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Die WahrheitUnfreiwillige Passagiere

Die Gastfreundschaft ist heilig in Irland, jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem staatliche Abschiebungen durchgeführt werden.

D ie irische Gastfreundschaft ist berüchtigt. Früher war sie sogar gesetzlich verankert. Die „Brehon Laws“, eine erstaunlich fortschrittliche Rechtsform, legten vor 1.500 Jahren fest, dass Reisenden Gastfreundschaft zu gewähren war. Die Verweigerung war illegal und konnte mit einer Geldstrafe belegt werden.

Auch wenn die Engländer diesen Gesetzen nach der Invasion Irlands den Garaus gemacht haben, ist die Gastfreundschaft erhalten geblieben. Davon schwärmen Generationen ausländischer Besucher, die nach durchzechter Nacht mit Einheimischen aus einem Pub hinaus gewankt sind.

Manche lieben Irland so sehr, dass sie gar nicht gehen wollen. Aber so weit geht die Gastfreundschaft denn doch nicht. Im November vorigen Jahres komplementierte man 52 Menschen aus Georgien geradezu hinaus. Um der Sache Nachdruck zu verleihen, wurden sie auf dem Flug von 113 Polizisten begleitet. Die hielten einen der Männer am Boden fest und fesselten ihn mit Handschellen, bevor sie ihn auf eine „weiche Matte mit dem Gesicht nach oben“ legen und ins Flugzeug tragen konnten. Der Mann war offenbar aufgebracht, weil sein Handy im Frachtraum des Flugzeugs verstaut worden war. Klarer Fall von digitalem Trennungstrauma diagnostizierten die Beamten.

Zur Gastfreundschaft gehört auch das eherne Gesetz, dass ein Gast niemals hungrig nach Hause gehen darf. Das gilt sogar für ungebetene Gäste, die der Staat abschieben will. Der erste gecharterte Abschiebungsflug, der 24 Männer in das mehrheitlich muslimische Pakistan beförderte, fand am 23. September 2025 statt. Auf dem Flug waren mehr als dreimal so viele Polizisten wie Abgeschobene an Bord, obwohl sich unter den Passagieren nur eine Person befand, die eine strafrechtliche Akte hatte.

Halbe Million für Rodelschlitten

Die Behörden gaben an, dass die sogenannte „Operation Toboggan“ – das ist ein Rodelschlitten – 473.000 Euro gekostet habe, wobei weitere 1.120 Euro für Verpflegungskosten aufgewendet worden seien. Das sind 46,66 Euro pro Person, wenn man davon ausgeht, dass die Polizisten ihre eigenen Stullen dabeihatten.

Da der Flug in aller Herrgottsfrühe startete, wurde den unfreiwilligen Passagieren ein herzhaftes irisches Frühstück serviert. Anders als in den Irish Pubs in Deutschland, wo Lachsbrote mit Champagner als irisches Frühstück gelten, ist das echte irische Frühstück bei Menschen aller Religionen berüchtigt, weil das gebratene Zeug einem Frontalangriff auf die Leber gleichkommt. Für Muslime kommt erschwerend hinzu, dass die Hauptbestandteile dieses Frühstücks Schweinespeck und Schweinswürstchen sind.

Die abgeschobenen Pakistanis bewerteten ihr Flugerlebnis nach der Landung mit nur einem Stern, weil sie Halal-Essen erwartet hatten. Die Polizisten hingegen waren zufrieden: Sie hatten sich den Speck und die Würstchen geteilt und vergaben fünf Sterne.

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Ralf Sotscheck

Ralf Sotscheck Korrespondent Irland/GB

Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht", "Zocken mit Jesus" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc. www.sotscheck.net
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