: „Die Gewerkschaften müssen mehr Marx wagen“
Der Tankrabatt helfe nicht gegen die Wirtschaftskrise, sagt der Ökonom Tom Krebs. Er schlägt vor, nicht nur Wohnraum zu vergesellschaften, sondern auch Stromnetze und Stahlindustrie. Wer soll das durchsetzen?
Foto: Murat Türemiş
Interview Simon Poelchau
taz: Herr Krebs, seit ein paar Tagen gibt es einen neuen Tankrabatt in Deutschland. Benzin und Diesel sind wieder günstiger. Hilft das gegen die anhaltende Wirtschaftskrise?
Tom Krebs: Nein. Diese Bundesregierung ist unfähig, eine überzeugende Krisenpolitik zu machen. Ihr fehlt einfach ein vernünftiges Konzept.
taz: Was ist falsch am Tankrabatt?
Krebs: Er kommt zu spät und ist auch nicht richtig. Die Energiekonzerne zocken gerade die Verbraucher*innen ab und machen dadurch wahnsinnige Gewinne. Da muss der Staat viel stärker in den Markt eingreifen und die Preise kontrollieren. Doch die Union und weite Teile der SPD leiden an einer naiven Marktgläubigkeit. Das macht sie unfähig, bestimmte Sachen infrage zu stellen und eine effektive Krisenpolitik mit einer umfassenden Energiepreisbremse zu betreiben.
taz: Sie haben Olaf Scholz beraten, als er Finanzminister war. Hat er als Kanzler mit seiner Ampel eine bessere Krisenpolitik gemacht?
Krebs: Auch die Ampel hat wirtschaftspolitische Fehler gemacht, aber rückblickend war sie viel besser als die schwarz-rote Koalition von Friedrich Merz. Der Ampel-Koalitionsvertrag war gut, Olaf Scholz sehr pragmatisch, und Robert Habeck hatte gute Ideen für eine strategische Industriepolitik.
taz: Aber dann gab es noch FDP-Chef Christian Lindner als Finanzminister.
Krebs: Ja, der hat während der Energiekrise immer mehr die Ampelpolitik beeinflusst. Deswegen musste Olaf Scholz auch einsehen, dass Neoliberalismus und Sozialdemokratie nicht miteinander vereinbar sind, und Christian Lindner entlassen.
taz: Seit dem Wahlsieg der Linken in Berlin diskutiert die halbe Bundesrepublik über die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne. Sie sagen, das reiche nicht aus. Neben Wohnraum wollen Sie auch die Stromnetze und Teile der Stahlindustrie vergesellschaften. Warum?
Krebs: Nur so können wir die Dreifachkrise, in der das Land steckt, überwinden und die Demokratie retten.
taz: Dreifachkrise?
Krebs: Wir erleben zurzeit die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte. Seit 2020 ist die Wirtschaftsleistung kaum gewachsen. Wäre das Wachstum stattdessen so ausgefallen wie die Jahre zuvor, wäre das Bruttoinlandsprodukt heute um 11 Prozent höher. Das entspricht einem Einkommensverlust für einen durchschnittlichen Haushalt von 12.000 Euro im Jahr. Gleichzeitig verunsichern die steigenden Energiepreise und der Jobabbau in der Industrie die Menschen. Und über all dem schwebt auch noch die Klimakrise. Das alles ist Wahlkampfmunition für die AfD.
taz: Friedrich Merz ist erst seit 2025 Kanzler. Dann liegt die Schuld an der Misere aber doch auch an der Ampel.
Krebs: Die Ampel war mit der Energiekrise letztlich überfordert. Sie hat zu lange für eine Antwort auf die steigenden Gaspreise gebraucht. Anfangs wollte sie sogar die Verbraucher*innen mit einer Gasumlage zusätzlich belasten. Davon hat die AfD massiv profitiert. Später kam Robert Habecks Heizungsgesetz hinzu. In seinem zu Recht kritisierten ersten Entwurf hat er zu wenig auf Förderungen und Mieterschutz gesetzt. Beides führte dazu, dass sich die Zustimmungswerte für die AfD während der Ampelkoalition von 10 auf 20 Prozent verdoppelten.
taz: Vergesellschaftungen, wie Sie es fordern, klingen für viele Menschen nach Sozialismus. Inwiefern dachten Sie an Karl Marx, als Sie Ihr kürzlich erschienenes Buch „Kapital und Krise“ schrieben?
Krebs: Marx hat auf einer abstrakten Ebene sehr gut die strukturellen Widersprüche und Krisentendenzen des Kapitalismus analysiert. Demnach reicht es bei den strukturellen Problemen, die die Wirtschaft derzeit hat, nicht aus, einfach mit staatlichen Geldern die Nachfrage zu stimulieren. Wenn die gesamte Wirtschaft privatisiert ist, dann ist das nur eine Umverteilung von unten nach oben. Aber ich will auch keinen Sozialismus. Stattdessen spreche ich mich für eine geplante Marktwirtschaft aus.
taz: Bundeskanzler Merz will, dass wir alle länger arbeiten. Die Industrielobby auch. All das soll das Lohnniveau senken und Deutschland aus der Krise führen. Das klingt auch sehr nach Karl Marx, dessen Hauptthese die Mehrwerttheorie war, derzufolge alle Profite durch die Ausbeutung der Arbeitskraft geschaffen werden. Haben Merz und Co. heimlich einen „Kapital*-Lektürekurs besucht?
Krebs: Würde Marx heute leben, könnte er sehr gut das Verhalten der Unternehmensverbände erklären. Er hat den entfesselten Kapitalismus sehr gut beschrieben. Es ist im Interesse der Unternehmen, dass ihre Angestellten möglichst lange für möglichst wenig Geld arbeiten. Nur ist ein Wirtschaftsmodell, das auf der Ausbeutung billiger Arbeit beruht, langfristig nicht stabil.
taz: Und die Verstaatlichung ganzer Wirtschaftszweige macht das System stabiler?
Krebs: Soll eine Wirtschaft stabil und widerstandsfähig sein, müssen elementare Güter von gemeinnützigen Unternehmen bereitgestellt werden. Denn private Unternehmen haben letztlich immer einen Zweck: Sie sollen ihren Eigentümern eine möglichst hohe Rendite erwirtschaften. Und das kann den Bedürfnissen der Gesellschaft widersprechen, wie wir an der Wohnungskrise sehen. Eine Mietpreisbremse oder ein Deckel wird nicht reichen, um in Städten wie Berlin wieder genügend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Dafür sind mehr öffentliche Wohnungsunternehmen nötig.
taz: Aber was spricht für die Vergesellschaftung der Stromnetze?
Krebs: Das sind die hohen Netzentgelte. Man kann niedrige Strompreise und ein privatisiertes Stromnetz nicht gleichzeitig haben. Wir haben die höchsten Strompreise in der EU, und in den vergangenen Jahren lagen die Entgelte hierzulande rund 35 Prozent über dem EU-Durchschnitt.
taz: Warum machen private Netzbetreiber den Strompreis teurer?
Krebs: Netzbetreiber sind regulierte Monopolisten, die den Preis trotz Regulierung letztlich bestimmen können. Zudem haben sie Eigentümer wie das Finanzunternehmen BlackRock, die zweistellige Renditeraten für ihr eingesetztes Kapital fordern. Diese zahlen wir alle mit unseren Stromrechnungen. Und in Zukunft werden diese noch höher sein. Weil unsere Stromnetze überwiegend in privater Hand sind, entstehen bei dem geplanten Netzausbau Mehrkosten in Höhe von bis zu 100 Milliarden Euro.
Foto: Stefan Boness
ist Professor für Makroökonomik an der Universität Mannheim und Mitglied der Mindestlohnkommission. Sein neues Buch „Kapital und Krise“ erschien im September 2026 bei oekom.
taz: Nicht nur private Unternehmen können schlechten Service zu hohen Preisen liefern. Die Deutsche Bahn befindet sich zu 100 Prozent in öffentlicher Hand.
Krebs: Die Probleme der Deutschen Bahn fingen an, als man sie privatisieren wollte. Damals wurde sie kaputt gespart. Die Folgen spüren wir noch heute. Dass es anders gehen kann, zeigt die Schweiz. Dort ist die Bahn ebenfalls in öffentlicher Hand. Doch hat die Schweiz in ihr Bahnsystem investiert.
taz: Sie schreiben, neben den Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge gehöre auch die Stahlindustrie in die öffentliche Hand. Warum?
Krebs: Die Stahlindustrie befindet sich derzeit in einer massiven Krise, weil sie unter globalen Überkapazitäten leidet und die grüne Transformation ansteht. Gleichzeitig ist es wichtig, dass sie in Deutschland erhalten bleibt. Denn Stahl ist ein wichtiger Grundstoff für viele andere Industriezweige. Zudem gibt es in der Stahlindustrie bereits positive Beispiele: In Salzgitter, wo das Land Niedersachsen beteiligt ist, und im Saarland, wo die Stahlwerke in der Hand einer Stiftung sind, läuft die Transformation deutlich besser als anderswo.
taz: Gegen die Vergesellschaftungspläne der Linken formieren sich massive Widerstände. Ihre Pläne gehen noch darüber hinaus. Glauben Sie, dass sie eine realistische Chance auf Umsetzung haben?
Krebs: Zugegebenerweise mit dieser Bundesregierung nicht. Auch habe ich wenig Hoffnung in die Parteien auf Bundesebene. Vor allem nicht in Grüne und SPD.
taz: Auf wen setzen Sie dann?
Krebs: Die Gewerkschaften.
Tom Krebs
taz: Warum?
Krebs: Letztlich geht es um die Sicherung guter Arbeitsplätze, Lebensumstände und der Demokratie. Dafür stand die Gewerkschaftsbewegung schon immer ein. Sie forderte deswegen immer schon mehr öffentliche Unternehmen.
taz: Da scheinen Konflikte mit der Wirtschaftslobby schon vorprogrammiert.
Krebs: Die Gewerkschaften müssen mehr Marx wagen und wieder kämpferischer werden. Die Sozialpartnerschaft, wie es sie seit Jahrzehnten gab, wird sowieso gerade von großen Konzernen wie Volkswagen, ThyssenKrupp und BASF aufgekündigt.
taz: Mit Yasemin Fahimi steht eine Frau an der Spitze des DGB, die einst SPD-Generalsekretärin war. Sind die Gewerkschaften für solche radikalen Forderungen nicht zu sehr verbandelt mit den Sozialdemokraten?
Krebs: Der DGB muss wieder politischer werden und von der Defensive in die Offensive kommen. Dass er wie am 26. September mobil gegen die geplanten Sozialeinschnitte macht, zeigt aber, dass er auch gegen eine Regierung mit SPD-Beteiligung auf die Straße gehen kann.
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