Corona in Großbritannien: Delta auf dem Vormarsch

In England lässt die Corona-Variante die Infektionszahlen wieder steigen – trotz hoher Impfquote. Doch noch ist offen, wie gefährlich sie ist.

Eine Studentin mit Pflaster auf dem Arm wartet im Impfzentrum

Gehört jetzt auch zu den 60 Prozent der geimpften Brit*innen: Studentin im Londoner Impfzentrum Foto: Daniel Leal-Olivas/afp

Manchmal reichen wenige Wochen, und aller Erfolg im Kampf gegen Corona scheint zunichte gemacht. Großbritannien jedenfalls erlebt nach Monaten, in denen Impfungen und Maßnahmen die Pandemie fast vollständig eindämmten, eine Rückkehr von Sars-CoV-2. Die Zahl der Infektionen im Königreich hat sich zuletzt innerhalb von 14 Tagen verdoppelt. Landesweit liegt die 7-Tage-Inzidenz wieder bei 63, im Nordwesten Englands teilweise sogar wieder weit im dreistelligen Bereich. Und wie zuvor, wenn die Zahlen stiegen, wird auch dieses Mal eine Mutante des Coronavirus dafür verantwortlich gemacht.

Es handelt sich um eine Sublinie der Sars-CoV-2-Mutante B 1.167, die B 1.167.2 oder, kurz „Delta“ genannt wird. Das Virus besitzt eine Mutation weniger als die Schwestervariante, bindet aber ebenfalls besser an menschliche Zellen als frühere Sars-CoV-2-Linien. Delta ist daher vermutlich noch ansteckender als die einst gefürchtete Mutante B.1.1.7. Das Risiko, die Menschen im eigenen Haushalt zu infizieren, sei bei Delta schätzungsweise 60 Prozent höher als bei Alpha, teilte die englische Gesundheitsbehörde am Freitag mit. Und es könnte aufgrund einer recht speziellen Mutation vom Immunsystem des Menschen auch weniger gut erkannt werden.

Darauf soll inzwischen zumindest eine Untersuchung an 250 einfach oder vollständig mit Biontech geimpften Personen hinweisen, die kürzlich als Kurzbericht im Fachblatt Lancet veröffentlicht wurde. Wissenschaftler vom Londoner Francis Crick Institute und anderen Forschungseinrichtungen hatten geprüft, ob der Impfschutz im Blutserum der Studienteilnehmer ausreichen würde, verschiedene Coronavirus-Varianten in einem Laborversuch abzufangen – also mit Hilfe von Antikörpern zu neutralisieren.

Den Ergebnissen der Studie zufolge sind diese Antikörper gegen die Delta-Mutante im Laborversuch nach nur einer Dosis Impfstoff deutlich weniger schlagkräftig als gegen andere Varianten von Sars-CoV-2. Insbesondere einfach Geimpfte müssten demnach vorsichtig bleiben, um eine Infektion zu vermeiden und den Erreger nicht weiterzugeben.

Der möglichen Schlussfolgerung, dass die erste Impfdosis fast nutzlos gegen die Delta-Variant ist, widersprechen Fachleute aber deutlich. „Die Daten können uns nicht sagen, ob die Impfstoffe weniger effektiv sind wenn es darum geht, schwere Erkrankungen, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle zu verhindern“, sagte die Immunologin Eleanor Riley von der University of Edinburgh dem britischen Science Media Centre nach Erscheinen der Lancet-Studie. Man müsse warten, bis auch Untersuchungen zu dieser entscheidenden Frage vorliegen.

Bisher ist offen, ob nach den Neuinfektionszahlen in Großbritannien die Todeszahlen zunehmen werden. Die Hospitalisierungen sind zuletzt leicht gestiegen, die Zahl der Corona­toten liegt dagegen weiterhin fast unverändert bei unter 10 pro Tag. „Es gibt Gründe, optimistisch zu sein“, meint Eleanor Riley. Denn neben den Antikörpern wird im Körper durch die Impfung eine zweite Verteidigungslinie durch T-Zellen gebildet.

Diese Abwehrzellen verhindern keine Infektion mit dem Virus, aber sie bekämpfen den Erreger im Fall einer Ansteckung sehr viel differenzierter als die Antikörper – und sie mildern oder verhindern trotz Infektion die Erkrankung. In der viel beachteten Studie aus Lancet wurde diese Reaktion des Immunsystem in Bezug auf die Mutanten gar nicht untersucht. Tatsächlich wurden nicht einmal konkrete Ansteckungen untersucht – es wurden lediglich Antikörper in Blutseren getestet, was wichtige Hinweise liefern kann. Mehr aber auch nicht.

Kanzlerin in Sorge

Auch in Deutschland wird die Entwicklung jenseits des Kanals genau verfolgt. „Das, was uns Sorge macht ist die sogenannte Delta-Variante, die sich in Großbritannien wieder sehr stark ausbreitet“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag. Und auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt, die Entwicklung in England zeige, „wie vorsichtig wir sein müssen, diese Variante nicht durch Urlauber zu bekommen“.

Tatsächlich ist Delta längst in Deutschland angekommen – aber in weitaus geringerem Ausmaß: Während die neue Variante in Großbritannien rund 90 Prozent der Infektionen ausmacht, waren es in Deutschland nach Angaben des Robert-Koch-Instituts Ende Mai erst 3 Prozent. Der Anteil zeigt dabei eine steigende Tendenz – vier Wochen zuvor lag er noch bei 0,4 Prozent. In absoluten Zahlen scheint die Variante derzeit ungefähr zu stagnieren. Ob es auch hierzulande zu einem erneuten Anstieg kommt, dürfte neben dem Tempo weiterer Lockerungen vor allem davon abhängen, wie schnell es gelingt, viele Menschen zu immunisieren. „Wir sind im Grund in einem Wettlauf mit dem Impfen“, sagte Merkel.

Vollständig verhindern lassen dürften sich Infektionen aber auch damit nicht; Experten gehen davon aus, dass das Virus endemisch wird, also bleibt – dann allerdings nicht mehr als tödliches Virus, sondern wie andere Coronaviren als Erkältungserreger. Eben, weil die Impfungen wirken, selbst wenn sie Ansteckungen nicht verhindern. Ändern könnte sich das vor allem, wenn weitere, noch gefährlichere Mutationen auftauchen.

Doch diese Gefahr ist möglicherweise kleiner als gedacht. Wie der Virologe und Coronaviren-Experte Christian Drosten in einem Interview mit dem Schweizer Magazin Republik anmerkte, ist der Unterschied zwischen den weltweit schon beobachteten Varianten „gar nicht so groß“. Anders als zum Beispiel Grippe-Erreger veränderten sich Coronaviren eher langsam, darauf hatte Drosten häufiger hingewiesen. Und das Potenzial von Sars-CoV-2 erscheint nach Ansicht des Sars-1-Mitentdeckers ohnehin begrenzt. „Es gibt aus virologischer Sicht gute Gründe anzunehmen, dass Sars-2 gar nicht mehr so viel mehr auf Lager hat als das, was es uns bisher zeigen konnte.“

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