Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Alles, nur kein Mörder
Die Fifa entzieht einem Journalisten die Akkreditierung. Warum Gianni Infantino zu dieser Entscheidung steht und dennoch nicht nachtragend sein will.
Foto: Paul Childs/reuters
25. Juni 2026
H eute diese Zeilen zu schreiben, fällt mir nicht leicht. Ganz im Gegenteil: Es fällt mir sogar sehr schwer. Denn hinter mir liegt eine schwere Entscheidung. Nicht die Entscheidung selbst ist es, die mich in diesem Augenblick so nachdenklich macht. Der Anlass für die Entscheidung hat mich tief getroffen. Was ist passiert?
Ich musste einem Radioreporter aus Paraguay die Akkreditierung für die WM entziehen, weil er mich einen Mörder genannt hat. Das ist mehr als eine Beleidigung. Das ist eine derart infame Unterstellung, dass ich keine andere Wahl hatte, als den Mann vom Turnier entfernen zu lassen.
Bild: Rattelschneck
Gianni Infantino ist immer am Ball. Überall. Bei der Fußball-WM in Mexiko, Kanada und den USA natürlich erst recht. Da kommt niemand mehr hinterher. Außer der Fifa-Präsident selbst. Vielleicht. Die taz hat Zugang gefunden zu seinem geheimen Tagebuch. Alle Tagebucheinträge finden Sie hier.
Man kann mich schwul nennen, einen Gastarbeiter, katarisch, afrikanisch, arabisch oder behindert. So habe ich mich selbst auch schon bezeichnet. Aber Gianni Infantino ist doch kein Mörder. Das geht zu weit. „Sie haben den Fußball getötet. Fifa, ihr habt den Fußball getötet!“ Das hat dieser Reporter in sein Mikrofon gebrüllt, nachdem sein Landsmann Miguel Almirón im Spiel gegen die Türkei vom Platz geflogen war – wegen dieser Regel, nach der man mit verdeckten Mund nicht sprechen darf.
Natürlich herrscht bei der Fifa Meinungsfreiheit. In einem WM-Stadion darf jeder denken, was er möchte. Wie heißt es in diesem wunderbaren Volkslied? „Die Gedanken sind frei.“ Dieses Lied pfeifen die Spatzen von den Stadiondächern unserer Weltmeisterschaft. Aber muss man denn immer auch aussprechen, was man denkt? Da gibt es Grenzen. Und die sind in diesem Fall eindeutig überschritten worden.
Täter-Opfer-Umkehr
Immerhin zeigt der Mann nun Reue und sagt, dass falsch gewesen sei, was er gesagt habe. Ich weiß es zu schätzen, wenn Menschen sich Menschen einsichtig zeigen. Aber warum hat er es nicht einfach so gehalten, wie ich es immer tue: einfach nichts Falsches sagen. Ist das wirklich zu viel verlangt?
Was mich auch zutiefst bewegt und mir beinahe eine schlaflose Nacht bereitet hat, ist die beinahe schon schamlose Täter-Opfer-Umkehr, die in der Äußerung dieses sogenannten Journalisten mitschwingt. Als Mann, der sich selbst als schwul bezeichnet hat, und wenn es auch nur für einen Tag war, musste ich vor vier Jahren damit rechnen, homophobe Anfeindungen zu ernten.
Welche Vorurteile Gastarbeitern entgegenschlagen können, weiß ich als Kind italienischer Einwanderer in der Schweiz nur allzu gut. Dennoch habe ich mich als solcher bezeichnet. Das war kein einfacher Schritt für mich. Ich habe mich zur Zielscheibe gemacht. Und jetzt soll ich ein Mörder sein?
Dieser Reporter sollte sich wirklich fragen, wer hier eigentlich Opfer ist und wer Täter. Natürlich wünsche ich dem Mann alles Gute in seinem weiteren Leben. Ein Gianni Infantino ist nicht nachtragend. Und wenn unter einem meiner Nachfolger einst wieder eine WM-Akkreditierung für diesen Mann ausgestellt werden sollte, ich wäre der Letzte, der dagegen etwas einwenden würde.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert