Chefredakteurin der „Badischen Zeitung“: „Die Bundestagswahl versteht jeder. Aber Landespolitik?“
Hat der Lokaljournalismus eine Zukunft? Ja, sagt „BZ“-Chefredakteurin Carolin Buchheim – wenn er auf die Menschen zugeht und zu erklären bereit ist.
taz: Frau Buchheim, Sie kommen vor allem aus dem Onlinebereich, wie passt das damit zusammen, dass sie nun Chefredakteurin eines Lokalmediums sind?
Carolin Buchheim: Es stimmt, ich bin nicht die klassische Politikjournalistin. Ich komme aus der digitalen lokalen Berichterstattung, habe eine Zeit lang viel Justizberichterstattung gemacht und viel zu Internet- und Popkultur gearbeitet. Mein Profil ist eigentlich ein anderes: Ich war in den letzten Jahren in der Themenplanung im Newsroom, habe die Berichterstattung aus unserem gesamten Verbreitungsgebiet gesichtet, sortiert, geschärft. Mein Herz schlägt für das Lokale und Regionale.
taz: Die Badische Zeitung begleitet gerade den Wahlkampf für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Wie wichtig sind Onlineangebote und Social Media für Sie?
Buchheim: Wir sind ein lokales Medienhaus – und stehen wie alle vor derselben Herausforderung: Wir müssen eine starke Zeitung machen für unsere treuen Print-Abonnentinnen und -Abonnenten. Und gleichzeitig eine jüngere Zielgruppe erreichen. Wobei „jung“ für Regionalzeitungen ja manchmal schon ab 40 beginnt.
taz: Also zwei Zugänge?
Buchheim: Ja, ich glaube, wir machen viele Themen, die auch für Jüngere relevant sind. Aber wir haben oft keinen direkten Draht mehr zu ihnen. Und da ist Social Media ein Einfallstor. Menschen kommen wieder mit uns in Kontakt und merken: Da passiert etwas, das mich betrifft.
taz: Sie setzen aber nicht nur auf Digitales.
Buchheim: Nein. Wir setzen auch auf direkte Kontakte mit den Menschen in der Region. Im vergangenen Sommer haben wir eine Pop-up-Redaktion gehabt und wir machen viele Veranstaltungen. Zur Oberbürgermeisterwahl in Freiburg machen wir jetzt das Beteiligungsprojekt „Deine Stimme, Deine Themen“ von Correctiv. Wir haben in allen Stadtteilen Menschen gefragt: Was interessiert euch wirklich? Und das prägt jetzt unsere Berichterstattung.
taz: Was kam dabei heraus?
Buchheim: Ganz klar: wohnen. Außerdem Schulsanierungen und Fuß- und Radverkehr. Aber vor allem hat mich die Tiefe überrascht. Es heißt ja oft, die Leute beschäftigen sich nicht mehr ernsthaft mit Kommunalpolitik. Das sehe ich so nicht. Da ist viel Interesse, viel Wunsch nach Mitgestaltung.
taz: Gilt das auch für die Landtagswahl?
Buchheim: Da ist es komplizierter. Die Bundestagswahl versteht jeder. Aber Landespolitik? Für viele ist das schwer greifbar. Bildung und Polizei – das sind die beiden Felder, bei denen klar ist: Dafür ist das Land zuständig. Dazu kam diesmal die Änderung im Wahlrecht, Wahl ab 16, Erst- und Zweitstimme. Das mussten wir erst einmal erklären.
taz: Also gibt es viele Erklärstücke?
Buchheim: Ja. Wir sehen einen hohen Bedarf an Einordnung. Gleichzeitig gibt es einen Unterschied zwischen dem, was Menschen sagen, was sie wollen – und dem, was sie tatsächlich lesen. Wenn wir fragen, wünschen sich viele tiefe Analysen. Geklickt werden dann oft eher erklärende Stücke. Ich sehe uns da als Dienstleisterinnen.
taz: Messen Sie das an Klickzahlen?
Buchheim: Nicht primär. Uns ist wichtiger, wie lange Texte gelesen werden, wie sich E-Paper-Nutzung entwickelt, ob neue Abos dazukommen.
taz: Auf Ihrer Website finden sich viele Agenturmeldungen. Wie entscheiden Sie, was Sie selbst machen?
Buchheim: Wir sind eine lokal-regionale Reporter_innen-Zeitung. Unser Fokus ist klar Südbaden. Teile unseres überregionalen Mantels beziehen wir vom Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Landespolitik machen wir selbst – mit Korrespondentinnen und Korrespondenten in Stuttgart. Und alles, was wir nicht leisten können, kommt von der dpa. Unsere Energie bündeln wir auf das, was nur wir können: vor Ort sein.
taz: Vor Ort sein heißt auch: Alle Kandidierenden porträtieren?
Buchheim: Ja. Wir haben alle Parteien vorgestellt, die im Landtag sind oder realistische Chancen haben. Auch die AfD.
taz: Gab es Kritik?
Buchheim: Natürlich. Es gibt Leserinnen und Leser, die meinen, dass ein Porträt zur Kandidierendenvorstellung eine Wahlempfehlung sei. An einem Tag bekomme ich den Vorwurf zu hören, wir seien „linksgrün versifft“ und am nächsten Tag schreibt jemand, wir seien zu rechts. Das stimmt mich manchmal ratlos – aber wir nehmen Feedback ernst. Und wir finden: Wenn wahrscheinlich 20 Prozent der Menschen diese Partei wählen, müssen wir zeigen, wer da kandidiert.
taz: Und wie zeigt man das am besten?
Buchheim: Porträts und Analysen sind für uns der beste Weg. Da ordnen wir dann auch ein, anstatt die Politikerinnen und Politiker nur selbst reden zu lassen. Das kostet Zeit und Kraft, aber das ist es wert.
taz: Wie diskutieren Sie intern den Umgang mit der AfD?
Buchheim: Es gibt keine starren Regeln, aber einen ständigen Austausch. Wir springen nicht über jeden Stock, den uns eine Partei hinhält. Wir entscheiden jedes Mal neu: Ist das berichtenswert? Ist eine Schwelle überschritten?
taz: Sie haben auch über die sexistischen Aussagen des CDU-Kandidaten Manuel Hagel berichtet. Manche hatten den Eindruck, das sei eher zurückhaltend gewesen. Wie haben Sie da abgewogen?
Buchheim: Uns war wichtig, das einzuordnen – und genau deshalb gab es einen klaren Kommentar. Ich fand das an der Stelle richtig: Wir haben gesagt, was wir zu sagen hatten. Man hätte noch weitere Formate machen können, etwa lokale Kandidierende damit konfrontieren. Eine Abwägung gehört immer dazu: Was ist die angemessene Höhe? Und wann beginnt man, eine Debatte nur noch weiterzutreiben?
taz: Haben Sie viel Feedback dazu bekommen?
Bei mir ist nichts gelandet – weder massive Kritik noch der Wunsch nach mehr zu der Causa. Aber natürlich schauen wir uns an, wie so etwas aufgenommen wird. Und wir diskutieren im Haus: Reicht das? Oder hätten wir anders berichten sollen?
taz: Haben Sie Grenzen, über was sie berichten?
Buchheim: Fakten sind keine Meinungen. Ob es den Klimawandel gibt, ist keine Pro-und-Contra-Frage. Aber über politische Maßnahmen kann man streiten. Diese Unterscheidung ist zentral.
taz: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Badischen Zeitung?
Buchheim: Dass Menschen erkennen, was verloren geht, wenn lokale Medien verschwinden. Lokaler Journalismus ist anstrengend, teuer – aber essenziell für die Demokratie. Und er muss konstruktiv sein: Probleme benennen, aber auch Lösungen aufzeigen.
taz: Und mit Blick auf KI?
Buchheim: KI kann zusammenfassen. Aber sie kann nicht mit Menschen sprechen, Zusammenhänge erspüren, Stimmungen aufnehmen. Unser Auftrag ist, genau das zu tun, was nur Menschen können. Handgemachter Journalismus hat Zukunft – davon bin ich überzeugt.
taz: Sie klingen optimistisch.
Buchheim: Wenn ich das nicht wäre, hätte ich mir den falschen Beruf ausgesucht.
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