piwik no script img

Debatte um Recht auf TeilzeitKontraproduktiver Steinzeitpolitikstyle

Der Wirtschaftsflügel der Union will das Recht auf Teilzeit massiv einschränken. Dafür gibt es nicht nur von Gewerkschaften und Opposition Gegenwind.

Zurück in die Zukunft mit der CDU? Ein Ausschnitt aus dem Film „Ich heiße Niki“ aus dem Jahr 1952 Foto: united archives/imago

Sebastian Dullien hält wenig vom jüngsten Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union zur Teilzeit. „Wenn man gesamtwirtschaftlich die geleistete Arbeitszeit erhöhen möchte, könnte ein Verbot der Teilzeit nach hinten losgehen“, sagt der Ökonom und Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der taz. Mit dieser Meinung steht er nicht allein. Gewerkschaften und Opposition lehnen die Abschaffung des Rechts auf Teilzeit ebenfalls ab.

„Der Rechtsanspruch auf (Brücken-)Teilzeit soll zukünftig nur bei Vorliegen einer besonderen Begründung gelten“, heißt es in einem der Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) für den CDU-Bundesparteitag im Februar, der auch der taz vorliegt. Als besondere Gründe nennt die MIT die Erziehung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen. Ein Rechtsanspruch auf Teilzeit aus „Lifestyle“-Gründen, wie die MIT es formuliert, soll entfallen. Der Antrag sieht zudem vor, Sozialleistungen wie Grundsicherung, Kinderzuschlag und Wohngeld für Teilzeitkräfte nur noch bei Vorliegen besonderer Gründe zu gewähren.

Begründet wird dies mit der aktuellen ökonomischen Lage: „In Anbetracht des Fachkräftemangels ist diese Lifestyle-Teilzeit ein zunehmendes Problem, das unsere Volkswirtschaft belastet“, heißt es im Antrag. „Wir müssen Teilzeitregelungen daher an die ökonomischen Realitäten anpassen.“

Fast 17 Millionen in Teilzeit Im dritten Quartal 2025 arbeiteten in Deutschland 40,1 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit, so das Institut für Arbeits- und Berufsforschung. Das entspricht 16,97 Millionen Menschen. Dabei zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern: Fast jede zweite Frau arbeitet nicht in Vollzeit, bei den Männern sind es nur knapp 12 Prozent.

Motive „Lifestyle-Teilzeit“, wie es die CDU-Mittelstandsvertretung nennt, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Laut Statistischem Bundesamt entscheiden sich nur 27 Prozent der Teilzeitbeschäftigten aus eigenem Wunsch für reduzierte Stunden. Bei 73 Prozent liegen andere Gründe vor. Frauen nennen am häufigsten die Betreuung von Kindern oder Angehörigen (29 Prozent). Männer geben am häufigsten Aus- und Weiterbildung als Grund an (23 Prozent).

Gerade der Begriff „Lifestyle“ sorgt für Aufregung. „Das Recht auf Teilzeit als ‚Lifestyle‘ zu diffamieren, ist respektlos gegenüber Millionen, die Kinder großziehen, Angehörige pflegen oder schlicht versuchen, Arbeit und Leben unter einen Hut zu bringen“, sagt Linke-Vorsitzende Ines Schwerdtner der taz. Allein die Wortwahl zeige, „wie unverschämt und abgehoben sich einige Teile der Union vom harten Alltag der Menschen verabschiedet haben“.

IG-Metall-Chefin: Absurde Debatte

Deutliche Worte kommen auch von der IG Metall. Das sei eine „absurde Debatte“, über die sie „entsetzt“ sei, empörte sich die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner auf der Jahrespressekonferenz von Deutschlands größter Einzelgewerkschaft am Montag in Frankfurt am Main. „Es hilft der Wirtschaft nicht, wenn die Geisterfahrer der Wirtschaftsunion Teilzeitbeschäftigte in Misskredit bringen“, sagte sie.

Es gebe zahlreiche Untersuchungen, die belegten, dass viele Menschen in Teilzeit gerne länger arbeiten würden. Das gelte gerade für Frauen. Doch unwillige Arbeitgeber, fehlende Kita- und Pflegeplätze sowie falsche Anreize wie das Ehegattensplitting stünden dem im Weg. Es seien die Rahmenbedingungen, die nicht stimmen würden. „Unserer Meinung nach betreibt die Wirtschaftsunion gegen besseres Wissen einen Steinzeitpolitikstyle“, sagte Benner.

Und auch beim Koalitionspartner SPD ist man nicht unbedingt amused über die Idee. „Die SPD steht fest dazu, das Recht auf Teilzeit zu erhalten“, sagte Generalsekretär Tim Klüssendorf am Montag in Berlin. Es gehe darum, mehr Angebote für frühkindliche Bildung und Betreuungsplätze zu schaffen. „Um für Frauen Anreize für andere Arbeitsverhältnisse zu schaffen, wären auch Änderungen beim Ehegattensplitting ein gutes Mittel.“ Dieses Thema habe es aber nicht in den Koalitionsvertrag geschafft.

Warum soll man entscheiden dürfen, ob man Schokoladeneis oder Vanilleeis kauft, nicht aber, ob man 30 oder 38 Stunden in der Woche arbeiten möchte?

Sebastian Dullien, Ökonom

Selbst in der Union gab es Gegenstimmen. CSU-Chef Markus Söder sagte am Montag, eine generelle Beschränkung der Teilzeitoptionen sei „der falsche Weg“. Es müssten Anreize geschaffen werden, „damit es sich lohnt zu arbeiten“. Dabei gehe es etwa um steuerliche Anreize, nicht um Einschränkungen von Teilzeitoptionen.

Der Vorstoß der Wirtschaftsunion reiht sich ein in eine Serie von Vorschlägen, die Menschen zu mehr Arbeit bewegen sollen: Aktivrente, Steuerfreiheit für Überstunden, Abschaffung des Achtstundentages. Die Idee dahinter: Mehr Arbeit soll die Wirtschaft ankurbeln. CDU-Chef Friedrich Merz betont in diesem Zusammenhang immer wieder, Fleiß müsse sich wieder lohnen. Als ob er sich eine Gesellschaft wie in den 1950ern wieder wünscht, in dem der Vater als Alleinverdiener Überstunden macht, während die Mutter zu Hause bleibt.

Tatsächlich ist der Anteil der Teilzeitbeschäftigten auf einem Höchststand. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lag er im Herbst bei 40,1 Prozent. Dennoch stieg die insgesamt geleistete Arbeitszeit leicht auf 15,7 Milliarden Stunden. Der Trend zu mehr Teilzeit liegt nicht nur an den Wünschen der Beschäftigten, sondern vor allem auch an der gegenwärtigen Konjunkturflaute. Besonders in der Industrie, wo Vollzeitjobs dominieren, sank die Zahl der Beschäftigten um 2,2 Prozent.

Abschaffung kontraproduktiv

Auch beim Thema Fachkräftemangel könnte die Abschaffung des Teilzeitrechts nach hinten losgehen. Es gebe Menschen, „denen es einfach gesundheitlich oder psychisch zu viel ist, unter den aktuellen Arbeitsbedingungen Vollzeit zu arbeiten“, warnt Ökonom Dullien. Nimmt man ihnen die Teilzeitoption, könnten sie ganz aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Ähnliches gelte für Zweit­ver­die­ne­r*in­nen in gutverdienenden Haushalten. „Auch hier ist zu erwarten, dass Menschen ganz aus dem Berufsleben aussteigen, wenn ihnen die Möglichkeit zur Teilzeit genommen wird“, so Dullien.

Und den Ökonomen stört noch etwas Grundsätzliches an der Debatte: „Ohnehin ist etwas merkwürdig, dass gerade jene, die sonst immer die individuelle Entscheidung der Einzelnen hochhalten und sich gegen Staatseingriffe wehren, jetzt Vollzeit verpflichtend vorschreiben wollen“, sagt Dullien. „Warum soll man entscheiden dürfen, ob man Schokoladeneis oder Vanilleeis kauft, nicht aber, ob man 30 oder 38 Stunden in der Woche arbeiten möchte?“ (mit dpa)

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare