Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Mein Rücktritt wäre Betrug am Fußball
Gianni Infantino muss sich mit unzumutbaren Forderungen beschäftigen. Das hält ihn nicht davon ab, den Fußball mit einer neuen Idee voranzubringen.
11. Juli
F ür wen schreibe ich dieses Tagebuch eigentlich? Für mich allein etwa? Das könnte man fast glauben. Jetzt schlägt seit Sonntag dieses Interview in Europa Wellen, das ich dem Schweizer Portal „blue Sport“ gewährt habe. Dabei habe ich doch schon vor mehr als zwei Wochen in meinem Tagebuch hier in der taz festgehalten, dass eine WM mit 64 Teams mir gefallen würde.
Neu ist das nun wirklich nicht. Sogar davor habe ich mich schon zu dem Vorschlag geäußert. Beim Fifa-Kongress in Paraguay 2025 war das. Damals habe ich diesen Satz formuliert, der auch für die Geschichtsbücher bestimmt war: „Jede Idee ist eine gute Idee.“ Wirklich schade, dass diese geistreiche Formulierung von mir so schnell in Vergessenheit geraten ist.
Gianni Infantino ist immer am Ball. Überall. Bei der Fußball-WM in Mexiko, Kanada und den USA natürlich erst recht. Da kommt niemand mehr hinterher. Außer der Fifa-Präsident selbst. Vielleicht. Die taz hat Zugang gefunden zu seinem geheimen Tagebuch. Alle Tagebucheinträge finden Sie hier.
Überhaupt scheint es ein Problem für mich zu werden, dass meine Ideen, die fantastischerweise immer sehr, sehr gute Ideen sind, nicht mehr so wertgeschätzt werden, weil viele lieber über meine privaten Telefongespräche Mutmaßungen anstellen. Sogar die Forderung nach meinem Rücktritt ist mir begegnet.
Verrat an mir selbst
Als wenn das so einfach wäre. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht zurücktreten. Bei meiner letzten Wahl wurde mir die Verantwortung übertragen, bis zum Fifa-Kongress 2027 das größte Spiel dieses Planeten noch größer zu machen. Ein Rücktritt wäre Betrug am Fußvolk des Fußballs, Betrug an meinen Wählerinnen und Wählern, Betrug an meinen außergewöhnlichen Ideen, und was am schlimmsten ist: Es wäre Betrug am Fußball. Und gegen Betrug in der Fifa und am Fußball bin ich doch angetreten. Das war mein einziger Antrieb. Ein Rücktritt wäre also auch ein Verrat an mir selbst. Wie kann man all das von mir nur verlangen?
Ausgerechnet die größten Staatenlenker dieser Welt zeigen jetzt das größte Mitgefühl. Meine Freunde Donald und Wladimir haben mich bestärkt, weiterzumachen. Das hat mich sehr berührt und ist mir eine weitere Verpflichtung. Gerade Wladimir, der etwas einsilbig geworden war, honoriert mein verstärktes Bemühen, den Weltfußball größer zu machen und Russland wieder in den Fifa-Spielbetrieb einzugliedern.
Keine Sorge, ich werde dem Fußball weiter dienen und ihn bereichern. Mit dem geplanten Verkauf des Finalrasens an die Fans – die teuersten zertifizierten Stücke kosten 2.500 Euro – werden wir wieder ein hübsches Sümmchen zusammenbekommen. Und gestern kam mir die fantastische Idee, dass wir an der Stelle viel mehr Potenzial haben. Wie wertvoll dürften erst die Trinkflaschen für Sammler sein, aus denen kommende Weltmeister während der Trinkpausen im Finale getrunken haben. Oder die Kleiderbügel, an denen die Trikots in der Kabine hingen. Und die Rote Karte, die Folarin Balogun gesehen hat, sollten wir unbedingt versteigern lassen. Solche historischen Sammlerstücke sind mit Gold kaum aufzuwiegen. Was für ein Gewinn ist meine WM für den Fußball!
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