piwik no script img

CDU-Parteitag und Landtagswahlen„Hauptsache, es kommt aus Baden-Württemberg“

Als CDU-Spitzenkandidat will Manuel Hagel die Partei zurück an die Spitze führen – mit Fokus auf Wirtschaft und klarer Abgrenzung zur AfD.

Manuel Hagel, CDU, will Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden Foto: Arnulf Hettrich/imago
Benno Stieber

Interview von

Benno Stieber

taz: Herr Hagel, die CDU will nach 15 Jahren wieder den Regierungschef stellen. Jetzt haben Sie ja zehn Jahre als Juniorpartner mit den Grünen regiert. Wo wäre der Unterschied, wenn jetzt der CDU-Mann Hagel die Regierungsgeschäfte übernimmt?

Manuel Hagel: Wer Zweiter ist, muss doch Erster werden wollen. Wir wollen ein neues Kapitel aufschlagen für unser Land. Es geht jetzt um Wirtschaft, mutige Bildungspolitik und innere Sicherheit.

taz: Wo ist da genau der Unterschied zu Cem Özdemir?

Hagel: Es geht jetzt um Wirtschaftspolitik, wir müssen um jeden einzelnen Arbeitsplatz im Land kämpfen. Da trauen uns die Menschen einiges zu. Seit über zwei Jahren liegen wir stabil auf Platz eins und führen in den Kompetenzzuschreibungen bei Wirtschaft, Sicherheit und Bildung. Die Mehrheit der Menschen will eine CDU-geführte Landesregierung.

Im Interview: Manuel Hagel

37, ist seit 2021 Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg und Fraktionsvorsitzender im Landtag. Der gelernte Bankkaufmann gehört dem Landtag seit 2016 an und gilt als Vertreter eines wirtschaftsnahen, konservativen Kurses. Als Spitzenkandidat führt er die CDU in die nächste Landtagswahl und erhebt den Anspruch, die Partei wieder an die Regierungsspitze zu führen.

taz: Sie bringen ihre Politik auf die Formel: „Endlich wieder Politik für normale Leute“. Wer sind diese normalen Leute und wer nicht?

Hagel: Alle, die sich dadurch angesprochen fühlen. Sie ist nicht schrill, sie führt keine Kulturkämpfe und sie ist nicht populistisch. Diese Leute haben wir im Blick, die jeden Tag aufstehen, zum Arbeiten gehen, sich in der Familie einbringen, im Ehrenamt, Verantwortung füreinander nehmen.

taz: Das behauptet auch die AfD.

Hagel: Nein. Die AfD ist unser Hauptgegner. Die AfD ist intellektuell, habituell und kommunikativ das Gegenteil von uns. Die AfD kämpft gegen alles, was wir an diesem Land lieben. Die Weltoffenheit, die europäische Einigung, die soziale Marktwirtschaft, den Föderalismus, die kommunale Selbstverwaltung.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

taz: Das hat man von der CDU lange so nicht gehört.

Hagel: Ich kenne in der CDU Baden-Württemberg niemanden, der das anders sieht. Wir sollten stärker aus unserem Erbe heraus argumentieren. Es sind die Ideen des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer, die von der AfD bekämpft werden. Der wahre Feind der AfD ist deshalb nicht Angela Merkel, es ist Konrad Adenauer. Die AfD sagt heute, sie will die CDU zerstören, um unseren Platz einzunehmen. Und das Einzige, was die AfD von einer Machtübernahme abhält, ist die Christdemokratie. Wir treten an, um die AfD zu schlagen. Wir werden sie aber nicht mit Moral und Empörung schlagen, sondern nur mit guter Politik, die die Probleme in unserem Land löst.

taz: Aber ist es für solche Bekenntnisse jetzt nicht schon zu spät? Bei 20 Prozent im Land und über 40 Prozent in Sachsen-Anhalt?

Hagel: Es ist nie zu spät. Nur noch 44 Prozent der Menschen glauben, dass die Demokratie in der Lage ist, die Probleme zu lösen. Wir reden inzwischen übers Grundsätzliche. Ich halte die Entwicklungen, die wir in Ostdeutschland sehen, nicht für ostdeutsche Sonderfälle. Entweder die politische Mitte findet jetzt die Kraft, die Probleme aufzulösen, oder die Probleme können die Kraft entwickeln, die politische Mitte aufzulösen.

taz: Sie haben sich für noch weniger Regulierungen für Verbrennermotoren eingesetzt als zuletzt auch Özdemir und Kretschmann. Braucht Baden-Württemberg tatsächlich den Verbrenner, um aus der Auto-Krise herauszukommen?

Hagel: Ich glaube vor allen Dingen, dass wir in Baden-Württemberg das produzieren sollten, was der Weltmarkt nachfragt. Und das ist in weiten Teilen der Welt erst mal weiterhin der Verbrenner. Ich werbe deshalb sehr dafür, dass wir aus unseren Autos keine Kulturkampffrage machen. Und das Gleiche gilt auch für die Antriebstechnologie. Mir ist völlig egal, wie ein Auto angetrieben ist, ob es Plug-in-Hybrid, ob es Range Extender, ob es E-Mobil, ob es Elektromotor oder ob es ein hocheffizienter Verbrennungsmotor ist, Hauptsache, es kommt aus Baden-Württemberg.

taz: Aber dem Klima nicht.

Hagel: Das Problem an diesem Verbrennungsmotorenverbot ist, dass es praktisch dazu führt, dass in dieser Technologie nicht mehr geforscht und entwickelt wird. Deshalb brauchen wir kein Verbot von Technologie, sondern ein Gebot für Forschung und Entwicklung. Der Verbrennungsmotor ist weder gut noch schlecht. Unser Problem ist das, was hinten rauskommt, CO₂, verursacht vom Energieträger. Deshalb würde ich mir mal eine Debatte wünschen über die Frage der Energieträger, zum Beispiel E-Fuels.

taz: Angela Merkel kommt zum Bundesparteitag. Freuen Sie sich?

Hagel: Ja, großartig.

taz: Sie haben sich seinerzeit immer recht kritisch zu Merkels Flüchtlingspolitik geäußert und sagen jetzt auch im Wahlkampfreden, sie wollen wieder zu den normalen Verhältnissen vor 2015 zurück. Haben Sie das mal mit ihr diskutiert?

Hagel: Unsere Migrationspolitik braucht Herz und Härte. Ich fand es total richtig, wie Bundeskanzlerin Merkel sich verhalten hat, als die Frage war, was aus den vielen geflüchteten Menschen am Bahnhof in Budapest wird, als eben Kinder, Frauen, Schwache von Viktor Orbán im Regen stehen gelassen wurden. Es war richtig, dass Deutschland diesen Menschen geholfen hat. Ich habe aber im Nachgang kritisiert, dass wir das Dublin-Abkommen quasi außer Kraft gesetzt haben. Wir brauchen auch für Asyl, wie generell für unseren Rechtsstaat, klare Regeln.

taz: Baden-Württemberg hatte vor über 10 Jahren ein Sonderkontingent für Jesiden. Dennoch gibt es Meldungen, dass Jesiden hier von Abschiebung bedroht sind. NRW gewährt jetzt pauschalen Schutz. Wie handhaben Sie das?

Hagel: Nordrhein-Westfalen hat den Aufenthalt von Jesiden, die lange dort leben, zusätzlich abgesichert, also Menschen, die in aller Regel längst einen Schutzstatus oder gesicherte Bleiberechte haben. Besonders Schutzbedürftige, die seit 2014 aufgenommenen Frauen zum Beispiel, wird man weder in NRW noch in Baden-Württemberg abschieben. Aber klar ist auch: Zusätzliche Kontingente, etwa zur Familienzusammenführung, würden momentan unsere Gemeinden überfordern.

taz: Die CDU ist 2011 auch wegen der Kontroverse um Stuttgart 21 aus der Regierung geflogen. Es hat sich herausgestellt, dass die Kritiker dieses Projekts mit allem Recht behalten haben: Bau-Verzögerung, Milliarden Kostensteigerung, mangelnder Effizienz des ursprünglichen Entwurfs. Wäre es nicht an der Zeit, den Kritikern dafür auch mal zu danken?

Hagel: Dieses U in CDU steht ja für Union. Deshalb war die Volksabstimmung der grün-roten Regierung damals richtig, dass diese Frage entschieden worden ist. Stuttgart 21 ist ein zukunftsweisendes Infrastrukturprojekt, das nicht nur die Region Stuttgart, sondern große Teile des Landes langfristig deutlich besser vernetzt und den Schienenverkehr wirklich auch modernisiert. Ich habe den Eindruck, dass Bahnchefin Evelyn Palla das Thema endlich zur Chefsache gemacht hat. Die Bahn muss jetzt liefern.

taz: Özdemir nennt Boris Palmer Freund und Berater und ließ sich von ihm trauen. Wäre er bei Ihnen im Kabinett denkbar?

Hagel: Nice try! Das Urteil über Palmer war vor der Wahl ja noch ganz anders, da musste ich ihn mehrfach verteidigen. Manche, etwa in Berlin, verteilen schon vor der Wahl Jobs. Bei uns aber gilt seit Erwin Teufel: zuerst das Land, dann die Partei und dann die Person.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

6 Kommentare

 / 
  • Hagel klingt zumindest halbwegs rationalen Argumenten zugängig, was ja schon ordentlich ist in der heutigen Union.



    Trotzdem ist natürlich der Unsinn zum Verbrenner, zu E-Fuels, zu Hybriden der übliche protektionistische Realitätsverweigerungsquark, den man wohl als Ministerpräsident eines Landes mit Automobilindustrie sagen muss.



    Man hätte ihn auch mal zu einem AfD-Verbotsverfahren fragen sollen...

  • Einfach mal den Werdegang lesen, dann sieht man, dass Erfahrungen und Weitblick nur Mittelmaß bedeuten…

  • "...Mir ist völlig egal, wie ein Auto angetrieben ist, ... Hauptsache, es kommt aus Baden-Württemberg."

    So spricht ein Klimaleugner.



    Und Mitglied einer Partei, die im Bund gerade mit einer völlig unfähigen Ministerin unsere Wirtschaft gegen die Wand fährt.

    Man kann nur hoffen, das auch die Wähler*Innen sich inzwischen nicht mehr von überholten Zuschreibenden leiten lassen.

    Eines dieser Vorurteile ist die stets von allen behauptete wirtschaftliche Kompetenz der Union.



    Wer seine eigene Industrie ermuntert, Produkte herzustellen, die so niemand mehr auf der Welt haben will, hat sicherlich keine Wirtschaftskompetenz.



    Unter den Folgen dieser Technologieverweigerung leidet die Automobilbranche in BW bereits jetzt massiv.

    Die Klimakrise ist auch, und nicht zuletzt, eine Wirtschaftskrise.



    Wenn die Union weiterhin im Verbund mit rechten deutschen Medienhäusern dafür sorgt, das unsere Kompetenzen im Klimaschutz und der Energiewende an die Chinesen verramscht werden, sieht es für unser Land sehr düster aus.

    • @hsqmyp:

      Man hat gelegentlich gelesen das Trump von seinen Vorgängerregierungen profitiert hat. Da gab es auch immer große Zustimmung.

      Vllt schlägt sich jetzt ja auch erst die Politik, von unserem letzten Wirtschaftsminister durch . Ein Jahr ist nicht ganz wenig Zeit,aber ist es genug,dass man Rückschlüsse auf die Leistung der jetzigen Ministerin machen kann.

  • "da er ihre Weinstöcke mit Hagel schlug", Psalm 78.



    Doch genug der fahlen Namenswitze, sonst wird das noch eine ... Cem-Session.

    BaWü ist eigentlich eingefleischt schwarz, und es bedurfte einer Konstellation aus Unionsklüngel, S21-Brutalität und Atomdesaster, um das aufzuschütteln. Hätte Hagel zuvor programmatisch-inhaltlich hart gearbeitet, hätte er die Wahl post-Kretschmann ohne Wahlkampf gewonnen - seine Plakate sind aber leider so inhaltsarm wie das Interview hier, und inhaltlich-programmatisch hat zuletzt der Oberndorfer Heiner Geissler g'schaffd (unverstandene neoliberale Kalendersprüche zählen nicht), das ist lange her.



    Ist die Union schon wieder so weit? Nein. Wer in der Villa Reitzenstein Entscheidungsfähigkeit will, wird wohl bei den Grünen ankreuzen dürfen. Die auch das klarere Signal gegen Rechtsextrem und für Fortschritt im Lande abgeben.

  • "Abgrenzung von der AfD"?

    Bei der AfD heißt es nicht "schrill" und "Kulturkämpfe" sondern "Genderwahn und Klimalüge" , aber gemeint ist dasselbe paranoide Verschwörungsmärchen, das letzten Endes in einem Keller bei Moskau zusammengekocht wurde.

    Aber hey, um eine Wahl zu gewinnen in die braune Hundepfeife blasen - für die Union ist das ad fontes.

    Aber als Journalist*in sollte man Dogwhistles eigentlich seit "quivering, giggling, fruit-flavoured" (Liberace v Daily Mirror 1959) erkennen.