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Christliche Fundamentalisten in BremenEine Allianz gegen den säkularen Staat

Als Opfer von Christenverfolgung inszeniert sich die Trump-nahe „Alliance Defending Freedom“ bei Olaf Latzel. Die Kirche missioniert dennoch mit ihm.

Blieben bei Latzels St. Martini 2020 draußen vor: „Toleranz“, „Liebe“ und „Freiheit“ Foto: Michael Bahlo/dpa

Vielleicht macht die eine oder der andere in der kommenden Woche lieber einen kleinen Bogen um die Martinikirche in Bremen. Von dort aus plant die Bremische Evangelische Kirche ab dem 20. April eine „großartige Aktion“: Eine ganze Woche lang will man jeden Nachmittag „Christen in D darin AUSBILDEN und SENDEN, das Evangelium klar zu formulieren und mutig,Eins zu Eins' weiterzugeben“. Man wolle Menschen segnen, für sie beten und ihnen „den Jesus-Weg in den Himmel“ zeigen.

Der „Jesus-Weg in den Himmel“ – das weist schon sprachlich darauf hin: Hier sprechen Evangelikale, und sie wollen evangelisieren, also: missionieren im eigenen Umfeld. Evangelikale Christen fallen durch ihre enthusiastischen Auftritte und neue Veranstaltungsformate auf. Sie definieren sich selbst als bibeltreu – und begründen damit ihre erzkonservativen Positionen – gegen Abtreibungen, Homosexualität und für ein ultratraditionelles Rollenverständnis von Mann und Frau.

8 von 49 Gemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche sind evangelikal; laut dem Humanistischen Pressedienst weist Bremen damit mehr evangelikale Gemeinden auf als die sehr viel größeren, ebenfalls evangelisch geprägten Stadtstaaten Hamburg und Berlin. Die Bremische Evangelische Kirche hat mit Evangelikalen auch erst einmal kein Problem. Die ehemalige Präsidentin Edda Bosse äußerte sich lobend zur Arbeit der evangelikalen Gemeinden. Nicht zuletzt hatte sie 2014 auch das Missionszentrum Lighthouse als Arbeitsstelle der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) mitgegründet.

In dessen Aktionswoche gibt es nun jeden Tag Workshops, wie man die frohe Botschaft der Bibel mit anderen teilen kann. Jeden Tag geht es für einen Praxisteil zum Einsatz direkt auf die Straße. Und: Jeder Tag beginnt mit einer Predigt von Olaf Latzel.

Homosexualität „todeswürdig und vor Gott ein Gräuel“

Mit dem wiederum hat die BEK durchaus Probleme – zumindest schien es bisher so. Der Pastor der evangelikalen Martini-Gemeinde hatte 2019 in einem Eheseminar von einer „teuflischen Homo-Lobby“ gesprochen und von „diesen Verbrechern vom CSD“. Gelebte Homosexualität sei „todeswürdig und vor Gott ein Gräuel“. Kein einmaliger Ausrutscher: Schon 2015 hatte Latzel andere Religionen und Konfessionen in einer Predigt beleidigt. Und schon 2008 verbot er einer Gastpredigerin die Kanzel, weil eine Frau dort nichts zu suchen habe.

Wegen seiner Äußerungen im Eheseminar war Latzel wegen Volksverhetzung angeklagt. Durch mehrere Instanzen ging das Verfahren mit je unterschiedlichem Ausgang, am Ende wurde es gegen Geldauflage eingestellt: Latzel musste 5.000 Euro an das queere Rat-und-Tat-Zentrum in Bremen überweisen.

Die Bremische Kirche hatte sich recht klar gegen Latzel und seine Worte positioniert. Eine geplante Suspendierung nahm man nur aus arbeitsrechtlichen Gründen zurück. Latzel musste sich entschuldigen. Die disziplinarische Kürzung seines Gehalts um fünf Prozent für insgesamt vier Jahre ab Mai 2025 solle ihm, so die Kirche, „als Erinnerung und Mahnung an sein Fehlverhalten“ dienen.

Ich halte mich nach wie vor für unschuldig

Der Bremer Pastor Olaf Latzel zu seiner Bewertung von Homosexualität als „todeswürdig“

Alles besühnt, gebüßt und entschuldigt also. Allerdings hatte der Pastor seine eigene Entschuldigung später relativiert. Im evangelikalen Idea-Magazin erschien im Juli 2025 ein Interview, mit dem gerade für die Schuld- und Sünde-orientierten Evangelikalen schönen Titel „Ich halte mich nach wie vor für unschuldig“.

Auch inhaltlich zeigt sich Latzel weiterhin als Teil der fundamental-christlichen Rechten. Direkt im Anschluss an die Missionswoche von Lighthouse findet in der St.-Martini-Gemeinde das nächste Event statt: Am kommenden Samstag kommt die erzkonservative „Alliance Defending Freedom“ (ADF) – eine christlich-fundamentalistische Anwaltsorganisation, die sich die Umgestaltung der Gesellschaft auf die Fahne geschrieben hat. „Christenverfolgung in Deutschland?!“ ist der Studientag in Bremen überschrieben, der sich an „kirchliche Mitarbeiter und Pfarrer unter Druck“ richtet.

Neues Betätigungsfeld der brandgefährlichen ADF

Die ADF ist nicht irgendwer: In den USA hat die fundamental-christliche Anwaltslobby maßgeblich das Project 2025 vorangetrieben. Die politische Strategie forcierte nicht nur erfolgreich eine zweite Präsidentschaft von Donald Trump, sondern auch den Umbau der amerikanischen Gesellschaft, den das Land seitdem erlebt: Durch die Umgestaltung von Behörden soll der Staat dauerhaft zugunsten einer rechten Politik umgestaltet werden.

Auch in Europa fasst die ADF immer mehr Fuß: Recherchen des European Parliamentary Forums for Sexual and Reproductive Rights zeigten 2025, wie seit 2013 große Geldmengen von der ADF aus den USA nach Europa fließen. Im deutschsprachigen Raum hat man bisher vor allem erfolgreich Abtreibungsgegner vor Gericht vertreten. Mehrfach wurden deren Protestformen vor Abtreibungskliniken nach einer Vertretung durch ADF-Anwälte legitimiert.

„Teuflische Homo-Lobby“: Olaf Latzel vor Gericht Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Latzels Verfahren ist seit 2024 abgeschlossen, es endete ohne Urteil. Die Alliance Defending Freedom wirft sich trotzdem weiter auf den Fall: Ein Herausgeber des evangelikalen Idea-Magazins und Felix Böllmann als Vertreter von ADF im deutschsprachigen Raum haben im Herbst ein Buch über den Fall Latzel herausgegeben. Der Tenor: Die Justiz habe „Recht und Logik“ verbogen, um ihn anklagen zu können.

Die Veröffentlichung zu Olaf Latzel im vergangenen Herbst und die Tagung in Bremen, die sich an Kirchenvertreter aus ganz Deutschland richtet, scheinen jetzt ein weiteres Betätigungsfeld im deutschsprachigen Raum zu öffnen: Das Schlagwort der „Christenverfolgung“ nutzt die ADF auch in anderen Kontexten, um juristisch und politisch den Diskurskorridor nach rechts zu erweitern – unter Verweis auf das Grundrecht auf Meinungsfreiheit. Für Latzel, der im Rahmen des Schulungstages auch eine Predigt hält, ist es eine weitere Möglichkeit, sich als Opfer darzustellen.

Kirche hält Zusammenarbeit mit Latzel unterm Radar

Warum aber arbeitet die BEK auch unter diesen Umständen mit Latzel zusammen? Die Evangelische Kirche äußert sich zunächst sehr zurückhaltend mit nur zwei Sätzen auf eine längere Anfrage von Mittwoch: Alle Veranstaltungen des Lighthouse Bremen fänden auf der Grundlage des gemeinsamen Papiers „Mission Respekt“ zur Missionsarbeit der evangelischen Kirchen statt. Man gehe „davon aus, dass sich auch die von Ihnen genannte Veranstaltung des Lighthouse auf der Basis dieses Konsenspapiers bewegt“.

Ähnlich hatte sich die BEK zuvor auf eine Anfrage der Plattform „Fundiwatch“ geäußert. Die nächste Nachricht der Kirchengemeinschaft war da aufschlussreicher: Die versehentlich ebenfalls an Fundiwatch gesendete Mail legte nahe, dass man absichtlich spät und unkonkret geantwortet habe – in der Hoffnung, dass das Thema so keine Aufmerksamkeit bekäme.

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