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Die WahrheitKiwis in der Krise

Neues aus Neuseeland: Kritik aus dem Ausland trifft abseits von den Mittelpunkten der Menschheit Down Under noch viel mehr.

D a Kiwis an einem tiefen kulturellen Minderwertigkeitskomplex leiden, schmerzt nichts so sehr wie Kritik im Ausland. Vor allem dann, wenn wir unsere Probleme bisher still ausgesessen haben. Ausgerechnet auf der größten Tourismusbörse der Welt, der ITB in Berlin, hat man dem Land der langen weißen Wolke diese Schmach zugefügt und unsere schmutzige Wäsche gewaschen. Der Haussegen hängt schief.

Außer dem Nahostkonflikt wurde auf der ITB-Messe nichts so heiß diskutiert wie unser Fernwehparadies, das stets als eines der sichersten Länder galt: keine gefährlichen Tiere, kaum Kriminalität, dafür liebenswerte Einwohner und ein gemäßigtes Klima. Das ozeanische Traumziel birgt jedoch ein Risiko, das sich zum Skandal entwickelt hat. Das größte Übel für Reisende sind Fähren.

Seekreuzer, die auf der Cook Strait zwischen Wellington und Picton seit 60 Jahren mehrmals am Tag die Nord- und Südinsel verbinden, sind eigentlich ein fabelhaftes Transportmittel, wenn sie nicht ständig wegen Reparaturen im Dock liegen würden. Plätze sind rar und teuer, Umbuchungen schwierig, und der Alarm ist groß. Vor allem bei deutschen Reiseveranstaltern Down Under.

Fähren-Fiasko

Die rebellierten lautstark und fordern, dass jetzt „an höchster politischer Stelle“ gehandelt werden müsse, da immer wieder Wander- und Kajak-Touren aufgrund des Fähren-Fiaskos ausfielen. Diesen Planungsstress könne man enttäuschten Kunden nicht mehr zumuten. Mit solchen Vorwürfen ist nicht zu spaßen. Der Tourismus ist Aotearoas zweitstärkster Wirtschaftsfaktor.

Nicht nur durch peinliche Enthüllungen vor internationalem Fachpublikum ist unser Ruf ruiniert. Ähnlich blamabel sieht es mit der Ökomarke Allbirds aus, die 2014 mit einer Kickstarter-Kampagne von Neuseeland aus die Welt eroberte. Promis wie Barack Obama und Cindy Crawford trugen die soften Wollschuhe, Leonardo DiCaprio wurde Investor, Silicon Valley zog nach. Edelläden von San Francisco bis London machten Rekordumsätze.

Nach „Herr der Ringe“ und Lorde hatten wir nun auch einen Schuh als Export-Star. Adidas und Allbirds brachten gar einen gemeinsamen Sneaker heraus. Doch nach der Pandemie ging es bergab. Die Umweltbilanz der Schuhe stand in der Kritik, der Ruf litt. Das Wall Street Journal lästerte: „Wie hat Allbirds seinen Kurs verloren?“ Die flauschigen Vögel sind seitdem auf rasantem Sinkflug. Alle US-Filialen sollen geschlossen werden.

Jetzt folgte der Schock, dass die einst 4 Milliarden Dollar schwere Firma für schlappe 39 Millionen verkauft wird – und entgegen ihrem Bio-Image voll auf den KI-Markt setzt. Mit dieser Bankrotterklärung des einstigen Lieblingslabels wankt die letzte Säule unseres nationalen Selbstbewusstseins. Das ist zurzeit so leck wie eine Cook-Strait-Fähre und so instabil wie ein ausgeleierter Wollschuh. Immerhin ziehen wir global mit: Krise können wir auch.

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Anke Richter
Anke Richter ist Wahrheit-Kolumnistin, vierfache Buch-Autorin, Sektenreporterin und Mitglied von Weltreporter.net in Neuseeland. Zuletzt erschienen von ihr die Auswanderersatire "Was scheren mich die Schafe. Unter Neuseeländern - Eine Verwandlung" (Kiepenheuer & Witsch) und ihr investigatives Werk "Cult Trip: Inside the world of coercion & control" (HarperCollins). Sie gründete und leitet die Organisation Decult und wurde 2025 mit dem Ethical Journalism Award des Freedom Train Projects in den USA ausgezeichnet. https://ankerichter.net/ https://decult.net/
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