Debatte über Wehrdienst : Eine attraktive Bundeswehr braucht keine Zwangsrekrutierung
Wehrpflichtkritiker sollten jetzt den Druck für Reformen der Bundeswehr erhöhen. Sie muss attraktiver werden, um genügend Freiwillige zu rekrutieren.
Foto: Kay Nietfeld/dpa
E s hat keinen Sinn, das Wehrdienstgesetz der schwarz-roten Bundesregierung in Bausch und Bogen zu verdammen. Wollen wir wirklich bestreiten, dass Deutschland leider eine größere Armee braucht, um langfristig einen Angriff aus Russland zu verhindern? Diese Notwendigkeit lässt sich spätestens seit Putins Invasion in der Ukraine nicht mehr leugnen.
KritikerInnen der deutschen Verteidigungspolitik sollten das Militär lieber anhalten, den Wehrdienst so attraktiv zu gestalten, dass möglichst wenige Menschen zu ihm gezwungen werden müssen. Dass sich also genügend Freiwillige melden. Und natürlich muss Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen weiterhin möglich sein, auch ohne Verhöre.
Sicherlich werden sich schon mehr junge Menschen für den Wehrdienst entscheiden, wenn der Bund demnächst alle 18-Jährigen mit dieser Möglichkeit per Fragebogen konfrontiert. Das sieht der Gesetzentwurf vor.
Aber damit sich genügend Menschen verpflichten, muss sich die Bundeswehr stärker verändern, als das Verteidigungsministerium bisher plant. Immer noch müssen SoldatInnen damit rechnen, gegen ihren Willen in weit von ihren Heimatorten entfernten Kasernen stationiert zu werden. Oder dass ein Soldat, der Gebirgsjäger werden will, bei der Marine eingeplant wird. Die Berichte der Bundestags-Wehrbeauftragten dokumentieren solche Fälle.
Die Defizite bei der Vereinbarkeit von Familie und Bundeswehr sind zu groß. Manche SoldatInnen erfahren dem aktuellen Wehrbericht zufolge weniger als eine Woche vorher, dass sie „für einen mehrmonatigen Lehrgang am anderen Ende der Republik“ eingeplant seien. Sogar Lehrgänge im Ausland würden mitunter „äußerst kurzfristig“ angekündigt. Das führe „etwa zu Trennungen und Scheidungen“. Die Bundeswehr muss auch gegen ihr Image eines ziemlich weißen, konservativen Männervereins vorgehen. Immer noch passieren Schikanen, auch wenn die Führung zumindest in den Fällen aus dem Wehrbericht zum Beispiel mit fristlosen Entlassungen reagiert hat.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Der Frauenanteil ist mit insgesamt gerade mal 14 Prozent noch immer sehr niedrig. Soldatinnen in herausgehobenen Führungsfunktionen wie im Generalsrang sind so selten, dass sie alle namentlich bekannt sind. Deswegen muss die Bundeswehr Frauen stärker fördern als bisher – gegebenenfalls auch mit Quoten. Die Truppe sollte sich zudem stärker um RekrutInnen mit Migrationshintergrund und deren Karrieren kümmern, um die Bundeswehr diverser zu machen.
Gerade Medien sollten jetzt noch intensiver als bisher auf solche Mängel hinweisen und so den Druck für Lösungen erhöhen. Wenn die Bundeswehr sich effizient reformiert, muss vielleicht niemand oder kaum jemand zwangsverpflichtet werden. Schon jetzt steigt die Zahl der RekrutInnen, in diesem Jahr vermutlich auf 15.000. Das Verteidigungsministerium will ab 2029 jährlich 30.000 SoldatInnen einstellen. Aber allein in der Altersgruppe von 18 bis 20 Jahren gibt es rund 2,5 Millionen Menschen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert