön behalten“, wurde uns mit unverhohlenem Nichtbedauern beschieden. „Da findet sich doch sicher noch was Passendes für Sie: Hauspflege, Eisscholle, Klippe, Müllabfuhr; erlaubt ist, was gefällt.“
Und das sind noch die Höflicheren. Andere prusteten am Telefon einfach los, als wir bloß das Alter des Vaters oder der Schwiegermutter erwähnten. Man sah sie direkt vor sich, wie sie uns in ihrem Heimbüro den Vogel zeigten. Was uns in unserer parasitären Lebensferne einfiele, derart alte Leute in ihr schönes Altersheim einschleusen zu wollen, wie im Sterben liegende Kuckuckskinder. Sie wären weder Geriatrie noch Massengrab.
Der entscheidende Satz fiel am Schluss: Ja, wenn wir selber einen Heimplatz suchten, könne man gern darüber reden. Wie alt man denn sei: Ah, noch nicht Rentner? Das klänge doch schon mal ganz passabel. Und die Gesundheit? Sportlich, fit und keine ernsten Vorerkrankungen? Na, bestens, da wären wir ja geradezu prädestiniert für ihre feine Seniorenresidenz „Blühender Lebensnachmittag“. Man schicke uns gerne eine Kennenlernbroschüre.
Womit wir wieder bei der eingangs gestellten Sonntagsfrage wären. „Die suchen exakt solche Bewohner wie uns“, versuche ich ihr den überlangen letzten Lebensabschnitt mitsamt Auszug aus unserer schönen Wohnung schmackhaft zu machen. „Hippe, juvenile Alte. Das wird bestimmt ganz cool. Ständig Party mit den anderen jungen Alten. Flatrate für Bier und Wein, Lachshäppchen und Aperol Spritz im Heimgarten, ist ja alles inklusive. Wohnen, Putzen, Kochen, Waschen. Immerhin zahlen wir dafür.“
Ich gerate richtiggehend ins Schwärmen. „Und statt Lichtbildervortrag über Patagonien im großen Saal, so wie früher im Seniorenstift von meiner Oma, legt ein Techno-DJ auf, der da selber schon seit Jahren wohnt. Es ist im Grunde ein nichtendenwollender Urlaub, nur nicht auf Goa, sondern in Hakenfelde oder so.“
„Und was ist, wenn wir am Ende doch noch pflegebedürftig werden?“, gibt die Gemahlin zu bedenken. „Dann schmeißen die uns garantiert wieder raus. Weil sich das nicht mehr rechnet. Die karren uns bei Nacht und Nebel in die Vorstadt auf irgendeinen Baumarktparkplatz und ‚vergessen‘ uns dort. Da besteht für die null Risiko, dass wir zurückfinden. So wie Hänsel und Gretel bei ihrem sturzdämlichen zweiten Versuch mit den Brotkrümeln. Wahrscheinlich wissen wir dann eh nicht mehr, wo wir herkommen. Oder wer wir überhaupt sind, weil wir sowieso nix mehr peilen.“
„Ja, so wird es wohl kommen“, sage ich nachdenklich. Man muss schon realistisch bleiben – eine kommerzielle Pflegeeinrichtung ist schließlich kein Wohlfahrtsunternehmen. „Das ist sicher eingepreist. Aber bis dahin hätten wir immerhin noch ein paar schöne Jahrzehnte.“
Unser Zimmer kriegen als nächstes irgendwelche Vierzigjährigen, weil in zwanzig oder dreißig Jahren hat sich die Situation gegenüber heute noch weiter verschlechtert. Die Alten werden immer jünger und die Jungen immer älter. Weil die Pflegekräfte alle remigriert wurden, müssen die Senioren schon in der Lage sein, mit anzupacken.
Die Jüngeren pflegen die Älteren. Außerdem brauchst du noch Leute, die als Bauarbeiter den neuen Anbautrakt – gibt ja immer mehr und immer jüngere Alte – errichten können, Gabelstaplerfahrer und Gärtner. Das Renteneintrittsalter wird zu dem Zeitpunkt zwar bei 75 Jahren liegen, aber die arbeiten eher in Küche und Verwaltung. Du kannst keine Leute mit Parkinson als Kranführer einteilen, das geht ja nicht.
Zu guter Letzt leben fast alle in Heimen. Die Party ist längst vorbei. Dafür gibt es jeden Morgen Fahnenappell zum Klang der Nationalhymne. Deutschland hat gewählt. Das bedeutet auch schlechte Zeiten für „unnütze Esser“.
Nach dem Antreten heißt es für diejenigen, die noch können: Körbe flechten, Drahtbürsten herstellen, Kabelsätze montieren. Wer dazu nicht mehr in der Lage ist, bekommt ein lautes „Yippie, yeah, yeah, yippie, yippie, yeah!“ zu hören, das verklausulierte Signal für den finalen Aufbruch zum Baumarktparkplatz. Dort stehen Hunderte von Rollstühlen mit Alten in den verschiedensten Aggregatzuständen, von schimpfend bis skelettiert.
Für die Kunden wird die Fläche ja schon lang nicht mehr gebraucht. Es gibt hier nichts mehr zu kaufen; die Straße von Hormus ist seit mittlerweile 35 Jahren verkehrsberuhigt. Ich denke, das ist auch eine gute Zeit für uns, zu gehen.
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