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Debütroman von Clara UmbachDie totale Bejahung und ihr Gegenteil

Clara Umbach erzählt in ihrem Debütroman eine queere Liebesgeschichte zum Teil in Form von Chatnachrichten. Das entwickelt einen eigentümlichen Sog.

Ist es möglich, eine Liebesgeschichte größtenteils in Form von Chatnachrichten zu erzählen? Dass zwei Verliebte sich von ihren Nachrichten mitreißen lassen, sie darin eintauchen, ist sofort einleuchtend. Doch kann man daraus auch einen Roman machen, der Außenstehende mitnimmt? Der Le­se­r*in­nen die Intensität, die Überwältigung, den Schmerz der Distanz vermittelt?

Die Hamburger Autorin und Künstlerin Clara Umbach hat diesen Versuch in ihrem Debüt „Pizza Orlando“ unternommen. Ihre Figuren heißen Clara und Nina und wie die Autorin in einem Interview sagte, „lassen sich Wahrheit und Fiktion in diesem Text kaum voneinander trennen“. Dem Buch liegt eine reale Begegnung zugrunde und wesentliche Eigenschaften der beiden Figuren sind nicht fiktiv. Zugleich handelt es sich um einen stark literarisierten Text, wie im Laufe der Lektüre deutlich wird.

Clara und Nina kannten sich schon als Kinder, begegnen sich als Erwachsene wieder – und sind umgehend schwer verliebt: „16.08.17, 21:39 – Nina: Du bist der Wahnsinn. (…) 16.08.17, 21:45 – Nina: Du bist der Wahnsinn. (…) 16.08.17, 22:03 – Clara: (…) Sobald ich die Augen schließe, werde ich an dich denken. 17.08.17, 09:49 – Clara: (…) Ich war sooo gerne mit dir zusammen und wäre es gerne wieder! Ich denke an deinen Körper, deine Hände, deine Finger. C.“

Von Beginn an prägt die unheilbare, zum Tode führende Huntington-Krankheit die Dynamik der Beziehung

Clara ist zu diesem Zeitpunkt alleinerziehende Mutter zweier Kinder, Künstlerin, reibt sich in Hamburg zwischen Studienabschluss und Erwerbsarbeit auf. Erstmals verliebt sie sich in eine Frau. Nina lebt in einer anderen Stadt. Sie kann nicht mehr arbeiten, sie hat HD, die Huntington-Krankheit. Es ist diese unheilbare, zum Tode führende Erkrankung, die von Beginn an die Dynamik der Beziehung prägt, die so viel Raum fordert, dass sie ungewollt doch ins Zentrum rückt, Bezugspunkt der meisten Handlungen, Empfindungen und auch Reflexionen ist.

Der Roman

Clara Umbach: „Pizza Orlando“. Ecco Verlag, Hamburg 2026. 174 Seiten, 22 Euro

Das Ende immer im Blick

Die Lektüre der Nachrichten entwickelt schnell einen eigentümlichen Sog, es ist eine Form, die große Unmittelbarkeit, ja Intimität suggeriert. Die Euphorie der neuen Liebe, ihrem Wesen nach eine totale Bejahung, trifft auf ihr Gegenteil, die Krankheit, die Grenzen setzt. Darin liegt eine zerreißende Spannung.

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In der Ferne, doch sichtbar, das Ende: „Als du mich das nächste Mal besuchen kamst, sagtest du in irgendeiner Nacht an irgendeinem Tresen, dass es für dich keinen anderen Weg gebe als den frühzeitigen, selbst gewählten Tod. Du wüsstest, was dir sonst bevorstünde, du hättest es bei deiner Mutter ja erlebt“, heißt es in einem der erzählerischen Einschübe aus Sicht der Ich-Erzählerin Clara, die fortfährt: „Wir versuchten, darüber zu sprechen, wie es für dich möglich sein könnte, dein Leben zu beenden. Es war schwierig.“ Da ist Nina 30.

Einschübe wie diese unterbrechen und ergänzen den Fluss der Nachrichten. Während die dialogische Form des Chats eng an den Empfindungen der beiden Figuren bleibt, liefern sie Kontext, etwa Informationen zur Krankheit, zum familiären Hintergrund Ninas, wie sie von der Krankheit erfuhr, damit bisher umging. Oder erläutern, was in der Zeit zwischen den aufgeführten Nachrichten geschah.

Sie geben aber auch die Möglichkeit zur Selbstreflexion der Erzählerin Clara, die damit aus der gleichberechtigten Dialogform aussteigt. Ihre Sicht erhält mehr Gewicht, sie wählt die Nachrichten aus, ordnet sie. Und so erweitert die Autorin Clara Umbach die Erzählgegenwart der Chatnachrichten um Rückblicke, die Einschübe sind oft im Präteritum geschrieben.

Mit Absicht fragmentarisch

So wird das Ringen Claras und Ninas mit der Situation einerseits quasi in der Echtzeit des Chats eindrücklich fassbar, aber auch im späteren Reflektieren Claras darüber: „Ich glaubte, es sei meine Aufgabe, die Herausforderungen, die mit der Erkrankung einhergingen, zu lösen. Eine als Verantwortungsbereitschaft getarnte Selbstüberhöhung, die mehr mit meinen Ängsten als mit deinen Bedürfnissen zu tun hatte.“

Nina kommt zusätzlich zu den Nachrichten in Form von ihr angefertigten Listen zu Wort, die sie dem „Ungenügen (…) vollständiger Sätze“ vorzieht. Zum Beispiel eine Liste der fünf wichtigsten Gegenstände, auf der Wolfgang Herrndorfs Buch „Arbeit und Struktur“ nicht fehlt – auch der unheilbar an einem Hirntumor erkrankte Autor wollte sein Leben selbstbestimmt beenden und beging Suizid.

Es gibt zudem Fußnoten, Zitate, sodass „Pizza Orlando“ etwas absichtsvoll Fragmentarisches zu eigen ist und die Fragmente zugleich kunstvoll zu einer Text- oder Romancollage zusammengefügt sind.

Die viel Raum einnehmenden Chatnachrichten vermitteln die beiderseitige Sehnsucht, den Rückzug Claras – eine „Vernunftentscheidung“ –, die Verletztheit, Fragilität, Widerständigkeit und Verzweiflung Ninas und die Wiederannäherung beider sehr eindringlich und berührend. Darin liegt die Authentizität einer vermeintlich wahren Liebesgeschichte, die durch die Gestaltung des Textes zugleich gebrochen und eben als eine Erzählung über Liebe sichtbar wird. Eine äußerst originelle Erzählung, die Clara Umbach hier mit ihrem Debüt gelungen ist.

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