Die Wahrheit: Bartneid und Fummelorgasmus
Verbote sind innerhalb von Religionsgemeinschaften meist unerträglich für die Beteiligten, von außen betrachtet sind sie allerdings äußerst komisch.
A us biografischen Gründen interessiere ich mich für absurde religiöse Vorschriften und Verbote. Wie das lustige Kaffee- und Schwarzteeverbot bei den Mormonen. Ich selbst bin ja, wie ich hier und da schon mal erwähnte, als kleiner Zeuge Jehovas aufgewachsen. Und Kaffee hin, Mormonen her, die Zeugen Jehovas bleiben – zumindest innerhalb der mehr oder weniger christlichen Religionen – die Großmeister der Prohibition.
Zu „meiner Zeit“ waren bei den Zeugen Jehovas unter anderem folgende Dinge verboten: masturbieren, Geburtstag, Weihnachten, Ostern und Karneval feiern, Zigaretten rauchen, Horoskope lesen, „Gesundheit“ sagen, wenn jemand nieste, sich zuprosten, „satanische“ Musik hören, studieren, vorehelicher Sex jeglicher Art, inklusive heavy Fummeln bis zum Orgasmus, Oral- oder Analsex, auch mit dem Ehepartner, schwul oder lesbisch sein sowieso, Organtransplantationen und Bluttransfusionen.
Die Gründe für solche Verbote sind in der Regel: Entweder steht es so in der Bibel, oder in der Bibel steht etwas, das so interpretiert wird. Was ja nicht dasselbe ist. Oder es ist einfach nur Willkür.
So sollten die „Brüder“ bis vor circa zwei Jahren auch keine Bärte tragen. Keiner wusste warum, zumal in den Publikationen der Zeugen Jehovas ja auch unzählige heilige Männer mit üppiger Gesichtsbehaarung abgebildet werden. Von Moses bis Jesus.
Gedenkmatte
Tatsächlich wurde das Barttragen von Joseph Rutherford, dem zweiten Präsidenten der „Wachtturm-Gesellschaft“ in den dreißiger Jahren geächtet, weil es ihn wurmte, dass viele Bibelforscher, wie die Zeugen sich damals noch nannten, ihn im Vergleich zu seinem Vorgänger, dem verstorbenen Charles Taze Russel eher doof fanden. Russel, der Gründer der Religionsgemeinschaft, war ein Rauschbartträger vor dem Herrn und viele seiner Anhänger waren seinem Beispiel gefolgt und führten auch nach seinem Tod noch eine Art Russel-Gedenk-Matte im Gesicht spazieren. Rutherford, der selbst nur einen spärlichen Bartwuchs hatte, fühlte sich dadurch gedemütigt. Um klarzumachen, wo der Sektenhammer hängt, und um dem Laden seinen eigenen Stempel aufzudrücken, benannte er ihn in „Jehovah’s Witnesses“ um und führte, einfach so aus Daffke, weil er es eben konnte, unzählige absurde diktatorische Regeln ein. Unter anderem die Bartlosigkeit.
Das Schöne an willkürlich erlassenen Verboten ist, dass man sie auch willkürlich wieder aufheben kann. Wie gesagt, neuerdings dürfen die Zeugen also wieder Bart tragen, seit 1980 dürfen sie sich Organe transplantieren lassen, seit vorigem Jahr ist es okay, zur Uni zu gehen und ehelichen Oralsex zu genießen. Und seit vorletzter Woche kann man sich vor einer OP gespendetes Eigenblut transfundieren zu lassen. Fremdblut bleibt aber weiterhin tabu. Ebenso wie das Onanieren. Was so gesehen nicht ganz schlüssig ist. Aber irgendwo muss ja auch mal Schluss ein.
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