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Roman „Kleine Schwächen“Welche Abgründe müssen in dieser Familie lauern

Aus dem streng katholischen Irland der 70er ins düstere London der 90er: Megan Nolan erzählt von einem Todesfall und den Tricks der Boulevardpresse.

Drei Zeilen eröffnen Megan Nolans zweiten Roman, „Kleine Schwächen“. Wie ein Motto sind sie dem Beginn der eigentlichen Erzählung vorangestellt: „Unten am Skyler Square schlich die Sorge rasch / von Tür zur Tür, ging ein Raunen von Mutter zu Mutter: / Baby fort, böser Mann, wilde Bestie.“ Es ist eine unheimlich wirkende Verdichtung dessen, was folgt.

Wir sind im London des Jahres 1990, als ein dreijähriges Mädchen aus einer Wohnsiedlung verschwindet. Kurz darauf wird es tot aufgefunden. Verdächtig aber ist kein böser Mann, sondern die zehnjährige Lucy. Sie ist der jüngste Spross der Familie Green, die zehn Jahre zuvor aus dem irischen Waterford nach London emigrierte.

Megan Nolan, 1990 in jenem Waterford geboren, längere Zeit in London lebend und heute wohnhaft in New York, zeigt, wie leicht sich die Meinung gegen jene richtet, die doch schon immer seltsam schienen, anders.

Der Roman

Megan Nolan: „Kleine Schwächen“. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. Kjona Verlag, München 2026. 256 Seiten, 24 Euro

Die Nachbarschaft raunt also von der jungen schönen Carmel, die damals, bei ihrer Ankunft, erst 17 und hochschwanger war und sich dann nicht um ihre Tochter Lucy kümmerte. Von ihrem alkoholkranken Bruder Richie, dem arbeitslosen Vater John und der Mutter Rose, die sich als Einzige gekümmert hat. Auch um ihre Enkelin Lucy, aber Rose ist inzwischen tot. Und man hat ja schließlich zuletzt Lucy mit dem Mädchen zusammen gesehen, spielend.

Die Familie zum Reden bringen

All das saugt der Reporter Tom auf, der zufällig vor Ort ist und nun die ganz große Story für sein Boulevardblatt wittert. Welche Abgründe müssen in dieser Familie lauern, dass eine Zehnjährige zur Mörderin eines Kleinkinds wird! Seine Redaktion quartiert die Familie vermeintlich zu ihrem Schutz in einem Hotel ein. Tom soll sie dort exklusiv zum Reden bringen.

Was etwas konstruiert wirken könnte, entwickelt die Autorin ganz schlüssig und glaubhaft. Tatsächlich wird das Hotel zum erzählerischen Ausgangspunkt für die Entfaltung eines Psychogramms der Familie Green. Ein Mittel dabei sind Rückblenden, die jeweils einzelne Familienmitglieder in den Fokus rücken. So gehen die Le­se­r*in­nen etwa zurück ins Jahr 1978 und erfahren von der großen, letztlich unglücklichen Liebe Carmels. Als ihr älterer Freund aus Waterford wegzieht, bleibt sie schwanger zurück, sagt es ihm nicht, niemandem.

Nolans Sprache ist klar, eher nüchtern, doch nicht distanziert. Ihre Beschreibung der Abtreibungsversuche Carmels sind schwer erträglich, brutal geht diese gegen sich selbst und das ganz und gar unerwünschte „mickrige Ding“ vor. Schließlich spaltet sie die Realität ihrer Schwangerschaft ab, sie „(hatte) nie einen Schwangerschaftstest gemacht, nie einen Beweis gesehen. Es machte Klick und Carmel glaubte nicht mehr an die Schwangerschaft. Sie existierte einfach nicht mehr; außer in ihrem Körper, außer in Wirklichkeit.“ Die Wirklichkeit des streng katholischen Irlands Ende der 1970er-Jahre.

Jeder ihrer Figuren kriecht die Autorin in den Kopf, unter die Haut, kennt sie ganz. Darin liegt keine übergriffige Deutung oder Beurteilung. Empathie und Sympathie für alle Greens tragen den Ton des Textes. Es ist beeindruckend, mit welcher erzählerischen Gewandtheit Nolan die verschiedenen Leben einerseits als einzelne geltend macht und sie zugleich miteinander verwebt, ihr Ineinanderwirken sichtbar werden lässt.

Große Scham

Transgenerationale Verzweiflung, so brachte es ein englischer Kritiker auf den Punkt, und das fasst gut, wovon dieser Roman erzählt. Nolan nähert sich den individuellen Erfahrungen von Verletzungen und Zurückweisung, die jede und jeder in der Familie allein zu bewältigen hat, weil das Sprechen darüber, das Bitten um Hilfe unmöglich scheinen. Scham spielt eine zentrale Rolle. Zugleich, das macht die Autorin klar, sind gesellschaftliche Strukturen, die soziale Herkunft von Bedeutung.

Nolan versteht es, fesselnd zu erzählen. Wenn sie Richies zunächst glückenden Neuanfang in London beschreibt, wie er dann sehenden Auges alles aufs Spiel setzt – man möchte einschreiten, kann aber nur tatenlos weiterlesen. Hier zeigt die Autorin zudem ein tiefes Verständnis der Mechanismen der Alkoholsucht. Schildert die inneren Aushandlungsstrategien Richies, mit denen er die Kontrolle behalten will; und sich doch immer mehr in jene Einsamkeit trinkt, der er zu entfliehen sucht.

Immer wieder kehrt der Text in die Erzählgegenwart im Hotel zurück. Damit auch zu Tom, den Nolan mit scharfen, präzisen Worten als Handlanger der britischen toxischen Medienkultur jener Jahre charakterisiert. Und ihn doch als zwiespältige Figur zeichnet, die nicht ganz aufgeht in ihrer moralischen Verworfenheit.

Tom bekommt seine Geschichte einer „monströsen“ Familie nicht. Stattdessen findet Nolan eine hoffnungsvolle Wendung für Carmel und Lucy, und auch dies ist ganz glaubhaft. Vorsichtig, unsicher sind die Begegnungen von Mutter und Tochter, die eine so lange währende Ferne und Entfremdung zu überwinden haben. Bis zum Ende ihres traurigen und schönen Romans trägt und berührt Megan Nolans feines Gespür für die inneren Regungen wie auch die kleinen sichtbaren Gesten ihrer Figuren.

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