Die Linke braucht mehr Basis : Alltagskämpfe in den Vordergrund
Linke Ideen und deutsche Lebensrealitäten klaffen noch immer auseinander. Auf die guten Wahlergebnisse muss die Partei jetzt mit Basisarbeit aufbauen.
Foto: Malte Ossowski/Sven Simon/imago
O peration Silberlocke“ und ein intensiver Haustürwahlkampf – bei der Bundestagswahl hat die Linke ihre Stimmen verdoppelt. Auch die Neuaufstellung der Partei, die Klassenfrage wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken, scheint ein Hauptgrund für den Erfolg zu sein: Mietwucher-Check, Reichensteuer und Plakate, auf denen steht „Ist der Einkauf zu teuer, macht ein Konzern Kasse“.
studiert literarisches Schreiben in Leipzig. Sie ist Herausgeberin der Jahresanthologie des Deutschen Literaturinstituts Leipzig Tippgemeinschaft 2023.
Obwohl ich diesen Kurswechsel begrüße, erreicht die Linke noch nicht diejenigen, die am meisten unter sozialer Ungleichheit leiden. Die Zahlen zeigen eine klare Tendenz: Während 10 Prozent der Wähler*innen mit Hochschulabschluss die Linke wählten, waren es bei Hauptschulabsolvent*innen nur 5 Prozent. Auch jeweils 8 Prozent der Arbeiter*innen und der Personen mit mittlerer Reife haben ihr bei der letzten Wahl ihre Stimme gegeben.
Wer sich politisch organisiert, tut dies meist aus Überzeugung oder aus Notwendigkeit. Ein Blick in andere Länder, etwa auf die argentinische FOL, zeigt, dass sich aus einer Organisierung, die sich auf Alltagskämpfe fokussiert, eine klare Überzeugung entwickeln kann. Sie definiert sich als antifaschistisch und antipatriarchal, der Großteil ihrer Praxis besteht jedoch darin, Alltagskämpfe für ihre Mitglieder zu führen: Wohnungen und Essen organisieren zum Beispiel.
Dort, wo es um Notwendigkeiten geht, muss die Linke präsent bleiben. Die Kluft zwischen linker Theorie und der Lebensrealität vieler Menschen bleibt groß. Klassenpolitik in akademischen Kursen zu thematisieren, reicht nicht – sie muss praktisch und langfristig erfahrbar werden. Linke müssen aktiv in Jugendzentren, Vereinen, Tafeln und Gewerkschaften sein, mit Menschen über ihre Probleme reden und gemeinsam daran arbeiten.
Selbstermächtigung und die Verbesserungen der Bedingungen sind die ersten Erfolgsergebnisse, durch die sich aus Notwendigkeiten linke Überzeugungen aufbauen können. Die Erfahrung von Verbesserungen fördert nicht nur die Lebensqualität, sie hilft auch, Überzeugungen massenfähiger zu machen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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