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Christliche FundamentalistenJugendamt nimmt Kinder aus evangelikalem Heim in Obhut

Hamburger Behörden halten Verein „Mission Freedom“ für unprofessionell. Jetzt will der Regierungsbezirk Schwaben dessen Kinderheim im Allgäu schließen.

Hat den evangelikalen Verein „Mission Freedom“ hinter Kinderheimen gegründet: Gaby Wentland, hier bei einer Preisverleihung 2014 Foto: Paul Zinken/dpa

In Obhut genommen hat nach eigenen Angaben das Jugendamt Oberallgäu am 17. April alle Kinder, die in einem Heim der Hamburger Himmelsstürmer gGmbH gelebt haben. Diese ist eine Ende 2023 gegründete Tochtergesellschaft des christlich fundamentalistischen Vereins „Mission Freedom“ der Hamburger Missionarin Gaby Wentland, ebenfalls mit Sitz in Hamburg.

Der Verein betreibt privat sogenannte Schutzhäuser für mutmaßliche Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution und erfüllt nach Einschätzung von Hamburger Behörden nicht die Qualitätsanforderungen, die es für diese Arbeit braucht.

In Bayern hingegen genehmigte der Regierungsbezirk Schwaben eine Einrichtung der vollstationären Kinder- und Jugendhilfe: Das „Haus Seenest“, ein Heim für „Kinder und Jugendliche mit traumatischen Erfahrungen“, wie es auf dessen Website heißt. Im Gesellschaftsvertrag ist spezifiziert, dass es um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und Missbrauch geht.

Diese Kinder waren im „Haus Seenest“ nach Angaben des Jugendamts Oberallgäu „fragwürdigen Erziehungsmaßnahmen“ ausgesetzt. Dazu zähle „ein unangemessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen“. Weitere Einzelheiten teilt das Jugendamt nicht mit.

Tätigkeitsverbot für Heimleiterin

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass es gravierende Verstöße gegen das Kindeswohl gegeben haben muss, da die Inobhutnahme der sechs Kinder zwischen fünf und elf Jahren ohne Ankündigung geschah. Eine „dringende Gefährdung“ hätte nicht ausgeschlossen werden können, sofortiges Handeln sei erforderlich gewesen, schreibt eine Sprecherin des Landratsamt Oberallgäu der taz. Der bayerische Rundfunk berichtet, die Kinder seien aus Kita und Schule abgeholt worden.

Nach Recherchen der taz durften die von Mission Freedom betreuten Frauen keine weltliche Musik mehr hören, mussten ihr Handy abgeben und durften nicht ohne Begleitung das „Schutzhaus“ verlassen.

Zuvor hatte der Regierungsbezirk Schwaben der pädagogischen Leiterin des „Haus Seenest“ die Tätigkeit in der Einrichtung untersagt, wie ein Regierungssprecher mitteilte. Dies sei vom Verwaltungsgericht Augsburg im einstweiligen Rechtsschutzverfahren bestätigt worden. Auch seien nachträgliche Auflagen erlassen worden, wie eine behördliche Zustimmungserfordernis bei Neuaufnahmen.

Wenn es nach dem Regierungsbezirk geht, soll das Heim unter Trägerschaft der Himmelsstürmer gGmbH ganz geschlossen werden. „Wir prüfen den Widerruf der dem Träger erteilten Betriebserlaubnis“, so der Sprecher.

Vor zwei Jahren klang das noch anders. Der NDR hatte aufgrund der Neueröffnung des Heims zu den Methoden von „Mission Freedom“ und ihrer Gründerin recherchiert und den Regierungsbezirk mit den Ergebnissen konfrontiert. Laut NDR antwortete der, das „Vorliegen der (…) Voraussetzungen sei intensiv geprüft und bejaht worden.“ Und: Bei heimaufsichtlichen Begehungen in der Einrichtung seien keine Verstöße gegen gesetzliche Vorgaben festgestellt worden.

Hamburger Behörden lehnen Zusammenarbeit ab

Auch die bayerische Landesregierung hatte damals keine Probleme gesehen, wie sie der Grünen-Landtagsabgeordneten Gabriele Triebel schriftlich mitgeteilt hatte. Diese hatte die Regierung unter anderem gefragt, ob ihr die Kritik an „Mission Freedom“ bekannt sei.

Darauf antwortete diese im Juni 2024, man habe jetzt erst die Position der Hamburger Behörden zur Kenntnis genommen, die eine Zusammenarbeit mit „Mission Freedom“ ablehnen. „Dabei wurde unter anderem die spezifisch religiöse Ausrichtung im Umgang mit Betroffenen als kritisch erachtet“, so die bayerische Landesregierung.

Was sie nicht erwähnte: Was die Hamburger Landesregierung unter anderem nach Rücksprache mit dem Landeskriminalamt darüber hinaus kritisiert. „Die Arbeit und das Konzept von ‚Mission Freedom‘ entsprechen nicht den fachlichen Qualitätsanforderungen im Umgang mit Menschenhandel, der Betreuung und dem Sicherheitsbedürfnis der Betroffenen sowie der Anforderungen an die Kenntnis der bestehenden Opferhilfelandschaft beziehungsweise bestehender Kooperationsstrukturen.“

Nach Recherchen der taz durften die von „Mission Freedom“ betreuten Frauen keine weltliche Musik mehr hören, mussten ihr Handy abgeben und durften nicht ohne Begleitung das „Schutzhaus“ verlassen.

Das Hamburger Landeskriminalamt habe bestätigt, dass die vor zehn Jahren geäußerten Bedenken weiter bestünden, heißt es in der Antwort der bayerischen Landesregierung. Aufgrund „fehlender eigener Erfahrungen“ sei „jedoch eine fachliche Bewertung des Konzepts des Vereins ‚Mission Freedom‘“ nicht möglich. Und „mangels konkreter Anhaltspunkte gedenkt die Staatsregierung zum aktuellen Zeitpunkt nicht, ‚Mission Freedom‘ näher zu beleuchten“.

Mission statt professioneller Hilfe

Ausführlich getan hat dies hingegen das Recherche-Kollektiv Fundiwatch. Das legt auf seiner Website dar, dass die ethischen Grundsätze der sozialen Arbeit nicht vereinbar sind mit dem Missionsauftrag christlicher Fun­da­men­ta­lis­t:in­nen und welche Gefahren die Vorstellung birgt, traumatische Erfahrungen ließen sich durch religiöse Praktiken „heilen“.

Vergangene Woche forderte der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit die deutschen Aufsichtsbehörden dazu auf, strenger zu kontrollieren, „ob Träger die Trennung von missionarischem Eifer und professioneller Erziehung gewährleisten können“. Der Vorfall im Allgäu müsse transparent aufgeklärt werden.

Das Jugendamt Oberallgäu schreibt der taz, die religiöse Ausrichtung des Heims sei nicht der Anlass für die Inobhutnahme gewesen. Eine Nachfrage danach, ob sich die „fragwürdigen Erziehungsmaßnahmen“ aus der christlich fundamentalistischen Überzeugung ableiten, bleibt unbeantwortet.

Weder die Himmelsstürmer gGmbH noch der Verein „Mission Freedom“ reagierten binnen eines Tages auf die Bitte der taz um Stellungnahme.

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