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Citizen Science Projekt zur HansezeitIm Flow des Transkribierens

Mit Handschriften aus der Hansezeit reisen Freiwillige in Lübeck in die Vergangenheit: „Citizen Science“ macht bislang ungenutzte Quellen zugänglich.

Friederike Grabitz

Aus Lübeck

Friederike Grabitz

Es gibt diesen Moment, da treten aus dem Gewirr von Strichen und schwungvollen Bögen plötzlich Worte hervor, und aus den Worten ein Satz – wie bei einem Rätsel, das sich durch ein einziges Wort auflöst. Das Wort heißt „ausgeschrieben“. Aber das weiß Felicitas Blanck zuerst nicht, denn es verteilt sich über zwei Zeilen.

Das Wort steht in einem Protokoll des Lübecker Seegerichts von 1617. Sicher hätte der Schreiber damals nicht gedacht, dass jemand 400 Jahre später versuchen würde, seine mit Schnörkeln verschönerte Sauklaue zu entziffern.

Er wechselt recht geschmeidig zwischen Mittelhochdeutsch und Latein. Eine verbindliche Rechtschreibung gab es noch nicht. Das hört sich dann so an: „Lubeck ut supra, in Anwesenheit Jonas Schulzen vnd Heinrich Geesen, hierzu insonderheit erforderten gezeugen quod attestor Ego Johannes Hesse.“

Felicitas Blanck liest seit einigen Monaten in ihrer Freizeit Texte aus der Zeit der Hanse, neben Gerichtsprotokollen auch Mitschriften der Hansetage, die Konferenzen des internationalen Handelsnetzwerks. Zusammen mit 16 anderen Freiwilligen sucht sie darin Informationen über ein Schiff, das im 17. Jahrhundert im Hafen von Lübeck gesunken ist.

530 Seiten Gerichtsakten

Die ehrenamtlichen For­sche­r*in­nen sind vernetzt in dem „Citizen Science“-Projekt „Hanse. Quellen. Lesen!“. Auf der Seite „Mitforschen.org“ präsentieren sich 150 solcher aktuellen Projekte, 150 weitere sind schon abgeschlossen. Die forschenden Bür­ge­r*in­nen entziffern alte Handschriften oder beobachten Insekten, fotografieren Graffiti oder basteln an nachhaltigen Verkehrskonzepten für ihre Stadt.

Viele Projekte brauchen die Mithilfe von Freiwilligen, weil sie sehr große Datenmengen verarbeiten. Im Lübecker Projekt lesen sie zum Beispiel 530 Seiten Gerichtsakten, ein Drittel davon ist schon transkribiert. Irgendwann werden sie darin den Namen des gesunkenen Schiffs finden, dann geht die Recherche in Archiv-Dokumenten weiter.

Die Transkriptionen sind nicht nur interessant für die Forschung zum Schiffswrack, sondern „sehr wertvoll auch für die Geschichte der Hanse“, sagt Manuela Nitsch. Die Kulturpädagogin betreut das Projekt. Ihr Arbeitgeber ist die Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums (FGHO) im Europäischen Hansemuseum. Die Forschungsstelle arbeitet für das Projekt mit dem städtischen Archiv und dem Bereich Archäologie zusammen.

Die Transkripte füttern auch eine KI, die lernt, selber historische Texte in moderne Schrift zu „übersetzen“. Die Kriterien dafür entwickeln die Freiwilligen mit, denn einige von ihnen sind schon echte Expert*innen. His­to­ri­ke­r*in­nen wären damit Jahre lang beschäftigt und müssten sich das Lesen der Schriften „auch erst aneignen“, sagt Nitsch.

Es war, als würde ich noch einmal Lesen lernen

Gabriele Sander, Archivarin i.R.

Sie vernetzt und schult die Freiwilligen und bietet einmal in der Woche ein Online-Meeting an, wo sie zum Beispiel Kniffe für die Arbeit mit einer Transkriptions-Software lernen. Dann arbeiten sie in Kleingruppen gemeinsam an Texten.

Hier trifft Felicitas Blanck auf Kristina Russ, die schon seit 2021 Hansetexte übersetzt. Sie war in der Coronazeit gesundheitlich angeschlagen und suchte ein Ehrenamt, bei dem sie von zuhause gleichzeitig mit anderen zusammenarbeiten kann. „Zuerst habe ich für eine Zeile eine Stunde gebraucht“, erzählt sie. Inzwischen übersetzt sie eine ganze Seite in zwanzig Minuten. „Ich habe danach eine Fortbildung zur Transkription und einen Lateinkurs gemacht. Inzwischen arbeite ich freiberuflich in diesem Feld“, sagt sie.

Im Team sind mehrere pensionierte Ärzte, ein Forstwissenschaftler und an Geschichte interessierte Nicht-Akademiker*innen. Ein Historiker der Forschungsstelle hilft bei schwierigen Fragen und liest am Ende Korrektur. Citizen Scientist Tim Burzlaff liebt es, mit den Texten in die Vergangenheit einzutauchen. Gleichzeitig findet er „immer wieder Parallelen zu heute, wenn es zum Beispiel um die Reisekosten bei Hansetagen geht“.

Gabriele Sander aus Bonn ist Archivarin in Rente. Sie macht in dem Projekt mit, weil es „für die Allgemeinheit Sinn macht“ – und für sie selbst. „Es war, als würde ich noch einmal Lesen lernen. Ich komme beim Transkribieren in einen Flow, es ist eine Schatzsuche.“ Neulich haben Kristina Russ und ihre Kol­le­g*in­nen einen solchen Schatz gefunden. Ein Teilnehmer der Hansetage empfahl ein neues „Büchlein“, das gerade erschienen war. Sein Autor sei ein gewisser „Dr. Luther“.

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