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Deutschlands WehrhaftigkeitWehrpflicht versus Berufsarmee

Stefan Mahlke
Kommentar von Stefan Mahlke

Die Bundeswehr kann ihr modernes Equipment finanzieren. Lösungen für das Personalproblem stehen indes aus und sind umstritten.

Karten spielen in Zeiten der Friedensdividende: Rekruten der Bundeswehr vertreiben sich 1982 die Zeit in der Kaserne Foto: Sommer/imago

G eld ist genug da. Nachdem der alte Bundestag schnell noch beschlossen hat, die Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit weitgehend von der Schuldenbremse auszunehmen, sind die finanziellen Hürden gegen eine massive Aufrüstung abgeräumt. Was fehlt, sind Soldaten. Circa 182.000 stehen zurzeit unter Waffen, und die Bundeswehr hat mit Schwund zu kämpfen. Dabei wären mehr als 200.000 nötig, und der Bedarf wird noch wachsen. Doch woher nehmen?

Zu Zeiten des Kalten Kriegs war es einfach. Die Wehrpflicht – in der Bundesrepublik 1956 eingeführt, in der DDR 1962 – verschaffte beiden Armeen einen stetigen Zufluss junger Männer. Auf 170.000 Mann wuchs die NVA, auf 500.000 kam die Bundeswehr. Dass ab dem Ende der Blockkonfrontation 1990 die Zahl kontinuierlich sank, durfte als Friedensdividende gebucht werden. Allein der Wehrgerechtigkeit wegen war es geboten, die Wehrpflicht 2011 auszusetzen.

Der ewige Frieden ist vorbei – eigentlich schon seit der Annexion der Krim und dem Beginn des Kriegs im Donbass, spätestens aber seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022. Nach drei Jahren Krieg hat Putin seine Kriegsziele zwar nicht erreicht, wähnt sich aber, auch weil Trump ihm entgegenkommt, auf der Siegerstraße. Und es soll nicht bei der Ukraine bleiben, davon gehen zumindest westliche Geheimdienste aus. Ab 2029 wird Russland vermutlich in der Lage sein, Angriffe auf Nato-Staaten, etwa die baltischen Nachbarn, zu wagen.

Allein schon um möglichen Nato-Verpflichtungen nachkommen zu können, muss Deutschland also kriegstüchtig werden. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte das Wort bewusst gewählt: Es bedeutet, dass wir in der Lage sein sollen, einen militärischen Angriff abzuwehren. Um auf die notwendige Truppenstärke zu kommen, werden verschiedene Modelle diskutiert.

Den Dienst an der Waffe attraktiver machen

Da ist zum einen die Wehrpflicht. Vom damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg 2011 nicht abgeschafft, sondern lediglich ausgesetzt, kann sie mit ein­facher Bundestagsmehrheit wieder eingesetzt werden. Das würde auf einen Schlag viele junge Männer – für Frauen gilt sie nicht – mobilisieren, für die es jedoch weder ausreichend Musterungsbehörden noch Kasernen und Ausbilder gibt, von Ausrüstung nicht zu reden.

Kann aber nur ein kleiner Teil gemustert und eingezogen werden, drängt sich sofort wieder die Gerechtigkeitsfrage auf. Warum muss ich zum Bund und mein Nachbar nicht? Um dieses Dilemma zu umschiffen, bietet sich ein Freiwilligenmodell an. Der „Neue Wehrdienst“, ein Vorschlag des Sozialdemokraten Pistorius, basiert auf Freiwilligkeit: Jeder 18-Jährige füllt einen Musterungsfragebogen aus. Bekundet er Interesse, in der Bundeswehr zu dienen, wird er zur Musterung eingeladen.

Einen sechsmonatigen „Freiheitsdienst“ schlagen bayerische Grüne vor, für alle zwischen 18 und 67 Jahren, unter dem nicht ganz unpathetischen Motto: Was kannst du für dein Land tun? Problem: Dazu müsste das Grundgesetz geändert werden, die nötige Zweidrittelmehrheit ist jedoch nicht in Sicht.

Die Bundeswehr mit mehr Personal auszustatten, ist über eine Marktlösung deutlich günstiger als über die Wehrpflicht

Zudem lehnen nicht wenige junge Leute einen solchen Pflichtdienst ab. Stattdessen müsse, so Juso-Chef Philipp Türmer, die Bundeswehr attraktiver werden: „Egal ob Pflege, Kita oder Bundeswehr: Wir brauchen gute Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen statt Zwangsdienste für Jugendliche.“ Noch radikaler drückt es Ole ­Nymoen, Autor des Bestsellers „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“, aus: Im Ernstfall würde er lieber in Unfreiheit leben, als für Freiheit zu sterben.

Freiwillig kommt günstiger

Das ist der Sound der postheroischen Gesellschaft. Den summten schon die Rekruten in den 1980er Jahren: Daran, dass die Bundeswehr festen Willens war, die DDR zu überfallen, glaubte dort keiner mehr, auch wenn anderes vorgetragen wurde. In bundesdeutschen Kasernen dürfte es ähnlich gewesen sein. In dieser Lage sei das größte Pro­blem kultureller Art, sagt der bulgarische Politologe Ivan Krastev. Weil so lange Frieden geherrscht habe, sei Krieg undenkbar geworden.

Jetzt die Menschen auf einen Krieg vorzubereiten, sei ein großer Bruch. Bevor wir weiter abwägen zwischen Pflicht und Freiheit, hilft vielleicht die Frage nach den Kosten weiter: Was ist teurer – eine Berufsarmee oder eine Wehrpflichtigenarmee? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und das ifo Institut kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis: Die Bundeswehr mit mehr Personal auszustatten, ist über eine Marktlösung gesamtwirtschaftlich deutlich günstiger als über die Wehrpflicht.

Und selbst wenn es doch etwas teurer werden sollte – genug Geld ist ja da.

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Stefan Mahlke
Stefan Mahlke ist Germanist und Historiker und verantwortlicher Redakteur des "Atlas der Globalisierung" von Le Monde diplomatique, der von der taz herausgegeben wird.
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14 Kommentare

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  • Gerd Grözinger , Autor , Prof., Europa-Univ. Flensbu

    Laut Immanuel Kant ist die Verteidigung eines freien Staates nur durch Frewilligkeit möglich. Daran sollte man sich orientieren: statt Wehrpflicht ein Wehrrecht! Jeder Staatsbürger, jede Staatsbürgerin hätte darin das Recht, sich militärisch ausbilden zu lassen. Und wem das - z B. weil bei so vielen Atomwaffen ihm/ihr das eher auf ein zu hohes Risiko von Menschheitsvernichtung hinausläuft - nicht einleuchtet, muss nicht.

    • @Gerd Grözinger:

      Die Unfähigkeit, die Kausalkette vom Streichholz zum Brand nachzuvollziehen, befreit nicht vom Feuerwehrdienst. In der Not tun die Vernünftigen das Nötige und die Unvernünftigen werden gezwungen.

  • Von "Soldaten sind Mörder" führt kein Weg zu "Thank you for your service." Das Problem ist nicht mit Geld zu regeln. Der Markt liefert selbst für Merkels Bonsai-Bundeswehr nicht annähernd genug Soldaten. Ohne Wehrpflicht ist nichts auf die Beine zu stellen, das Putin ernst nehmen würde.

  • Die einzige Antwort kann sein: Abschaffung der Bundeswehr! In den Krieg sterben sowieso in der Mehrzahl die Zivilisten. Darum ist jegliche Armee sinnlos zum Schutz Zivilbevölkerung.

  • Wehrpflicht ist sehr demotivierend, und eigentlich auch immer zu kurz um jemanden wirklich zu einem Soldaten zu machen. Kannst dann zwar mit nem Gewehr umgehen und weißt wie sich ne Explosion einer Handgranate anfühlt kurz nachdem man sie geworfen hat, aber das war es dann im großen und ganzen auch schon. Der Gedanke Wehrpflichtige tatsächlich mal in einem Krieg einzusetzen fühlt sich für mich ähnlich an, als würde man Leute die gerade für die Bundesjugendspiele bißchen Weitsprung geübt haben, direkt nach olympia schicken.



    Schon deshalb ist das eine dumme Idee.

    Persönlich ist mir ein Nationalstaat, ganz besonders unserer, zwar nichtmal wichtig genug um ne Berufsarmee zu unterhalten, ne Wehrpflichtigen Armee ist allerdings noch bescheuerter und sinnloser.

    • @Rikard Dobos:

      "Persönlich ist mir ein Nationalstaat, ganz besonders unserer, zwar nichtmal wichtig genug um ne Berufsarmee zu unterhalten"

      Frage: Wie wollen Sie aber ansonsten Diktatoren, Autokraten und sonstigen Antidemokraten und Feinden der Menschenrechte Grenzen setzen?



      Immerhin ist unserer Nationalstaat im internationalen Ranking was Demokratie, Menschenrechte, Sozialstaat und betriebliche Mitbestimmung angeht in der Top 10!

    • @Rikard Dobos:

      Zuviel amerikanische Serien geguckt? Die "Profis" sind keine Olympioniken, sondern sterben genauso wie Wehrpflichtige. Ihre Ausbildung schützt nicht gegen Artilleriegranaten. Das Problem ist auch nicht unser Nationalsstaat, sondern inwiefern ein fremder Nationalstaat unseren Nationalstaat für wichtig genug hält, um ihn anzugreifen. Gegen Pazifismus wirken schon sehr kleinkalibrige Argumente.

    • @Rikard Dobos:

      "Der Gedanke Wehrpflichtige tatsächlich mal in einem Krieg einzusetzen fühlt sich für mich ähnlich an, als würde man Leute die gerade für die Bundesjugendspiele bißchen Weitsprung geübt haben, direkt nach olympia schicken"



      Vielleicht ist die Idee, aus der großen Gruppe die "Richtigen" zu keilen, also für die Verpflichtung zu gewinnen.



      Das war früher auch üblich für Zeitsoldaten.



      Die Anforderungen an Militär sind anders als im letzten Jahrtausend, technischer Verstand ist gefragt:



      "Der Drohnenpilot



      "Es ist unglaublich schwierig, Feuergefechte zu sehen und nicht eingreifen zu können"



      Vom Telemediziner bis zum Drohnenpiloten: Durch die Digitalisierung fallen nicht nur Jobs weg, es entstehen auch neue. Vier Menschen haben SPIEGEL ONLINE von ihrem Berufsalltag erzählt."



      Bei spiegel.de 2019



      Infanterie und Masse, das dürfte wohl obsolet sein oder werden.

      • @Martin Rees:

        Infabtrie und Masse sind wichtiger den je hat der Ukraine Krieg gezeigt.

  • Bei diesem Image hilft wahrscheinlich wohl nur die Zwangsrekrutierung per Gesetz



    Vor 11 Jahren bei stern.de



    "Vergangene Woche war bekanntgeworden, dass ein erheblicher Teil der Bundeswehr-Systeme momentan nicht einsatzfähig ist, darunter Dutzende Hubschrauber und Transportfahrzeuge. Die Materialprobleme sind so groß, dass Deutschland zurzeit seine Bündniszusagen an die Nato nicht einhalten kann. In einem Krisenfall wäre die Bundeswehr nicht in der Lage, die zugesagten Flugzeuge und Hubschrauber bereitzustellen."

  • Eine solches Problem über die Frage "was ist kostengünstiger?" anzugehen, ist mir zu billig.



    Laut jüngster Umfrage ist eine große Mehrheit für eine Wehrpflicht.



    Pistorius Vorschlag ist realistisch: erstmal Alle erfassen. Damit kommen Einige vielleicht von selbst auf die Idee, zum Bund zu gehen.



    Es wird aber wahrscheinlich nicht reichen.



    Insbesondere dann nicht, wenn trump Truppen ais Europa abzieht, dann sind ganz andere Zahlen gefragt.



    Ich habe immer viel von einer Orientierungsphase nach der Schule gehalten.



    Junge Menschen lernen Arbeit kennen.



    Das muss natürlich nicht nur Wehrdienst sein, der alte Zivildienst war auch eine sehr sinnvolle Arbeit für die Gesellschaft. Zusätzlich wäre ein Klimadienst zeitgemäß.



    Damit würde auf verschiedenen Ebenen den Sorgen unserer Zeit begegnet.



    Der positive Nebeneffekt wäre die Zusammenarbeit einer Generation.



    Die wird wieder bunt zusammengewürfelt und muss lernen zusammen zu arbeiten.



    Das kann nur lehrreich sein und so manches Vorurteil überwinden. So lässt sich gemeinsam Gemeinschaft schaffen, gegen die Bedrohung der Demokratie von innen und von außen.

  • Spannend, dass hier der Markt das Thema regeln soll/kann/wird. Hab gedient, bin dadurch pazifistischer geworden und meine Liebe zu großen Organisationen entdeckt. Hab auch ein paar Kameraden gehabt denen die „zweite Erziehung“ gut getan hat. Frag mich echt was so schlimm an nem geschlechterübergreifenden „freiwilligen“ Dienstjahr wäre - hätte meiner Meinung nach integrierende, nivellierende und subventionierende Wirkung.

  • Wenn Ältere lautstark die Wiedereinführung der Wehrpflicht fordern, ist das weniger ein Aufruf zum Gemeinsinn als ein autoritärer Reflex. Es wirkt wie paternalistisches Säbelrasseln – von denen, die selbst nicht mehr betroffen wären, aber sich an der Illusion von Ordnung, Disziplin und „guten alten Zeiten“ festklammern.

    Getroffen werden soll eine Generation, die bereits mit multiplen Krisen kämpft: Klimawandel, unsichere Jobs, soziale Ungleichheit. Nach unten zu treten – auf die vermeintlich „bequeme“ oder „verweichlichte“ Jugend – gehört zu den letzten gesellschaftlich tolerierten Spielarten patriarchaler Selbstvergewisserung. Wer sich als alter, wohlhabender Mann noch wichtig fühlen will, verlangt Gehorsam statt Gerechtigkeit, Dienstpflicht statt Dialog.

    Gleichzeitig läuft die große Umverteilung von jung zu alt längst auf Hochtouren. Während Vermögen und politischer Einfluss in den Händen der Älteren bleiben, wird der nächsten Generation ein ökologisch und ökonomisch ramponierter Planet hinterlassen – aber bitte in Reih und Glied, mit Dankbarkeit und Uniform.

    • @Ice-T:

      Genau. Sie beschreiben es sehr gut, der Paternalismus war nie weg: "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" gilt nach wie vor auch in unserer Gesellschaft überdeutlich! Allerdings, wenn sie die zunehmende Altersarmut mitberücksichtigen, dann stimmt Ihr Bild von Alte gegen Junge in keiner Weise!