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Die WahrheitGar Gargarnisierendes und mehr

Bei der diesjährigen 400.001. Sitzung des Wahrheitklubs ging es zu Ehren der Donau gar feucht in Leipzig zu.

Gegurgeltes auf der Leipziger Buchmesse: Die Wahrheit-Vertreter Christian Bartel (l.) und Andreas Rüttenauer Foto: Yvonne Griesel

Die folgende Mitteilung des Wahrheitklub-Vorstands dürfen ausschließlich Vollmitglieder lesen. Nichtmitgliedern ist es strengstens untersagt, den amtlichen Inhalt des Textes auch nur zur Kenntnis zu nehmen:

„3.000 Kilometer Wahrheit und keinen Kilometer weniger“: Nichts mehr als das hatten die Vertreter der Wahrheit dem zahlreich in Halle 5 angelandeten Buchmessenpublikum zu Leipzig versprochen – mussten und sollten doch der Donau bübchenblauen Wellen in diesem Jahr gehuldigt werden. Dem zweitlängsten Rinnsal Europas (ja, rund 3.000 Kilometer lang!) war der ganze literarische Bohei in der Sachsenmetropole unter dem Wahlspruch „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ schließlich gewidmet.

Mächtig unter Strom und zwischen allen bekannten Welten standen deshalb auch Leibesübungen-Redakteur Andreas Rüttenauer und Wahrheit-Autor Christian Bartel, die am vergangenen Messesamstag die 400.001. Vorstandssitzung des als gesichert legendär geltenden Wahrheitklubs exekutieren durften. Da Vorstandsvorsitzender ©Tom und Exekutivvorstand Michael Ringel „aus Gründen“ verhindert waren und Exekutivorgan sowie Vorstandsmitglied Harriet Wolff ebensolche „Gründe“ anzuführen wusste, oblag es dem Wahrheitklub-Mitglied Rüttenauer und der ständigen Vertretung der Wahrheit-Redaktion Bartel, die öffentliche Vorstandssitzung des wahrheitlichen Bundes behutsam von der Quelle bis zur Mündung zu leiten.

Bis auf den letzten Platz füllten sich die Sperrsitze im taz-Studio, schwappten Schaulustige aus den Gängen an den Stand mit der Gewinnernummer G500, um dem wahrhaftigen Spektakel beizuwohnen. Stießen die perlenden Grußworte des quellfrisch sprudelnden Orators Rüttenauer auf zustimmend glucksendes Gelächter, wurde die anschließenden Präsentationen des mächtigen LAMINATORS mit ungläubigem Murmeln quittiert. Mit diesem komplizierten Apparillo werden die Wahrheitklubausweise wie von Geisterhand vakuumverpackt, außerdem soll er eine unheilige Rolle bei den unaussprechlichen Initiationsriten des Geheimbunds spielen. Doch sind dies haltlose Gerüchte, die der Vorstand regelmäßig entschieden zurückweist.

Ungefähre Fließrichtung

Nachdem Wahrheitklub-Badges und Freischwimmer-Abzeichen inspiziert waren und einige Wasserkarteileichen bereits flussabwärts trieben, war der beschwerlichen Vereinsarbeit Genüge getan und das Programm wandte sich munter der Donau zu, jedenfalls ihrer ungefähren Fließrichtung.

Bartel, der als letzter Brückenkopf der alten Bundesrepublik in Bonn residiert, las zur Feier der Donau eine Geschichte über den Rhein vor. Der Ex-Münchner Rüttenauer konterte umgehend mit einer bayerischen Brauchtumsreportage, die an der Isar beheimatet war. Doch: Panta rhei, wie die Neuplatoniker beim Heurigen zu sagen pflegten. Alles fließt. Vor allem zur Donau hin oder ihr entgegen. Eh klar.

Beide Flusstexte wurden überschäumend beklatscht sowie gemäß der Wahrheit-Tradition ausgebuht, auch wenn dem Kulturstaatsminister Weimer in diesem Jahr bei seinem pudelnassen Auftritt die innigeren Buchmessen-Buhs entgegenflogen. Chapeau und Gratulation!

Doch wurde die Donau von den beiden gerissenen Wahrheitvertretern nur vorläufig umschifft, damit die blubbernde Königin der untergegangenen k. u. k Monarchie beim abschließenden „wahren Wasserspiel“ umso vollmundiger verherrlicht werden konnte. „Wir möchten mit Ihnen Lyrik gurgeln!“, nahm Feingeist Rüttenauer den Mund reichlich voll – wenn auch nur mit Sprudelwasser – während Prosaiker Bartel Becher im Volk verteilte, damit sich auch die Gemeinen ihre Kehlen feuchten konnten.

Sprotzen und gurgeln

Beide Sprachkünstler gurgelten und sprotzten dann die melancholischen Verse des Wiener Gewässerbedichters Johann Baptist Mayrhofer vor, die Franz „Die Forelle“ Schubert in die spritzige Tonkunst seines Liedes „Auf der Donau“ gegossen hat: „Auf der Wellen Spiegel / Schwimmt der Kahn. Alte Burgen ragen / Himmelan; Tannenwälder rauschen / Geistergleich. Und das Herz im Busen / Wird uns weich“.

Dann wurde gemeinsam mit dem Publikum angetrunken und das Poem Vers für Vers aus vollem Rachen zusammen gegurgelt, dass es eine wahre, wenn auch kakophon-kehlige Freude war.

Denn erst in der „Gargarisierung“, wie die Mediziner das feuchte Röhren im Rachen nennen, entfaltet Schuberts Kunstlied so recht seine völkerverschwisternde Kraft. Noch bis spät in die Nacht sollen denn auch in Leipziger Kneipen die Anrainer diverser Flüsse vom Amazonas bis zur Weißen Elster die schmissigen Donauverse einträchtig mit diversen Bieren gegurgelt haben. Wie immer galt dabei und auch am Leipziger Ende dieser gurgelnden Veranstaltung die Wahrheitklub-Devise: „Ridentem dicere verum“.

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2 Kommentare

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  • Ach, gurgelt Euch doch was...

    • @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

      Die wollen ja auch unter sich bleiben. Schon die Kenntnisnahme der oben geschilderten Festivität ist strengstens untersagt – von einer Kommentierung ganz zu schweigen.



      Aber da die Tür zum Café Kommentar trotzdem geöffnet ist (wie das?), schmuggele ich noch mal das voran gegangene Thema mit dem Krakenzüchter und dem Dackel ein. Ich bin zugegeben etwas mürrisch darüber, dass ausgerechnet die letzte Folge der „etwas anderen Fortsetzungsgeschichte“ für eine Kommentierung gesperrt wurde. Das Ende war doch sehr abrupt und alles ist irgendwie weg gegluckert. Bei aller Dramatik in Mathilde-Regines Auftritt, bleibt mir schleierhaft, wie Heinz-Herrmann seine „wahre Bestimmung“ gefunden haben soll. Schließlich ist er eben gar kein Spinnenzüchter geworden, sondern selbst eine Spinne. Und wie er aus der Sache wieder rauskommen soll, bleibt rätselhaft. In konventionellen Serien ist das der von den Produzenten gegebene Anlass fürs Publikum, auf eine zweite Staffel zu hoffen. Aber hier, bei einer Geschichte, die sich fortgesetzt irgendwie auch selbst erfindet, wie mir vorkam. Ich weiß nicht…Vielleicht hat sie Mathilde-Regine erdolcht? Nichts ist gewiss, nicht mal, dass Dackel kurze Beine haben.