Das Leben der Bundesligamaskottchen: Rote Linien
Es gibt Dinge, über die man besser keine Witze macht. Zum Beispiel über den Berliner Fußball und mögliche zarte Bande zwischen Braunbär und Ritter.
D as Spiel ist so zerfahren und zäh, so voller Stopp- und Abspielfehler, dass ich mit meinen Gedanken und Blicken irgendwann vom Spielfeld zu Ritter Keule, dem Maskottchen Union Berlins abschweife.
Wie seine Statistikdaten wohl nach dem Spiel aussehen? Wahrscheinlich läuft er in den 90 Minuten ähnlich viele Kilometer wie die Spieler auf dem Platz. Er hat nur etwas andere Laufwege. Er wird vor allem vor der Gegengeraden, der Waldseite und der Haupttribüne unterwegs sein. Ob er auch manchmal vor dem Gästeblock auftaucht? Oder ist das zu gefährlich?
Ich tippe Carsten an, der neben mir steht. „Gibt es eigentlich eine Heatmap von Ritter Keule?“ „Was?“ Carsten blickt mich irritiert an. „Mittlerweile wird beim Fußball doch alles statistisch erfasst“, sage ich. „Ritter Keule ist aber kein Spieler.“
„Ist doch egal. Stell dir vor, man chipt alle Bundesligamaskottchen. Dann wüsste man, wer das größte Laufpensum absolviert. Und welches Maskottchen das faulste ist. Man könnte auch tracken, wer die meisten High Fives während eines Spiels gibt.“
Carsten sieht mich an, als sei ich irre. Auf dem Rasen kullert der Ball wieder ins Aus. Dabei ist das doch spannend. Das unerzählte Leben der Bundesligamaskottchen. Eine Terra incognita.
„Vielleicht haben die Maskottchen eine gemeinsame Signal-Chatgruppe“, sage ich. „Wofür das denn?“ „Um Erfahrungen auszutauschen. Irgendwie sitzen sie ja alle im gleichen Boot.“ Carsten schüttelt den Kopf. „Was faselst du da? Hörst du dich eigentlich reden?“
„Ich stelle mir nur vor, wie es sein könnte“, sage ich. „Herthinho und Ritter Keule sind im Geheimen vielleicht ganz dicke. Darf bloß keiner wissen.“ „Ritter Keule und Herthinho?“ Carsten sieht mich böse an. „Es gibt Dinge, über die macht man keine Witze. Es gibt rote Linien.“
Mist. Ich hatte vergessen, dass er da keinen Spaß versteht. Jetzt habe ich ihn ernsthaft verärgert. Ich räuspere mich und setze zu einer Entschuldigung an. Dann fällt ein Tor. Aus dem Nichts. Ein kollektiver Schrei geht durchs Stadion. Und Carsten und ich liegen uns in den Armen wie zwei Frischverliebte.
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