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Die WahrheitPasst durch oder passt nicht durch?​

Weil die Preise steigen, empfehlen die Verbraucherzentralen ab sofort und bis auf Weiteres den Einkauf mit Schablone​.

Auch für den Erwerb von Kloschüsseln ein Muss: die Schablone Foto: Thomas Wieck

Frisches Obst, Gemüse, Reis und auch Nudeln gehören zu den Dingen, die im Supermarkt angeboten werden. Aber auch andere Lebensmittel wie Freilandeier, abgefüllte Suppen und Birnen stehen in den Regalen. Wenn es nach dem Bundesverband der Verbraucherzentralen geht, sollen diese Produkte künftig nur noch dann im Einkaufswagen landen, wenn sie durch die Schablone passen. Angesichts steigender Verbraucherpreise sei das technische Hilfsmittel im Supermarkt unentbehrlich, heißt es in einer neuen Einkaufsempfehlung.

Ein Ortsbesuch in einem Discounter in der Bremer Neustadt. Ist die Schablone als Einkaufshilfe schon im Alltag der Verbraucherinnen und Verbraucher angekommen? Mareike Schnittelbeck steht gerade beim frischen Spinat, der in Plastikbeuteln, groß wie Kopfkissen, im Gemüseregal angeboten wird. „Schon wieder gammelig“, schimpft sie. Ob sie sich freuen würde, die Kaufentscheidung mithilfe einer Schablone zu treffen, fragt der Reporter. „Ja, und wiederum auch nein“, antwortet die Frau. „Helfen würde eine Schablone schon, aber ich habe beim Einkaufen immer die Hände voll und könnte die Schablone daher nicht benutzen, daher würde sie mir überhaupt nicht helfen.“

Was durch die Schablone passt, darf gekauft und gegessen werden; was nicht hindurchpasst, davon kann man nicht sagen, dass es gegessen werden sollte. So einfach lautet die neue Regel, mit der die Verbraucherzentrale neue Standards beim Verbraucherschutz setzen will. Doch es existiert nicht eine Schablone, es gibt viele verschiedene.

„Für jede Form und Größe gibt es die passende Schablone“, erklärt Astrid Johansson, Chefin des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Auf ihrer Internetseite bieten die Verbraucherschützer alle geeigneten Schablonen zum Herunterladen an. Sie können zu Hause ausgedruckt und bei Bedarf laminiert werden.

Zurück im Discounter. Ein hochgewachsener Mann betritt den Laden. Er heiße Anton Rachmaninow, sei aber „mit dem berühmten Musikanten weder verwandt noch verschwägert“. Unter seinem Mantel zieht der Mann die Schablone D6 hervor. Es handelt sich um die Standardschablone der Ausführung D6, eine Breitbandschablone, die den Einkauf im gesamten Supermarkt und auch im Getränkemarkt abdeckt.

Alles für den Wohlfühlabend einkaufen

„Es ist herrlich“, sagt Rachmaninow. „Ich gehe heute für einen Wohlfühlabend einkaufen: Schweineschnitzel Cordon-bleu-Art, Käse, Radieschen und einen großen Topf Rote Grütze. Voraussichtlich wird alles durch die Schablone passen, sodass ich ein Abendessen haben werde, das meinen Vorstellungen entspricht.“

Doch die gute Laune verfliegt schnell, als Herr Rachmaninow kurzentschlossen eine Gurke kaufen will und sie nicht durch die Schablone passt. „Nicht quer! Der Länge nach!“, ruft eine Frau mit Brille von der anderen Seite des Gemüseregals. Ob sie auch mit Schablone einkaufen gehe, will man noch wissen, doch die Frau ist bereits in Richtung Kühltheke verschwunden.

Dass sich der Einkauf mit Schablone am Monatsende auszahlt, ist das Ergebnis einer Studie der Universität Düsseldorf, die die Verbraucherschützer in Auftrag gegeben haben. Demnach sanken die Kosten pro Einkauf, je mehr Schablonen dabei zum Einsatz kamen. Am meisten sparten Verbraucher, die vor dem Einkauf 30 bis 40 Schablonen erhielten und den Auftrag bekamen, jedes Produkt vor dem Kauf anhand der jeweils vorgesehenen Schablone zu prüfen. „Teilweise kamen diese Testpersonen nach einer halben Stunde mit nur zwei oder drei Produkten aus dem Laden“, berichtet Verbraucherschutzchefin Johansson.

Sie und ihr Team arbeiten beständig daran, das Schablonenangebot auszuweiten, um missliche Situationen wie die mit der Gurke zu verhindern. Bisher gibt es die Ausdruck-Schablonen in den Varianten A bis E, jeweils in den Ausführungen 1 bis 12. Doch neue Modelle sollen ergänzt werden, um die Bedürfnisse der Verbraucher bestmöglich abzubilden. „Wenn ein Produkt durch keine Schablone passt, können Verbraucher uns dies per Kontaktformular melden“, sagt Johansson. „Auf dieser Grundlage entwickeln wir die Schablonen der Zukunft.“ Erklärtes Ziel sei es, dass bis spätestens 2030 alles durch die Schablone passt.

Die Industrie reagiert auf all dies gespalten. Während manche Unternehmen einen Umsatzeinbruch befürchten, antwortet der Verpackungshersteller Tetra Pak etwa mit Innovation. Er kündigte diese Woche eine neue Milchverpackung an, die durch jede Schablone passen soll: Sie sei drei mal drei Zentimeter breit, dafür aber eineinhalb Meter hoch. Der Länge nach könne der neue reißfeste „Milchschlauch“ problemlos durch die allerschmalsten Schablonen gezogen werden. Eine famose Geschäftsidee, die durch keine Schablone passt.

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1 Kommentar

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  • Papperlapapp: Eine Schablone reicht, wie schon Frank Zappa erkannt hat: One size fits all. Und falls mal doch nicht, kommt die alte Handwerkerregel zur Anwendung: Was nicht passt wird passend gemacht. Gleich an Ort und Stelle.