Die Wahrheit: Dackels Falle in Haus Sieben
Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte (Teil 4). Heute: Der brüllende Hausarzt.
Was bisher geschah: Heinz-Hermann beschäftigt sich mit seltsamen Dingen und mit Kraken und Spinnen. Und er geht Anrufen seines Vaters aus dem Weg, der ein Meisterspion war. Doch dann erscheinen Herbert Hermann und die Stimme von Freddy Quinn, die Heinz-Hermann auf die Große Freiheit nach Hamburg locken, wo ihn die Erinnerung an die Bordsteinschwalbe Gulia überkommt …
Heinz-Hermann stand vor der verschlossenen Tür im ersten Stock der Großen Freiheit Nummer Fünf. Eigentlich wollte der „Dackel“ ja in Nummer Sieben auf ihn warten, aber die Hausnummer gab es offenbar nicht.
HH, wie ihn seine Münchener Freunde seiner Herkunft wegen auch gern nannten, überlegte fieberhaft: Vielleicht war ja die Nummer Sieben aus der Verankerung gerutscht, auf den Kopf gekippt und somit erst zur Fünf geworden. So wie es in Komödien ja auch immerzu an Zimmertüren mit der Neun und mit der Sechs passierte: Lustige Verwechslung, hihi, haha, wat hebbt wi lacht.
Nein, die Zahl war nicht gekippt: Das wurde ihm in dem Moment klar, da aus der sich nun schlagartig aufgerissenen Tür ein weißbekittelter Maniac herausstürmte, Heinz-Hermann am Kragen packte und auf ihn einbrüllte, dass ihm der gelbe Geifer bloß so von dem Lefzen troff: „Da sind Sie ja endlich! Wir müssen unbedingt ein großes Blutbild machen!“
Der Krakenzüchter erbleichte: O Gott! Dr. Quentin-Hinrich Salber! Sein Hausarzt! Der war ja mal leider so was von überhaupt nicht dicht. Ein mörderischer Psychopath im Arztgewand. Jetzt wusste er wieder, warum er die Adresse Große Freiheit Nummer Fünf bis zum jüngsten Tag weitesträumig hatte meiden wollen. Vergessen, scheiße, Pech gehabt.
Vor Angst war er wie paralysiert. Dr. Salber zog den Wehrlosen in seine „Praxis“, ein nach Blut, Patschuli und Eiter stinkendes Atelier, in dessen Mitte eine große Staffelei stand.
Schnitt in den Handteller
„Aua“, schrie Heinz-Hermann. Der „Arzt“ hatte ihm mit einem rostigen Jagdmesser einen tiefen Schnitt in den Handteller versetzt und tauchte seinen Pinsel in das pulsierend hervorquellende Blut. Damit skizzierte er auf der Leinwand aus Menschenhaut erst eine Landschaft, dann den Himmel mit Sonne, Mond und Sternen, und schließlich das Meer. Auf dem Meer ein Schiff, am Bug der Name: „Harald of Free Enterprise“.
Der unfreiwillige Patient verlor langsam das Bewusstsein. Der Blutverlust, die Panik, die Sinnlosigkeit. Dazu musste er in einer Art Übersprungshandlung wahnsinnig lachen. Hatte ihm Rupert Schulte, der „Dackel“, diese Falle gestellt, indem er das Haus mit der Nummer Sieben gesprengt, versteckt oder abgebaut hatte?
Erneut tutete draußen ein Fährschiff der HADAG. Schwächer werdend fiel ihm nun ein, wie es damals zum endgültigen Bruch mit Vater gekommen war. Als ausgerechnet „HH“ seine Liebe zur Münchener MVG entdeckt hatte und von morgens bis abends nur noch sämtliche Abfahrzeiten der S-Bahnen zwischen München-Zupfliesl, Sauschweinderl-Süd und Hinterschalkding-Niederekelskirchen herunterbetete, war das wie üblich in den kroatischen Nationalfarben gehaltene Geschirrhandtuch zwischen den beiden endgültig zerschnitten. Der alte Hanseat und Hamburger Nahverkehrsfreak stellte den missratenen Sprössling vor die Wahl: aus dem Haus, aus der Welt oder aus dem Leben. Und zwar sofort.
Fass mit Labskaus
Und etwas anderes wurde ihm auf einmal absolut bewusst: Sein Vater hatte nicht nur Freddy Quinns Stimme. Er war Freddy Quinn, der Matjesbarde von Tüdelsdorf, der bereits vor 75 Jahren in einem Fass mit Labskaus ertrunken war. Die mörtelgleiche Substanz hatte seinen Körper komplett konserviert, sodass Vaters freischwebender Geist von ihm Besitz ergreifen und, mit dem Leib des singenden Zombies als wirtstierartiges Vehikel, eine Familie hatte gründen können. Die Kinder Skylla-Jacqueline, Jonas-Charybdis und eben der kleine Heinz-Hermann; der Jüngste, das Nesthäkchen, der Hosenscheißer.
Lästerlich grölend schmierte der verbrecherische Mediziner weiter an dem großen Blutbild herum. Wie um Heinz-Hermann zu verhöhnen, fügte er nun noch eine Riesenkrake hinzu, die das Schiff mit ihren Tentakeln zu umschlingen drohte.
Ein erschrockenes Hicksen drang schwach aus seinem Jackettärmel. „Es ist gut“, flüsterte er der kranken Kleinkrake K. zu, die er stets im Ärmel seines purpurgestreiften Krakenzüchterjackets mit sich führte, um im Notfall rasch auf jegliche gesundheitliche Verschlechterung ihrerseits reagieren zu können. „Es ist gut. Wir bleiben zusammen. Egal, was passiert.“
Die Augen wollten ihm gerade zufallen, um die ewige Nacht einzuläuten, da sah er, undeutlich verzerrt im Nebel seiner sterbenden Sinne, wie eine verschwommene Gestalt sich von hinten an den arglosen Teufelsmaler heranschlich, und mit beiden Händen eine riesige Bratpfanne schwang: Senore Krell, Mathilde-Regine, Giulia …?
Fortsetzung demnächst
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