Christoph-Schlingensief-Ausstellung Wien: Die geläuterten Sünder sind längst fort
Angestaute Trauer: Das Wiener Museum für Angewandte Kunst richtet Christoph Schlingensief eine bisweilen irritierend parareligiöse Retrospektive aus.
Überschreitet man die Gebäudebrücke zum großen Ausstellungsraum im Wiener Museum Angewandte Kunst (MAK), stößt man auf eine hölzerne Kapelle. Sie stammt aus „Church of Fear“, Christoph Schlingensiefs Beitrag zur Kunstbiennale in Venedig 2003.
Sie wirkt wie das Kassenhäuschen, an dem nach dem profanen Museumseintritt noch mal der geistliche Obolus eingehoben wird. Klingelbeutel und Sammeldosen der „COF“ stehen noch an der Seite. Die geläuterten Zöllner und Sünder sind längst fort: 16 Jahre nach seinem Tod wird hier in Wien eine Schlingensief-Retrospektive unter dem Titel „Es ist nicht mehr mein Problem“ zur Trauerfeier für die Wirkungsmöglichkeiten der Kunst.
Das Bekenntnis der „Church of Fear“ formulierte den Widerspruch zur Politik der Angst, die die westlichen Gesellschaften nach dem Terror des 11. Septembers bis zu einem Erstarren ergriff, das mitten in der Demokratie Formen des Totalitären heraufbeschwor. Das Thema verfolgt Schlingensief bis in eine seiner letzten Arbeiten, „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ für die Ruhrtriennale 2008.
„Christoph Schlingensief: Es ist nicht mehr mein Problem!“. Museum Angewandte Kunst (MAK), Wien, bis 13. September
Es verschränkt sich mit Schlingensiefs offener Auseinandersetzung mit der eigenen tödlichen Krankheit und der nonchalanten Privatisierung des Sterbens in der gegenwärtigen Gesellschaft. Nicht der Tod ist der Skandal, sondern wie man stirbt, war die letzte Botschaft des unverbesserlichen Humanisten.
Eine Schwingtür macht den Innenraum der Kapelle im MAK auch für gewöhnliche Sterbliche zugänglich. Eine Art Beichtstuhl ist darin, sonst nichts, keine Reliquie, keine blutige Träne, die die wundersame Wirkung von einst aktualisieren könnte.
Wie man ein solches Setting zum Leben erwecken könne, ohne selbst Künstler zu sein, fragt der Schweizer Kurator Raphael Gygax. Er hat zusammen mit Schlingensiefs Witwe und Nachlassverwalterin Aino Laberenz die Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem!“ eingerichtet – aus Relikten, die Abwesendes bezeugen.
Ein zufälliger Flipchart-Eintrag
Das Geschäft des traditionellen Ausstellungsformats, durch die Präsentation des Originalen Wert zu produzieren, greift hier kurz. Stattdessen bleibt das Erzählen: Die Ausstellung des MAK und der Wiener Festwochen, die im Herbst auch in Berlin zu sehen sein wird, tut das und könnte es noch mehr tun. Sie folgt dem titelgebenden Missionsbefehl eines zufälligen Flipcharteintrags von Schlingensief in Namibia: „Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine.“
Das scheint schwerzufallen. Im Vorfeld blühte der intellektuelle Devotionalienhandel zu dem Ausnahmekünstler, der Referenzgröße für alles Politischmeinende in der Kunst geblieben ist. 16 Jahre aufgestaute Trauer induzieren eine bisweilen irritierend parareligiöse Sprache.
Das präzise Denken seiner Arbeiten hinter dem Spektakel ihrer Wirkung würde Entmythologisierung verdienen. Was lieben wir, wenn wir Christoph Schlingensief lieben, über die Erinnerung an sein Charisma hinaus? Die Sehnsucht nach einer gesellschaftlichen Wirksamkeit von Kunst, die in der Vergangenheit noch vorhanden schien?
Aufschlussreich ist die Schau gerade dort, wo sie die Diskontinuität Schlingensiefs zu einer gegenwärtigen Praxis bezeugt, die politische Begrifflichkeit in der Simulationssphäre des Kunst- und Theaterbetriebs eher folgenlos bewegt: Das gilt für die Parteigründung „Chance 2000“, aber auch für das in Wien nachträglich besonders populäre Projekt „Bitte liebt Österreich“. Das irritierte im Jahr 2000 die lokale Öffentlichkeit mit der Behauptung, Asylsuchende aus einem „Big Brother“-Container in die Abschiebung „herauszuwählen“.
Solche Aktionen stülpten die Kunst aus ihren gesicherten Reservaten in eine Zone der Ununterscheidbarkeit mit ihrer Umwelt. Sie stellen dort Rätsel, verbreiten widersprüchliche Botschaften, in denen man sich, Schlingensief eingeschlossen, nur verheddern konnte.
Sechs Millionen Arbeitslose fluten den Wolfgangsee
Verzweifelte Festwochenangestellte versuchten vor dem „Bitte liebt Österreich“-Container mit Warnschildern darauf hinzuweisen, dass es sich um Kunst handle. Eine selbstgerechte Antifa mischte die „Ausländer raus!“-Aufbauten des Containers auf.
Schlingensiefs poetischer Irrealis, sechs Millionen Arbeitslose könnten Helmut Kohls Feriendomizil am Wolfgangsee fluten, war nicht Kommunikationsguerilla. Vielmehr war es die größtmögliche Weigerung, die bestehenden Verhältnisse einfach hinzunehmen.
Allzu respektvoll verharrt die Ausstellung vor der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Das nimmt die Chance, Schlingensief im Kontext der Katastrophen seines Jahrhunderts zu betrachten: den Künstler, der sich an der Amfortaswunde der deutschen Geschichte und der deutschen Verhältnisse bis in den Tod abarbeitete.
Vom „Deutschen Kettensägenmassaker“ bis nach Bayreuth und in das „Operndorf Afrika“ in Ouagadougou verausgabte er sich am Exorzismus des deutschen Geistes und des romantischen Größenwahns des Gesamtkunstwerks. Helmut Kohl hatte doch nasse Füße. Es hat nur keiner gesehen.
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