Die AfD und ihr Normalitätsbegriff: Deutschland brutal

Die AfD-Wahlkampfkampagne bezieht sich auf den Begriff der „Normalität“. Dieser ist aber alles andere als harmlos.

Illustration: Jeong Hwa Min

Anfang dieser Woche gab die AfD ihre Spitzenkandidatur für die anstehende Bundestagswahl bekannt. Das eindeutige Mitgliedervotum für die Fraktionschefin Alice Weidel und den Parteivorsitzenden Tino Chrupalla stärkt den völkisch-nationalistischen Flügel innerhalb der Partei. Angesichts dessen wirkt der Slogan, mit dem die Partei in den Bundestagswahlkampf zieht, geradezu höhnisch: „Deutschland. Aber normal“.

Der Normalitätsdiskurs ist dieser Tage allgegenwärtig, im politischen Diskurs wird die „Rückkehr in die Normalität“ mithilfe von Impfungen und Testungen geradezu beschworen. Konnte die AfD-Wahlkampagne bis vor Kurzem noch als Versuch gesehen werden, eine vermeintlich verunsicherte, pandemiegenervte „normale“ Mitte der Gesellschaft als Wähler_innenschaft zu mobilisieren, ist spätestens jetzt klar: Sie ist der Versuch, völkisch-nationalistische Positionen nicht nur innerhalb der Partei, sondern auch in der Gesellschaft zu normalisieren. Die AfD-Wahlkampagne reiht sich ein in eine Rhetorik der Angst, des Hasses und der Hetze gegenüber Andersdenkenden und gesellschaftlichen Minderheiten – nicht trotz, sondern gerade auch mit und im Rückgriff auf den Begriff der Normalität.

Einer der AfD-Kampagnenfilme beginnt mit einer Stimme aus dem Off: „Normal – Was ist das eigentlich heute?“ Dazu sehen wir, wie „normal“ in eine Online-Suchmaschine eingegeben wird. Es folgen Szenen familiären Zusammenseins, die ästhetisch und im Stil eines Super-8-Amateurfilms gehalten auf die 1960er oder 70er Jahre verweisen. „Früher hieß es ja immer, normal wär’ irgendwie langweilig. Stinknormal und spießig.“

Visueller Wechsel in die Gegenwart, wir sehen Bilder von Hinweisschildern mit Corona-Hygienemaßnahmen im öffentlichen Raum, von geschlossener Außengastronomie. „Aber heute? Ist nicht heute ‚normal‘ auf einmal das, was uns fehlt? Das, was wir eigentlich wollen.“ Die unterlegte Musik wird dramatischer, es folgen Bilder einer maskenhaft geschminkten jungen Frau mit Megafon, einer Antifa-Flagge im Wind vor dem Brandenburger Tor, einem Front-Transpi der G20-Proteste, brennende Barrikaden: „Denn die Welt um uns herum ist so verrückt geworden“. Erneuter Wechsel zu emotional aufgeladenen Familienszenen – „Und wir merken auf einmal, dass ‚normal‘ etwas ganz Besonderes ist. … Normal ist eine Heimat“ – Eine Frau streicht mit ihrer Tochter den Gartenzaun – „… sind sichere Grenzen…“ – Einem Mann werden von hinten Handschellen angelegt – „… sind saubere Straßen.“ Der Blick auf eine Dorfkirche in idyllischer Wald- und Wiesenlandschaft. – „Normal ist einfach schön“ – und schließlich Berlin im Abendrot – „Deutschland. Aber normal.“

Das Medienecho auf die bereits zum Dresdner Parteitag Mitte April vorgestellte AfD-Wahlkampagne fiel auch bei kritischer Distanz zur Partei zunächst erstaunlich milde aus. So schrieb Reinhard Mohr in der Neuen Zürcher Zeitung, die AfD gehe mit einem „gefühlvollen Heimatfilm“ in die Bundestagswahl, „ein bisschen nostalgisch, aber ohne Hass“. Die Tagesschau merkte an, der Slogan sei „in einer Zeit, in der aufgrund der Coronapandemie das öffentliche Leben tatsächlich alles andere als normal ist, kein unpassender Spruch“. Die Journalistin und Buchautorin Maria Fiedler bezeichnete die AfD-Wahlkampagne in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk als „ziemlich klug“, aber in ihrer „Selbstverharmlosung“ auch „gefährlich“. Die AfD-Rhetorik von der Normalität sehe sie als Versprechen einer „Rückkehr zu einer idealisierten Vergangenheit, in der Migration, Klimawandel und Corona keine Rolle spielten“.

Normalität ist nicht so harmlos, wie es scheint

Was all diese Einschätzungen jedoch verkennen, ist, dass der Begriff der Normalität und das mit ihm einhergehende Konzept des Normalen bei Weitem nicht so harmlos und frei von Hass und Gewalt ist, wie es scheint. Vielmehr ist die Geschichte der Normalität immer schon eine Geschichte der Ausgrenzung und des körperlichen Leidens – was den Begriff im Slogan einer vom Verfassungsschutz beobachteten und zumindest in Teilen rechtsextremen Partei als durchaus passend erscheinen lässt. Die Unschuld, mit der der Begriff im medialen Diskurs daherkommen kann, verblüfft auch deshalb, weil „Normalität“ immer wieder ein Schlüsselbegriff des politischen Diskurses in Deutschland war.

Die deutsche Sehnsucht nach Normalität hat eine Geschichte: Jürgen Link, emeritierter Literaturwissenschaftler und Diskurstheoretiker, beschreibt in seinem großangelegten, 1997 erschienenen „Versuch über den Normalismus“ „Normalität“ im medienpolitischen Diskurs des wiedervereinigten Deutschlands als eine „diskurs­tragende Kategorie“, ohne die dieser zusammenbräche „wie ein Kartenhaus“. Ob in Bezug auf eine De-facto-Normalisierung des Naziregimes in der frühen BRD, die konservative Sicht auf die Teilung Deutschlands nach 1945 als „anormal“ oder die Proklamierung einer Rückkehr zur Normalität nach 1989 – der deutsche Normalitätsdiskurs, so Link, sei stets überdeterminiert, widersprüchlich und konzeptionell unausgereift gewesen. Eine Vorstellung, die davon ausging, das Wetter lasse sich mithilfe der Manipulation des Thermometers – also eines Diskurses darüber, was „normal“ und was „abnormal“ sei – ändern.

Das Normale ist ein Konstrukt

An dieser Stelle soll es aber nicht so sehr ums Wetter, sprich: um die Veränderungen gehen, die etwa den Normalitätsdiskurs der AfD produziert haben oder die dieser Diskurs nach sich ziehen könnte, als vielmehr um den Begriff der Normalität selbst. Denn das Normale ist ein Konstrukt, das überhaupt erst im Verhältnis zu seinem Gegenüber bestehen kann: das Pathologische der Psy­chiatrie, die Abweichung der Statistik. Bereits 1995 arbeitete der amerikanische Kulturwissenschaftler Lennard Davis in „Enforcing Normalcy“ heraus, dass die Begrifflichkeiten Normalität und Behinderung „Teil desselben Systems“ seien, die wechselseitig aufeinander angewiesen sind. Erst das Konzept der „Behinderung“ lasse Körper „normal“ werden, insbesondere in Bezug auf Funktionalität und Aussehen. Dabei ist das Normale – ebenso wie die Norm, der Durchschnitt und die Abnormalität – eine historisch recht junge Idee, die erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum Eingang in den Wortschatz gefunden hat.

Die erste Theorie des Normalen ist die Statistik, ihr prominentester Kopf der französische Mathematiker Aldolphe Quetelet (1796–1874). Beruhend auf den Vermessungen französischer Rekruten entwickelte Quetelet das Konzept des Durchschnittsbürgers oder mittleren Menschen (l’homme moyen), dessen (bio-)politischer Hintergrund eine möglichst „rationale“, das heißt eine knappe Versorgung von Soldaten mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft war. Quetelets mittlerer Mensch verkörperte aber von Anfang an nicht nur einen statistischen Standard, sondern funktionierte auch normativ: „Er“ war nicht nur der mittlere Wert menschlicher Diversität, sondern ein Vorbild, wie „man“ zu sein hatte: Perfekt, schön und gut.

Im Gegensatz zum antiken Konzept des Ideals, einer letztlich unerreichbaren Vorstellung, ist das Normale nicht nur körperlich messbar und quantifizierbar, sondern es wirkt immer schon konformierend – indem es aufzeigt, in welche Richtung etwa ein Körper umgestaltet werden muss, um als normal zu gelten. Dies wird deutlich anhand des Body Mass Index (BMI), der ebenfalls auf Quetelet zurückgeht und trotz erheblicher Kritik nach wie vor Definitionen von Kleinwüchsigkeit, Normal- oder Übergewicht zugrunde liegt, darunter auch denen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Soziale Institutionen wie Krankenhäuser, Schulen, Gefängnisse und Kasernen, so zeigte der französische Philosoph Michel Foucault in seinem umfangreichen Werk, wurden Teil einer umfassenden Normierung in der Moderne. Diese funktionierte nicht mehr beziehungsweise nicht nur durch die Anwendung roher Gewalt, sondern mithilfe der disziplinierenden Macht der Norm und der sozialen Kontrolle, die im Konzept des Normalen immer schon angelegt sind. Aber auch die eugenische Bewegung, insbesondere der britische Naturforscher und oft als Vater der Eugenik bezeichnete Sir Francis Galton (1822–1911), war wegweisend für die praktische Anwendung dieser Konzepte auf ganze Bevölkerungen. Eine Bewegung, die in Genoziden in den europäischen Kolonien und im systematischen Massenmord der Nazis unter Berufung auf die sogenannte „Rassenhygiene“ mündete.

Was sind Normalmaße?

Die Vorstellung des Normalen und die darauf basierenden bevölkerungsstatistischen Maße wie etwa die Normalverteilung sind auch in unserer Gegenwart noch viel wirkmächtiger, als es auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag. Körperliche Normalmaße bestimmen nicht nur, ob wir als „zu klein geratene“ Heranwachsende einer Hormontherapie unterzogen oder als „fettleibig“ pathologisiert werden, sondern sie liegen auch den normierten Maßen von Flugzeugsitzen oder Bahnhofsbänken, von Tür- und Waschbeckenhöhen, Schuh- und Kleidergrößen zugrunde. Wer da nicht rein passt, sich unwohl oder eingezwängt fühlt, bekommt im Alltag schnell das Gefühl, mit dem eigenen Körper stimme etwas nicht. Die Disability Studies haben hierfür den Begriff einer „behindernden Gesellschaft“ geprägt.

Das Bedürfnis, als „normal“ wahrgenommen zu werden, scheint insbesondere in solchen sozialen Zusammenhängen verankert, die von Kontrolle, Konformitätsdruck und Angst geprägt sind. Der Vorwurf, die gesellschaftliche Normalität zu stören, ist eine Form der strukturellen Gewalt. Insbesondere wenn es um menschliche Körper geht, ist Normalität eine Vorstellung, von der wir uns in einer solidarischen und gegenseitig wertschätzenden Gesellschaft befreien sollten. Selbst und gerade in Coronazeiten bleibt der Bezug auf „Normalität“ problematisch: Wer definiert, was „normal“ ist? Normalität für wen?

„Deutschland. Aber normal“ schließlich ist der Versuch, völkisch-nationalistische Positionen in der Mitte der Gesellschaft zu platzieren und damit Ausgrenzung, strukturelle Gewalt und Ressentiments gegenüber Andersdenkenden und gesellschaftlichen Minderheiten zu normalisieren.

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