Coronagegner und Grundrechte: Wut und Widerstand

Da sitzen sie, die Coronagegner, mit kindischen „Ferkel-Merkel“-Postern und faseln von Diktatur. Mit Blick auf Belarus macht das wütend.

Dicht gedrängt und ohne die Abstandsregeln zu beachten stehen Tausende bei einer Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße des 17. Juni.

Corona my ass: Die „Querdenken 711“-Demo denkt ein Pandemie-Ende fordern zu können Foto: Christoph Soeder/dpa

Neulich lernte ich eine Frau kennen, die professionell Menschen bei der Karriere- und Lebensplanung berät. Als ich ihr sagte, ich sei Tageszeitungsjournalistin, fragte sie, ob mir das nicht abends noch nachgehe – all die Krisen, Katastrophen, was man so „die Weltlage“ nennt. Seit diesem Gespräch denke ich immer wieder darüber nach: Macht das was mit mir – und wenn ja, was: Libanon, Belarus, der US-Wahlkampf, die Coronareisewarnungen?

Als ich abends von der Redaktion heimradle und sehe, wie ein Grüppchen vor dem Kanzleramt routiniert sein „Merkel muss weg“-Transparent entrollt – „Schönen guten Tag, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur hundertsoundsovielten Kundgebung unserer Initiative...“ –, da steigt dasselbe Gefühl in mir hoch wie schon ein paar Tage zuvor, als sich auf der Wiese gegenüber dem Kanzleramt ein temporäres Camp der Coronaleugnertruppe Querdenken – „Zentrale Außenstelle Berlin“ – breitgemacht hatte.

Wut. Eine große, persönliche Wut ergriff mich. Da saßen diese Menschen, viel mehr Männer als Frauen, größtenteils Ü50, und spielten Musik ab, in der sehr oft das Wort „Freiheit“ vorkam. Dazu kindische „Ferkel-Merkel“-Poster und Slogans wie „Wer in der Coronakrise schläft, wird in einer Diktatur aufwachen“.

Was zur Hölle wollen diese Menschen? Welche Grundrechte werden ihnen denn versagt? Niemand hindert sie ja daran, die Kanzlerin zu verunglimpfen, direkt in deren Sichtweite, ja, sie werden dabei sogar von Polizeibeamten geschützt. So wie sich das in einer Demokratie eben gehört. Und niemand lädt die Protestierenden am helllichten Tag in schwarze Lieferwagen mit getönten Scheiben und verschleppt sie in irgendwelche Folterknäste, so wie es Demonstrierenden in Minsk, dieser echten Diktatur in Europa, gerade geschieht. Alles in Ordnung mit der Meinungs- und Versammlungsfreiheit hierzulande, will man doch meinen?

Jeder und jede darf hier herumlaufen und irgendwelches Zeug verzapfen: Davon, dass „die Eliten“ Kinder quälten und nur ein ominöser Q die Weltwahrheit besitze, wie der QAnon-Sympathisant Attila Hildmann meint. Oder dass Merkel sich per „Ausnahmezustand“ ewig an der Macht zu halten versuche, wie die Ex-DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld in ihrem Blog behauptet – als wäre Merkel Lukaschenko. Oder Putin, der sich gar nicht erst damit aufhält, seine Kritiker zu verhaften, sondern sie lieber gleich vergiften lässt – aber das ist natürlich nicht bewiesen. Sondern leider nur sehr, sehr wahrscheinlich.

Laschet ins Rennen zurückgeschubst

Nein, Merkel verhält sich wahrlich nicht wie eine Amtsinhaberin, die sich am Sessel festkrallt: Sie hat ihrem schwächelnden Nachfolgekandidaten aus NRW mit ihrem Besuch Aufmerksamkeit verschafft und ihn mit dem Prädikat „Der kann das“ zurückgeschubst ins Rennen um ihre Nachfolge.

Und sie hat sich mit einer Delegation der Fridays-for-Future-Bewegung zum freundlichen Austausch getroffen – weil es ihr jetzt egal sein kann, ob dem Wirtschaftsflügel ihrer Partei (der gasbetriebene Heizpilze als Winterlösung für die Gastronomie propagiert) dabei die Messer in den Taschen aufgehen: In einem Jahr wird Merkel weg sein, darum müssen sich weder Frau Lengsfeld noch irgendwelche selbsternannten Querdenker Sorgen machen.

Ach ja: Merkel ist ja nur ein Symbol. Für die ewiggleiche „Altparteienclique“, die unser Land im Würgegriff hat? Also, ich sehe unser Land höchstens im Würgegriff eines Virus, der Wirtschaft, Bildung und Klimaschutz plattmacht und zu dessen Bekämpfung niemandem bisher etwas Besseres einfällt als: Mund und Nase bedecken, Abstand halten und weiter am Impfstoff forschen. Ja, das ist großer Mist für alle: Für die Kinder, die vor lauter Händewaschen schon ganz dünne Haut haben. Für die Eltern, die Angst vor der nächsten Schulschließung haben. Für Mittelständler, Kneipenwirte und Konzertveranstalter, die finanziell in die Knie gehen. Und für die Menschen, die viel Zug fahren müssen.

Stolzer ziviler Ungehorsam

Auf der Seite von Querdenken kann man sich übrigens Musterschreiben herunterladen. Für Strafanzeigen wegen „Nötigung“: Weil das Kind ohne Maske nicht in die Kita oder Schule darf. Oder es sich die Temperatur messen lassen soll. Es gibt auch Vordrucke für Menschen, die sich selbst von der Maskenpflicht befreien lassen wollen, aus gesundheitlichen oder „sonstigen Gründen“. Was für Zeugnisse stolzen zivilen Ungehorsams! Denn, wenn so viele Menschen in dieselbe Richtung marschieren, dann muss es ja falsch sein, stimmt’s?

Stimmt eben nicht. Dieser „Widerstand“ ist ein Armutszeugnis. Nicht für die Demokratie. Sondern für die, die sich gern als mündige BürgerInnen sehen – und doch bloß wohlstandsverwöhnte EgoistInnen sind, denen die eigene Maskenfreiheit mehr wert ist als die Gesundheit kranker und alter Mitmenschen.

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Jahrgang 1974, geboren in Wasserburg am Inn, schreibt seit 2005 für die taz über Kultur- und Gesellschaftsthemen. Von 2007 bis 2015 war sie Redakteurin im Berlin-Teil. Seit Januar 2016 leitet sie das Meinungsressort der taz. Im März erschien ihr Buch "Der ganz normale Missbrauch. Wie sich sexuelle Gewalt gegen Kinder bekämpfen lässt" im CH.Links Verlag.

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