Die Wahrheit: Krankfeiern, bis das Biest kommt
Die Pläne der Bundesregierung, dass bereits vor der Ansteckung ein Attest vorliegen muss, sorgen für immer kreativeren Protest.
„Au, au! Aua!“ Im Coffee Corner der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Regionalbüro Osnabrück ist die Stimmung blendend. Friedel Britzner, gelernter Kellner, Koch, Sommelier und Flink-Ausfahrer, bittet hinein „in die gute Stube des sozialen Gewissens“, wie er freundlich grinsend anmerkt. Als langjähriges ordentliches Mitglied der NGG hat der 57-Jährige nach eigenem Bekunden „endlich wieder ordentlich Spaß an Aktionen gegen den Sozialabbau“. Was die amtierende Bundesregierung unter der CDU-Federführung von Gesundheitsministerin Nina Wracken, nein, Warken jetzt ändern will, „setzt tolle Riotimpulse bei uns hier und draußen in den Betrieben und Gewerken frei“, bringt es Britzner auf den packenden Punkt.
Denn seit die geplante Maßnahme, bereits ab dem ersten Krankheitstag von Arbeitenden eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, kurz AU wie aua, aua einzufordern, nun ab sofort dahingehend erweitert wurde, dass der Kanzler zur Genesung Gesamtdeutschlands darauf besteht, dass „bereits vor der Ansteckung ein Attest vorgelegt werden muss“, reißen die Proteste nicht ab. Hier im Coffee Corner der NGG laufen bundesweit die Aktionsfäden zusammen.
Es geht zu wie in einem bienenfleißigen Taubenschlag, auch wenn hier doch nur Menschen am Werk sind, „die die Schnauze voll haben von politischem Quark mit Soße“, so die 91-jährige Rosa Müller. Müller ist seit ihrem 15. Lebensjahr aktives Mitglied in der NGG und verdient sich „jetzt noch was dazu im Bordrestaurant der Deutschen Bahn, wenn es aufhat, ich bin Aufstockerin, Diagnose akute Altersarmut, Sie wissen schon …“
Heute streikt Müller allerdings, im Moment ist sie am Mixen eines starken Schnupfenrotzvirus-Cocktails, den sie bei ihrer nächsten Schicht im ICE-Bordrestaurant „in kleiner Dosis, reicht ja auch, unters Personal und die Gäste“ bringt. Konnte sich die malochende Seniorin bis jetzt bei einem Infekt ganz unbürokratisch bei ihrem langjährigen Hausarzt telefonisch krankschreiben lassen, soll sie sich nun nach dem Willen der Bundesregierung, die nach eigenen Worten für „Bürokratierückbau“ steht, „in eine komplett überfüllte Siechenbutze“, so Expertin Müller, begeben.
Die Folge: noch mehr Ansteckungen, Leid, Verderbnis, Fäulnis und vor allem schlechte Laune in Schland. Hausarztpraxen, die Barmer, DAK und all die anderen Nichtbeamten noch annehmen, sind bekanntlich jetzt schon überfordert mit dem Ansturm an Maladen. Sie lechzen verständlicherweise deshalb nach Menschen, die von ihnen dann für ein oder zwei Tage krankgeschrieben werden.
Stellen Gemischtwarenladen-Ärzte und -Ärztinnen, was man ihnen nicht verdenken kann, deshalb bei sogenannten Bagatellerkrankungen in Zukunft gleich eine Au-au-aua-Bescheinigung für eine Woche aus, machen sie sich, so will es die Bundesregierung, nach Paragraf 278 des Strafgesetzbuches dann noch strafbarer und werden höchstwahrscheinlich sofort in den nächstgelegenen Medizinalkerker geworfen. Und das Arbeitstier? Bleibt nicht nur ein oder zwei Tage zu Hause, sondern gleich die ganze Woche. Eine gelungene betriebliche Effizienzsteigerung.
Friedel Britzner nickt bei dem Stichwort zustimmend. „Schauen Sie“, zieht uns der Serviceprofi mit einladender Geste in den lichten Formularbereich der NGG Osnabrück: „Hier entstehen gerade handgeschöpfte, umweltfreundliche Vordrucke zur Gesundschreibung, davon schicken wir, als Protestnoten gedacht, morgen 35.000 Stück an Frau Warken. Portogebühren bezahlt die Empfängerin, wir verstehen uns?“
Britzner lacht sich ins linke Fäustchen, mit dem anderen deutet er auf die „Podcast- und Videoecke, wo der Cosmo, der Lars-Aleeke und die Mia gerade eine Impro-Show veranstalten“. Aufgezeichnet und auf Youtube gestellt wird eine Folge „Berghaindoktor“ mit dem passenden Untertitel „Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung“. Britzner gluckst selig, „die jungen Leute sind wirklich innovativ, genauso hat ja auch die Bundesregierung ihre neue Folge genannt!“.
Weiter geht es zur „Aqua-Basis“ hier in Osnabrück-Wüste, an der es sonst nur gratis Wasser für NGG-Mitglieder und Besucher gibt. Heute nach Feierabend ist hier allerdings eine wilde Mottoparty geplant: „Krankfeiern, bis das Biest kommt“, steht in Graffitilettern quer über den Wasserzapfhahntresen gesprüht. Für 18 Uhr hat sich die Grünen-Politikerin Ricarda Lang angekündigt, die soeben noch über alle angeschlossenen Ticker und vor allem über Instagram hatte verlauten lassen, dass tunlichst die „Schnapsidee“ bei Krankschreibung nicht beschlossen werden solle von der Bundesregierung. D’accord!
Kneipe Zur Krankschreibung
Ob es nach der Party mit Wasser, Korn und Starkbier noch zu einer Videosprechstunde mit Lang kommt, war bis zu Redaktionsschluss nicht bekannt. Was sicher ist: Die als Kneipe Zur Krankschreibung umgebaute Aqua-Basis der NGG bleibt Osnabrück-Wüste auch nach dem Besuch von Ricarda Lang erhalten.
„Evidenz statt Ideologie, geht es ums Kranksein, ist das Gebot der Stunde“, fordert Friedel Britzner zum Abschluss unseres doch recht unterhaltsamen Termins. Ein wahrer Wunsch, dem wir uns nur anschließen können. Und noch weiter gehen wollen: Nicht nur eine Stunde lang, sondern für den Rest ihrer Amtszeit sollte diese den Sozialstaat und seine Bürgerschaft verachtende Bundesregierung statistische Evidenz walten lassen. Statt ihre haltlose In-die-Hände-spuck-Ideologie zu verbreiten. Jawoll!
Britzner und Seniorin Müller, die zum Abschied nur winkt, weil sie uns rücksichtsvoll nicht mit ihrer Protestnote, dem von ihr gemixten Schnupfenrotzvirus, anstecken will, halten noch einen so witzigen wie spielerischen Trumpf zum Thema Krankschreibung bereit. Es ist Krake Knut, ein liebenswerter Kopffüßer mit acht Fangarmen samt Saugnäpfen und so groß wie ein durchschnittlicher Bürotisch, der uns zum Ausgang geleitet. „Na, wollen wir doch mal sehen, wann es Sie das nächste Mal gesundheitlich erwischt“, krakeelt der Krake. Jetzt aber doch weg hier, rein in die Wüste von Osnabrück!
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