piwik no script img

„Die Odyssee“ von Christopher NolanDer Krieg hat ihn gebrochen

Der Regisseur Christopher Nolan schickt in „Die Odyssee“ den Star Matt Damon auf große Irrfahrt. Es ist ein schwerfälliges Epos.

20 Jahre nach dessen Aufbruch nach Troja klammert sich selbst Odysseus’ Hund Argos mehr schlecht als recht ans Leben. Auch sonst steht es nicht zum Besten im Hause Odysseus. Seine Frau Penelope (Anne Hathaway) muss sich die Bewerber als Ehemann und damit König von Ithaka gleich mehrfach vom Leib halten. Einerseits physisch durch eine durchscheinende Trennwand und andererseits metaphorisch durch ein Totentuch. Wenn es fertig ist, hat sie versprochen, einen der Bewerber zu wählen. Abend für Abend spinnt sie und trennt dann tags darauf wieder auf. Doch auf Dauer ist das kein Zustand.

Odysseus wiederum sitzt nach dem Sieg über Troja und dem Verlust seiner Männer auf der Heimreise allein, festgehalten von der Nymphe Kalypso, auf der Insel Ogygia fest. Nach sieben Academy Awards für seinen vorangegangenen Film „Oppenheimer“ (2023) hatte Hollywood-Regisseur Christopher Nolan freie Hand bei der Wahl des nächsten Filmprojekts. Seine Wahl fiel auf einen der Gründungstexte der europäischen Literatur und der griechischen Antike: Homers „Odyssee“.

„Erzähl mir von einem komplizierten Mann, / Muse, erzähl mir, wie er umherwanderte und verloren ging / nachdem er die heilige Stadt von Troja zerstört hatte, / und wohin er ging, und wen er traf, den Schmerz, / den er litt in den Stürmen auf See, und wie / er daran arbeitete, sein Leben zu retten und seine Männer / nach Hause zu bringen.“ 2018 erschien mit der Übersetzung der britisch-amerikanischen klassischen Philologin Emily Wilson die erste Übertragung der Erzählung von Odysseus’ Heimreise vom Krieg der vereinigten griechischen Stadtstaaten, die Troja zehn Jahre belagerten, die von einer Frau stammt.

Der Film

„Die Odyssee“. Regie: Christopher Nolan. Mit Matt Damon, Tom Holland u. a. Vereinigtes Königreich/USA 2026, 172 Min.

Erobern konnten die Griechen Troja erst, als Odysseus auf die Idee kam, den Bewohner_innen der Stadt ein hölzernes Pferd zu hinterlassen, in dem er sich gemeinsam mit einer Gruppe griechischer Kämpfer versteckte. Als das Pferd in der Stadt stand, kletterten sie heraus und öffneten das Stadttor für die griechischen Kämpfer. Was folgte, war ein Blutbad. Wilsons Übersetzung verzichtet wie im oben zitierten Beginn des Epos auf den Pathos früherer Übersetzungen und zeichnet Odysseus als vom Krieg gebrochenen Mann.

Sein Trauma dämpfen

Nolan greift diese Deutung von Odysseus in seinem Film auf. Er lässt seinen Protagonisten (Matt Damon) sichtlich mitgenommen von den Gräueln des Krieges und der windungsreichen Heimfahrt am Strand entlanglaufen. Mit Kalypso (Charlize Theron) hat er sich auf deren Insel einem einfachen Leben verschrieben. Der Lotus, den sie ihm anfangs noch gegeben hat, um sein Trauma zu dämpfen, ist längst zur Gewohnheit geworden.

In der Struktur seines knapp dreistündigen Films folgt Nolan den beiden Haupthandlungssträngen von Homers Erzählung: Einerseits sucht vor allem Odysseus’ Sohn Telemachos (Tom Holland) nach Informationen über seinen vermissten und unterdessen von allen tot geglaubten Vater, andererseits kehren bei Odysseus nach sieben Jahren auf der Insel mit Kalypso allmählich Erinnerungen an seine Heimat und die Ereignisse des Trojanischen Krieges zurück.

Wie in der Vorlage lässt Nolan diese beiden Handlungsstränge sich allmählich aufeinander zubewegen, unterbricht sie jedoch, anders als in der Vorlage, durch Rückblenden, die sich spiralförmig aufeinander zubewegen.

Zwei Handlungsstränge, zahlreiche Rückblenden

In den Begegnungen von Telemachos entrollt sich so allmählich die Geschichte der Belagerung Trojas, in den Erzählungen von Odysseus, der bei Kalypso um seine vom Trauma und dem Lotus verdeckte Erinnerung ringt, tauchen die Ereignisse der Heimfahrt – die eigentliche Odyssee – auf.

Odysseus und seine Begleiter töten den Kyklopen Polyphem, einen einäugigen Riesen, der Schafe züchtet. Den Laistrygonen, einem anderen Volk von Riesen, fallen zwei der drei Schiffe und zahlreiche Mitglieder von Odysseus’ Reisegemeinschaft zum Opfer. Die Zauberin Circe verwandelt die verbleibenden Gefährten zeitweise in Schweine, lässt sich aber letztlich von Odysseus überzeugen, sie wieder zurückzuverwandeln.

Die Struktur mit den beiden Handlungssträngen und den zahlreichen Rückblenden macht den Film schwerfällig, und es braucht eine Weile bis er in Gang kommt. Das ist die eine Schwäche des Films, die zweite ist, dass der Cast voller Stars weitgehend solipsistisch vor sich hin spielt. Außer Odysseus gibt es kaum Figuren mit Tiefgang, und wirkliche Beziehungen zwischen den Charakteren entstehen auch nicht.

Das sind alles Probleme, die Nolan letztlich aus der Vorlage übernimmt. Trotz aller Reduktion ist die „Odyssee“ eben in der Vielzahl der Schauplätze und des Personals der Handlung immer noch episch. Das steht Nolans Stärken im Weg, die immer dann glänzen, wenn ihm die Handlung nicht dazwischenkommt.

Nolan zeigte 2012 in „The Dark Knight Rises“ seinen Helden Batman in einer existenziellen Krise, gefangen in einem Bodenloch. In „Die Odyssee“ ist die Neuerfindung von Odysseus der Teil der Handlung, der am meisten überzeugt. Die Erzählung vom gefeierten Helden, der nach dem Sieg psychisch versehrt umherirrt, bevor er schließlich als neuer Mensch nach Hause zurückkehrt, trägt Nolans Film.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Trailer „Die Odyssee“

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

In ihren stärksten Momenten gleichen Nolans Filme Meditationen über den Kern des Gezeigten. Action oder Handlung allgemein sind in seinen Filmen eine Möglichkeit, aber keine Notwendigkeit, um den Film voranzubringen. Die Welt der Filme berührt die Figuren oft mit Verzögerung. Es sind nicht die Geschehnisse selbst, sondern deren Nachhall in den Figuren, der sie und ihr Handeln in den Welten seiner Filme prägt. Immer, wenn sich in „Die Odyssee“ dafür Räume auftun, funkelt der Film auf.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare