Abkommen zwischen USA und Iran: Der unbeliebteste Frieden
Die USA und das Mullahregime haben ein Abkommen geschlossen, um ihren Krieg zu beenden. Nicht mitbedacht ist dabei die iranische Bevölkerung.
Mit Kalaschnikows in der Hand gingen Anhänger des Mullahregimes in letzter Zeit fast jeden Abend auf die Straßen Irans, mehr als drei Monate lang. Seit Beginn der amerikanisch-israelischen Luftangriffe am 28. Februar wollten sie den Regimegegnern im Land unmissverständlich klarmachen, wem diese Straßen gehören; und ihrer Regierung während des Kriegs den Rücken stärken.
Niemand hätte geahnt, dass die Sicherheitskräfte der Islamischen Republik genau diesen Leuten, ihren glühendsten Unterstützern, irgendwann mit Knüppeln und Sturmmontur gegenüberstehen würden. Doch genau das geschah jetzt.
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Kurz bevor Donald Trump und der iranische Präsident Massud Peseschkian am 17. Juni ein Einverständnis zur Beendigung des Kriegs unterzeichneten, skandierten Hardliner, die jede Form des Dialogs mit den USA ablehnen, auf iranischen Straßen Parolen wie „Tod den Unterstützern des Kompromisses“ oder „Was habt ihr mit dem Blut unseres Führers gemacht?“. Die Regierung ließ daraufhin die eigenen Anhänger von den Straßen vertreiben, teilweise mit Gewalt. Für regimekritische Iranerinnen und Iraner ein Ereignis von unfassbarer Ironie.
Die Einverständniserklärung, mit der Trump und Peseschkian den Krieg vorläufig beendeten, sorgt nicht nur in Iran für Verwirrung. Denn auch wenn hartgesottene iranische Revolutionäre gerne weitergekämpft hätten: Der Deal liest sich in Wirklichkeit eher wie eine Kapitulation der USA.
Wer nicht erwähnt wird
Neben der Aufhebung aller Sanktionen und einer „Wiederaufbauhilfe“ in Höhe von 300 Milliarden Dollar versprechen die USA, sich nicht mehr in interne Angelegenheiten Irans einzumischen – zum Beispiel, wenn das Regime ein Blutbad an der eigenen Bevölkerung anrichtet. Falls diese Punkte umgesetzt werden, geht Iran deutlich gestärkt aus dem Konflikt hervor.
Die Einzigen, die in der Einverständniserklärung mit keinem Wort erwähnt werden, sind die iranischen Bürgerinnen und Bürger. Also diejenigen, denen Trump vorgeblich helfen wollte, sich von der Tyrannei der Mullahs und Revolutionsgarden zu befreien. Was denken sie darüber, wie der Krieg nun auszugehen scheint?
Einer, der Anfang des Jahres noch auf ein Eingreifen der USA gehofft hatte, ist Ahmad, ein Biologiestudent aus einer mittelgroßen Stadt im Süden Irans. Seinen echten Namen möchte er aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich genannt sehen.
Als sich im Februar dieses Jahres die Anzeichen eines bevorstehenden Krieges mehrten, witzelte er noch auf Englisch: „Ich warte gerade auf B2 – nicht den Sprachtest, sondern die Bomber.“ Jetzt sagt er auf die Frage, wie es ihm gehe: „Ich bin in den letzten Wochen verrückt geworden.“ Trump habe alle in die Irre geführt, schreibt Ahmad in einem Chat. Er sei deshalb wütend, schiebt dann aber hinterher: „Ich bin mir sicher, dass sich hinter den Kulissen etwas anderes abspielt. Wir werden es noch herausfinden.“
Manche, etwa die 28-jährige Wirtschaftsprüferin Mahsa aus Teheran, versuchen zu verstehen, was gerade vor sich geht. Sie sagt: „Ich bin mit dieser Meinung in der Minderheit, aber ich sehe das Abkommen mit den USA positiv.“
Mahsa hat im Januar an den Protesten teilgenommen und wurde dabei durch die Bleigeschosse der Regimekräfte schwer verletzt. Für sie ist das vorläufige Friedensabkommen der Beweis dafür, dass sich die radikalen Kräfte rund um die Revolutionsgarden im neuen Machtgefüge der Islamischen Republik nicht durchsetzen konnten. Mahsa begrüßt das.
Die Verunsicherung, die überall zu spüren ist
„Ich merke es an den Reaktionen meiner Arbeitskollegen, die in der Basidsch aktiv sind, der Freiwilligenmiliz des Regimes. Sie sind alle verzweifelt“, berichtet Mahsa in einer Sprachnachricht. Manche seien sogar überzeugt, der oberste Führer, Modschtaba Chamenei, sei von pragmatischen Politikern wie Peseschkian in Geiselhaft genommen worden – warum sonst sollte er mit den Mördern seines Vaters einen Deal eingehen?
Die Verunsicherung ist im Augenblick überall zu spüren, sowohl unter Anhängern als auch unter Gegnern des Regimes. Wut, Enttäuschung, Freude sind Emotionen, die gesicherte Fakten voraussetzen, auf die man reagieren kann. Doch der gesamte Verlauf des Kriegs – von Trumps Drohungen, Iran in die Steinzeit zurückzubomben, bis zur plötzlichen Normalisierung des iranischen Regimes – erscheint den Menschen derart unglaubhaft, dass sich nahezu jede ernste Reaktion darauf erübrigt.
Viele Iranerinnen und Iraner ziehen sich deshalb ins Private zurück. Wer in den sozialen Medien zuvor noch die Inflation beklagte, Chamenei den Tod wünschte oder Reden des Oppositionspolitikers Reza Pahlavi teilte, fragt jetzt nach dem besten Spielecafé oder teilt Fotos vom letzten Wochenendpicknick.
„Persönlich ist mir das alles nur noch scheißegal. Dieser Deal ist ein billiger Witz“, schreibt dann noch ein junger Mann aus Isfahan in einem Chat mit der taz. Er hatte im März noch den Tod Chameneis bejubelt. Achselzucken und Sarkasmus –auch das ist dieser Tage Teil der allgemeinen Stimmung in Iran. Im persischsprachigen Netz gingen jetzt KI-Videos über Trump viral, in denen er sich zum Mullah ausbilden lässt.
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