Debatte über Schwangerschaftsabbrüche: Noch vor zehn Jahren waren Abtreibungen kein Thema
Wie entwürdigend die Situation für ungewollt Schwangere hierzulande ist, wurde am Safe Abortion Day beklagt. Es ist Zeit, auch die Erfolge zu sehen.
Foto: Frank Molter/dpa
Der Saal des Kulturzentrums Kukoon am Freitagabend in Bremen ist voll. So voll, dass einige auf Tischen sitzen, andere auf der Treppe zur Empore. Es sind überwiegend junge Menschen in ihren 20ern und frühen 30ern, darunter eine Handvoll Männer.
Sie sind gekommen, um der Ärztin Alicia Baier zuzuhören, die aus ihrem 2025 erschienenen Buch „Das Patriarchat im Uterus – ein Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung“ liest. Es geht darum, wie schwer und teilweise unmöglich es Schwangeren in Deutschland gemacht wird, eine Schwangerschaft abzubrechen.
Der Anlass ist der weltweite Safe Abortion Day am Montag. Der soll seit 2011 darauf aufmerksam machen, dass ein hürdenloser Zugang zu fachgerecht durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen ein Menschenrecht ist und nicht kriminalisiert werden darf.
§218 ist eine weltweit einmalige Konstruktion
In Deutschland ist der medizinische Eingriff als Tötungsdelikt im Strafrechtsparagrafen 218 festgeschrieben. Der ist eine weltweit einmalige Konstruktion: Die Behandlung ist verboten, aber unter bestimmten Voraussetzungen wird von Strafe abgesehen. Wenn die Person sich hat beraten lassen und eine dreitägige „Bedenkfrist“ eingehalten hat.
Alicia Baier, die selbst Schwangerschaftsabbrüche vornimmt, beschreibt ihrem Publikum die gravierenden Folgen, wie sie sich auch in wissenschaftlichen Studien darstellen: Ärzt:innen und Patient:innen werden stigmatisiert, letztere müssen oft weite Wege auf sich nehmen, es gibt finanzielle Hürden, eine verunsichernde Rechtslage und Gefahr für Leib und Leben, wenn Komplikationen nach dem Abbruch eintreten und beispielsweise eine Klinik in katholischer Trägerschaft die Hilfe verweigert.
Die Ampel-Regierung im Bund wollte mit Unterstützung der Linken diesem Elend eigentlich ein Ende machen, nachdem im April 2024 eine von ihr eingesetzte Expertenkommission die Legalisierung des Abbruchs in den ersten 14 Schwangerschaftswochen empfohlen hatte. Doch die FDP verweigerte sich, nachdem sie die Koalition gesprengt hatte. Im Februar 2025 scheiterte das Vorhaben vorerst.
Es hat sich vieles verbessert
Das Publikum im Bremer Kukoon ist empört. Die Moderatorin bittet Alicia Baier immer wieder, die Stellen aus ihrem Buch vorzulesen, die besonders drastisch beschreiben, wie Menschen eine gute medizinische Versorgung bei einer ungewollten Schwangerschaft verweigert wird.
Und so geht unter, was Alicia Baier zum Schluss auch sagt: Wie viel sich verbessert hat, seitdem sie als Studentin an der Berliner Charité 2015 die erste deutsche Gruppe von Medical Students für Choice gegründet hatte.
Denn damals war die entwürdigende Situation ungewollt Schwangerer in Deutschland kein Thema, es wurde totgeschwiegen. Der aus Lateinamerika stammende Safe Abortion Day wird in Deutschland erst seit 2019 begangen, zuvor gab es nur Proteste gegen diejenigen, die das deutsche Recht verschärfen wollten und dafür auf dem jährlichen „Marsch für das Leben“ demonstrierten.
Erster Artikel zum Thema 2017 in der taz
Es gab auch keine öffentlichen Diskussionen wie die im Kukoon am Freitag, keine Medien, die sich mit der prekären Versorgung befassten, nachdem das Gesetz 1995 in Kraft getreten war. Selbst die taz thematisierte nahezu ausschließlich den schweren Zugang in anderen Ländern, beispielsweise in Polen, Spanien oder den USA.
Wenn deutsche Medien berichteten, dann über Einzelfälle: Die taz griff 1997 die Situation in Passau auf, 2013 die in Wilhelmshaven und 2016 in Schaumburg, 2017 in Lüchow-Dannenberg. In einer Handvoll von Lokalzeitungen erschien etwas über die Situation in der jeweiligen Stadt.
Das änderte sich im März 2017. In der taz erschien der bundesweit erste Artikel, der die Gesamtsituation betrachtete und auch den 2022 abgeschafften Paragrafen 219a thematisierte. Dieser machte es möglich, Ärzt:innen anzuzeigen und zu verurteilen, wenn sie darüber informierten, dass und wie sie Schwangerschaftsabbrüche durchführten. Bis vor vier Jahren waren diese Informationen quasi nur „unter dem Ladentisch“ zu bekommen.
Dieser erste taz-Artikel blieb folgenlos, nur eine Lokalzeitung im Nordwesten berichtete über die Recherche-Ergebnisse. Das änderte sich erst mit einem weiteren taz-Artikel ein halbes Jahr später, in dem die Gießener Ärztin Kristina Hänel öffentlich machte, dass sie wegen Verstoß gegen das Informationsverbot angezeigt worden war.
Öffentliche Meinung ändert sich
In den Jahren darauf griffen mehr und mehr Medien das Thema auf und langsam änderte sich der Ton in ihren Kommentaren. Anfangs wurde der Paragraf 218 oft noch als „guter Kompromiss“ beschrieben, ohne dies zu begründen. Nachdem mehr und mehr Details darüber publik wurden, was das deutsche Strafrecht Ärzt:innen und Patient:innen aufbürdet, mehrten sich die Meinungstexte auch in konservativeren Medien, die eine Legalisierung forderten.
Das spiegelt sich in Umfragen. 2024 sprachen sich 75,3 Prozent der für eine repräsentative Studie im Auftrag der Bundesregierung Befragten dafür aus, Schwangerschaftabbrüche nicht über das Strafgesetzbuch zu regeln. Das taten sogar 72,2 Prozent der CDU-Wähler:innen und 61,5 Prozent derjenigen, die für die AfD stimmen wollten.
Mit der größeren Öffentlichkeit fand Vernetzung statt: Von Betroffenen, die zuvor nicht wussten, dass sie mit ihrer Not nicht alleine waren und sie auch keine Schuld daran traf. Aber auch von Fachleuten, zum Beispiel Ärzt:innen.
So ist mittlerweile der Abbruch mit dem Medikament Mifegyne mit 45 Prozent die häufigste Abtreibungsmethode, wie das statistische Bundesamt im April mitgeteilt hatte. 2015 waren es nur 19 Prozent – im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ein sensationell niedriger Wert, obwohl die Methode als die schonendste gilt und auch in Praxen durchgeführt werden kann, die keine Möglichkeit haben zu operieren.
Alicia Baier verbucht auch dies als Erfolg der feministischen Bewegung für eine Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland, die sie seit 2015 maßgeblich mitgetragen hat.
2019 gründete sie mit anderen die „Doctors for Choice Germany“, die unter anderem Fortbildungen für Ärzt:innen zum medikamentösen Schwangerschaftsabbruch anbieten. „Wir bekommen sehr viele Anfragen dazu“, sagt Alicia Baier, auch von Hausärzt:innen, die ihr zufolge insbesondere in den unterversorgten Regionen in Süddeutschland die Versorgungslücken schließen.
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