Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Auffällig unabhängig
Fifa-Präsident Infantino scheint erschöpft zu sein, doch er schmiedet wieder neue große Pläne. Er denkt an eine Unabhängigkeitskommission.
M eine vier Töchter haben sich nach Schlusspfiff besorgt nach mir erkundigt, völlig unabhängig voneinander. Ich bin gerührt. Sie sorgen sich um mich und damit auch um die Zukunft des Fußballs. Das muss einem Vater und Fifa-Präsidenten gefallen. So müde und erschöpft hätte ich auf den Fernsehbildern aus Vancouver ausgesehen. Nein, es ist natürlich alles bestens. Alles läuft nach Plan. Das Spiel war wieder einmal das beste, das ich bisher bei der WM gesehen habe.
Nun, ich gebe zu, dass ich bei dieser Partie versucht habe, noch etwas unabhängiger als sonst auszuschauen. Das mag unbeteiligt gewirkt haben, aber am Ende wird mir noch vorgehalten, ich hätte wegen meiner Herkunft der Schweiz die Daumen gedrückt. Es gibt ja gerade eine gewisse Aufgeregtheit, obwohl nichts passiert ist.
In der Trinkpause habe ich wieder eine fantastische Idee entwickelt. Wir sollten die Disziplinarkommission, die diese Rote Karte für den US-Spieler zurückgenommen hat, umbenennen. Die Bezeichnung ist viel zu technisch, und wie man in diesen Tagen sieht, können sich die Menschen keine Vorstellung von ihrer Arbeit machen. Weil die jüngste Entscheidung insbesondere auch für mich so überraschend war, sollten wir künftig nur noch von der Unabhängigkeitskommission sprechen.
Auf den ersten Blick mag das einigen vielleicht zu plakativ erscheinen, weil Unabhängigkeit und Fifa eigentlich als Synonyme verstanden werden können. Und die Fifa hat noch viele andere Kommissionen. Aber es braucht aus meiner Sicht derzeit klare Botschaften.
Wie eine Geschlechtsüberprüfung
Diese Unabhängigkeitskommission soll in Zukunft neben ihren disziplinarischen Tätigkeiten mit meiner Zustimmung jederzeit auch meine Unabhängigkeit überprüfen können. Meinetwegen könnte der Ausschuss prüfen, ob es etwas mit mir zu tun hat, dass die Schweiz erstmals seit Ewigkeiten ins Viertelfinale gekommen ist. Freilich wäre das Zeitverschwendung. Eine Unabhängigkeitsüberprüfung bei mir wäre wie eine Geschlechtsüberprüfung. Das Ergebnis wäre immer das gleiche.
Unabhängiger als ich ist niemand in der Fifa. Das lässt sich schon leicht rechnerisch feststellen. Ich besitze die italienische, libanesische und schweizerische Staatsbürgerschaft. Von den drei Ländern ist nur eines bei der WM dabei. Das muss mir erst einmal jemand nachmachen. Eine größere statistische Unabhängigkeitsauffälligkeit kann es gar nicht geben.
Nicht ohne Grund habe ich mich beim Spiel der Schweiz gegen Kolumbien mit der ägyptischen Fahne fotografieren lassen. Böse Zungen sagen mir ja nach, ich würde alles dafür tun, dass Messi möglichst lange bei der WM dabei ist. Was für einen schweren Turnierbaum sie allerdings erwischt haben, hat man in den Spielen gegen Kap Verde und eben Ägypten gesehen. Von den Teams, die bislang ausgeschieden sind, haben mir beide am besten gefallen. Und das sage ich mal unabhängig davon, dass mir eigentlich alle Teams am besten gefallen.
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