Corona-Entwicklung in Deutschland: Würde und Virus

In der zweiten Welle sollten wir brav allen Regeln folgen und ums Wesentliche richtig streiten: das Abwägen von Freiheit und Sicherheit.

Eine Coronateststation in einem Zelt.

Ist nach dem Lockdown vor dem Lockdown? Coronateststation in München Foto: Matthias Schrader/ap

Halten wir einen zweiten Lockdown durch? Diese Frage mögen sich gerade viele stellen, angesichts steigender Infektions­zahlen. Aber sie ist irrelevant. Es wird einen zweiten Lockdown geben, wenn sich das Sars-CoV-2-Virus weiter so ausbreitet wie in den letzten zwei Wochen. Denn in der zweiten Welle gilt die grundsätzliche Logik der ersten Welle: Die Zahl der Infizierten verdoppelt sich stetig, aktuell im 10-Tage-Rhythmus.

Heute mag die Lungenkrankheit Codiv-19 besser zu behandeln sein als im April, aber echte Therapien gibt es nicht. Überfüllte Intensivstationen, ein Kollabieren des Gesundheitsapparats – dazu kann es immer noch kommen. Allerdings gelten heute andere Vorzeichen als im Frühling. Niemand hat gezählt, wie viele Existenzen der erste Lockdown einforderte, wie viele Menschen verzweifelt sind, wie viele Firmen so schwer geschädigt wurden, dass sie nicht mehr auf die Beine kommen.

Und das jetzt noch mal? Wem es davor graut, der hat nicht einfach den moralischen Kompass verloren. Vielleicht ist er oder sie auch einfach fertig. Deshalb braucht es ein Ringen darum, wer jetzt welche Last zu tragen hat. Müssen Kitas und Schulen flächendeckend dicht sein, Unternehmen komplett schließen, alle Friseur*innen zu Hause bleiben?

Lehren aus dem ersten Lockdown ziehen und darauf insistieren, zumindest zu untersuchen, ob Hygiene- und Schutzmaßnahmen so wirken, dass eben nicht mehr pauschal das gesamte Leben lahmgelegt werden muss – das ist eine absolut legitime Position in den kommenden Wochen. Streitet darum! Aber bitte in vollem Bewusstsein möglicher Konsequenzen: Jedes Offenlassen ist ein Experiment mit Menschenleben. Masken, Abstand halten, Lüften, Hygienekonzepte, das bringt was, ja.

Aber niemand weiß, wer sich daran hält, wie sich Menschen verhalten werden, wenn sich eine allgemeine Pandemieermüdung breitmacht und wenn es zu kalt für ein Treffen im Park ist. Was zwar niemand ausspricht, aber trotzdem passiert: Viele hoffen, dass die zweite Welle mit einem Minimum an Einschränkungen zu stoppen ist. Dass die Zahl der Opfer irgendwie in einem gefühlt akzeptablen Bereich bleibt.

Was passiert, wenn sich die Pandemieermüdung breitmacht

Dass der Tod durch Covid-19 noch als allgemeines Lebensrisiko durchgeht und nicht als gesamtgesellschaftliche Schande. Diese allgemeine Stimmung scheint sich einzupendeln bei: Solange genug Intensivbetten frei sind, ist Covid-19 eben eine Krankheit. Das ist traurig, aber aushaltbar. Die Konsequenz ist, dass Deutschland versucht, die Pandemie sanft runterzubremsen – ungefähr so wie ein Auto vor der roten Ampel.

Genau das passiert, und zwar mit dem kompletten Instrumentarium eines freiheitlich-demokratischen Landes. Mal kippt ein Gericht Beherbergungsverbote, mal nicht. Mal gelten sie als legitime Präventionsmaßnahme, weil man in einer Pandemie nicht auf die letzten Beweise warten kann, ob eine Maßnahme überhaupt einen Effekt hat. All das ist ein Ringen darum, in einer Ausnahmesituation die beiden größten Gegensätze, die man als Gesellschaft hat, auszutarieren: Freiheit und Sicherheit. Würde und Virus.

Wenn man epidemiologische Empfehlungen neben das Grundgesetz legt, dann kommt eben so etwas raus: Bei 35 Infizierten pro 100.000 Ein­woh­ner*innen, da dürft ihr noch 15 Leute zur Party einladen. So einer der Beschlüsse des Bund-Länder-Treffens diese Woche. Klingt absurd, willkürlich. Die 16. Person am Abend vor die Tür zu setzen ändert doch nichts. Doch genau das tut sie, wenn Stochastik auf Lebensrealität trifft: Die Wahrscheinlichkeit von Infektionen sinkt insgesamt, wenn es weniger Kontakte gibt.

Man akzeptiere also solche Einschränkungen bei der Party, stoisch, spießig und gehorsam. Und man streite ehrlich um das, was wirklich wichtig ist, nämlich: Wie wir die Freiheit sinnvoll aufteilen, die das Virus uns in den nächsten Wochen noch lässt.

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Schreibt seit 2008 für die taz. Beschäftigt sich mit der Frage, ob Kapitalismus auch öko kann. War Korrespondent in Baden-Württemberg, gründete erfolglos ein Magazin und besuchte eine Journalistenschule. Ist außerdem Elektroingenieur.

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