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Danksagung an BerlinUnsere Heimat, Söders Albtraum

Seit fast 20 Jahren lebt unsere Autorin in Berlin. Dort lernte sie, sich frei zu fühlen, auch vor Diskriminierung. Eine Liebeserklärung.

Schöne Aussichten: Das Tempelhofer Feld unbebaut Foto: Maskot/imago

A ls Zugezogene ist es an der Zeit, danke zu sagen. Es ist nur höflich, das auch öffentlich zu tun. Im Stillen danke ich öfter. Zum Beispiel, wenn ich mich vorne oben vom Bus M29 von Neukölln über die Oranienstraße und den Ku’damm in den Grunewald wiegen lasse. Es sollte nur ein kurzer Besuch werden. Das ist fast zwanzig Jahre her.

In Kreuzberg habe ich gelernt, meine Haare offen zu tragen. In Niedersachsen konnte ich keine Straße mit Afro langgehen, ohne dass er von Umstehenden kommentiert wurde. Jetzt gab es keine Kommentare und keine Blicke: Den Kreuz­ber­ge­r*in­nen waren meine Haare einfach egal. Nie hätte ich gedacht, dass diese Gleichgültigkeit meinen Alltag so verbessert.

Ich erzähle immer wieder gerne, dass ich in den ersten Monaten hier meine Rückenschmerzen verloren habe, weil ich zuvor nur mit hochgezogenen Schultern durchs Leben gegangen war und nun loslassen konnte. Wie ich über Jahrzehnte das Gesundheitssystem mit Physio- und Psychotherapien belastet hätte, wäre mir Berlin nicht passiert, mag ich mir gar nicht vorstellen. Kein Länderfinanzausgleich kann aufwiegen, was diese Stadt leistet.

Berlin war für mich lange Zeit der sicherste und freieste Ort zugleich. Sicherheit boten mir die geringeren Lebenshaltungskosten. Gerade als Berufsanfängerin. Danke für so viel Gestaltungsfreiheit. Dass zu jeder Zeit Menschen auf den Straßen sind und ich in den meisten Kiezen keine rassistischen Übergriffe zu befürchten hatte, hat mir als Frau of Color mehr Bewegungsfreiheit geschenkt als jede Autobahn.

Aber das wichtigste zum Thema Freiheit ist wohl: Berlin gibt einem Gründe, frei sein zu wollen und sich nicht nur zwischen Arbeitsplatz und Wohnung zu bewegen. Danke für Theater, Clubs, Parks, Museen und 24-Stunden-Eckkneipen.

Süddeutsche Propaganda

Ich konnte Berlin-Bashing früher nicht verstehen und kann es heute nicht. Die Behauptung, in Berlin würde nichts funktionieren, ist süddeutsche Propaganda. Es ist immer wieder schade, wenn Ber­li­ne­r*in­nen darauf reinfallen. Wer hat eigentlich die Kriterien festgelegt, die eine Stadt zu einer funktionierenden machen? Die Fraport? Das würde erklären, warum so viele sofort „Flughafen“ schreien, wenn ich um Beispiele bitte.

Ja, ich würde mich gerne auf die BVG verlassen können, aber es ist auch ganz praktisch, immer eine Ausrede fürs Zuspätkommen zu haben, wenn man mal eine Stunde länger in der Sonne sitzen will. Lebt halt alle in euren sauberen Städten ohne Baustellen, wenn das eure Priorität ist. Für mich und viele andere ist das nicht, was das Leben ausmacht.

Als Dankeschön an diese Stadt verspreche ich, mich dafür einzusetzen, dass auch noch Generationen nach mir das Berlin-Gefühl fühlen dürfen. Denn junge Menschen heute kommen aus den gleichen Gründen wie ich damals. Es wird ihnen nur schwerer gemacht zu bleiben. Aus Dankbarkeit werde ich dafür kämpfen, dass die Mieten runtergehen und nicht die Anzahl der Clubs. Dass der Görli nachts aufbleibt und das Tempelhofer Feld unbebaut.

Dass wieder mehr Räume für Kunst- und Kultur entstehen, der kostenlose Museumssonntag zurückkommt und unsere Theater nicht kaputtgespart werden. Und ich werde den Platz vorne oben im M29 immer für Kinder freimachen. Das ist das Mindeste, was ich für dich tun kann. Danke für alles, Berlin. Du bist unsere Heimat und Söders Albtraum. Das ist auch gut so.

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Simone Dede Ayivi
Simone Dede Ayivi ist Autorin und Theatermacherin. Sie studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Aktuell arbeitet sie zu den Themen Feminismus, Antirassismus, Protest- und Subkultur.
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