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Burn-out in der PolitikAusgebrannt aus dem Amt

Jens Marco Scherf war der erste grüne Landrat Deutschlands. Sein Amt machte ihn am Ende krank. Mit den Folgen hat er nach wie vor zu kämpfen.

„Die Wahl meines Nachfolgers war für mich eine enorme Entlastung“, sagt Jens Marco Scherf sichtlich entspannt. Er war einer der beiden ersten Grünen-Landräte Deutschlands – und das im konservativ geprägten unterfränkischen Landkreis Miltenberg. Auf seine eigene Art war er der Winfried Kretschmann Bayerns, also ein konservativer Grüner mit Regierungsverantwortung. Nach großer Euphorie zu Beginn hat ihn sein Amt aber letztlich krank gemacht.

„Ich glaube, es ist Lilienpink“, überlegt Scherf, während seine 16-jährige Tochter den hellen Rosaton mit einer Farbwalze auf die Wand ihres Zimmers aufträgt. Sie ist die zweitjüngste von vier Kindern und streicht gemeinsam mit einer Freundin ihr neues Zimmer. Für seinen Lebensabschnitt nach dem Amt hat sich Scherf mit seiner Frau ein kleines Einfamilienhaus in der Kleinstadt Erlenbach am Main gekauft.

Auf dem Küchentresen liegt eine Werkzeugkiste, die Wohnung ist noch spärlich eingerichtet. „Das ist für mich jetzt ein schönes Projekt“, sagt der Altlandrat. Er sei seit Ende April offiziell wieder gesund, was seine Diagnose „Erschöpfung mit mittelschweren depressiven Phasen“ angehe. Er könne aber immer noch nicht arbeiten und leide nach wie vor unter einer schweren Migräne: „Heute ist der erste Tag ohne Migräne, die letzte Woche war schlimm.“

Politik kann ein hartes Geschäft sein: Auch der ehemalige SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert erkannte das für sich rechtzeitig und zog sich im Oktober 2024 aus der großen Parteipolitik zurück. „Die Energie, die für mein Amt und einen Wahlkampf nötig ist, brauche ich auf absehbare Zeit, um wieder gesund zu werden“, sagte Kühnert damals.

Den Absprung nicht rechtzeitig geschafft

Jens Marco Scherf hat den Absprung nicht rechtzeitig geschafft. Dabei hatte alles so gut für ihn angefangen: In einer denkwürdigen Stichwahl wurde Scherf 2014 mit einer hauchdünnen Mehrheit von nur 40 Stimmen zum Miltenberger Landrat gewählt. Ein Grüner als Landrat, das war für den unterfränkischen Landkreis, für Bayern und für ganz Deutschland bis dato ein Novum – eine politische Sensation.

Nachdem das CSU-Urgestein Roland Schwing, der den Landkreis 28 Jahre lang fest im Griff hatte, nicht mehr zur Wahl antrat, gab es ein Momentum für frischen Wind. Doch am Ende hat Scherf vor allem als Persönlichkeit die Wahl gewonnen – nicht als Grüner.

Nach großer Euphorie folgten bei dem nach außen so selbstbewusst wirkenden Scherf noch am Wahlabend die Selbstzweifel. Als er nachts um zwei endlich in seinem Bett lag, habe er sich gefragt, ob er dem Amt gewachsen sei: „Was erwarten die alle von mir? Werde ich diesen Erwartungen gerecht?“

Die Menschen im Landkreis gaben ihm sechs Jahre später eine klare Antwort auf diese Frage: Scherf wurde gleich im ersten Wahlgang mit fast 70 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Doch fast zeitgleich zu seiner Wiederwahl stufte die Weltgesundheitsorganisation den Ausbruch von Covid-19 als Pandemie ein.

Die Krise wurde damit zum Dauerzustand, was neben dem Klinikpersonal auch Scherf als Krisenmanager an die Belastungsgrenze brachte. Als sich die Pandemie endlich dem Ende zuneigte, hoffte Scherf auf eine Verschnaufpause. Doch es kam anders: Es folgte der russische Angriff auf die Ukraine, es kamen erneut Flüchtlinge, die versorgt werden mussten – dann die Energiekrise.

„Akku kaputt“

„Und dann habe ich 2023 gemerkt, dass eigentlich gar nichts mehr geht“, sagt Jens Marco Scherf. Er habe depressive Phasen gehabt, in denen es ein Kraftakt gewesen sei, überhaupt morgens aus dem Bett zu kommen. Unter Migräne leide er zwar schon seit seiner Jugend, aber ab diesem Moment sei sie unerträglich geworden. Erfolge seien für ihn keine Motivation mehr gewesen und erholen habe er sich auch nicht mehr können: „Die Batterie lädt nicht mehr. Der Akku ist kaputt.“

Vielleicht hätte er damals mit einem klaren Schnitt und einem Klinikaufenthalt das Ruder noch herumreißen können, denkt Scherf heute. Aber er sei von den Krisen getrieben gewesen. Er hatte sich zwar schon vorher in Behandlung begeben, aber erst im März 2025 zog Scherf endgültig die Notbremse: Von da an ließ er die Amtsgeschäfte von seinem Stellvertreter übernehmen. Dass er nicht mehr als Landrat antreten würde, hatte er da schon bekanntgegeben.

Jetzt sitzt Scherf gemütlich in kurzer Hose und St.-Pauli-Shirt auf einem Gartenstuhl hinter seinem neuen Haus – in der linken Hand eine Kaffeetasse. Seit seiner Jugend ist der 52-Jährige fußballbegeistert und hat als Fan, Spieler und Schiedsrichter alle Rollen neben und auf dem Platz durch. Nachdem es ihm gesundheitlich etwas besser geht, pfeift er seit April wieder Spiele bis zur Kreisklasse.

Ich wollte es nicht wahrhaben.

Jens Marco Scherf

Vor Kurzem habe er auf dem Rasen vier rote Karten an eine Mannschaft verteilen müssen, erzählt Jens Marco Scherf. Daraufhin habe ihn ein Zuschauer angeschrien: „Kein Wunder, dass du Burn-out hattest. So wie du pfeifst, bekommst du wieder einen!“ In diesem Moment habe er sich gefragt, ob er bei einem Herzinfarkt auch so angegangen worden wäre.

Mit dem Begriff „Burn-out“ hat sich Scherf bis zuletzt schwergetan – öffentlich hat er ihn stets vermieden. Er beginnt zu erklären, dass „Burn-out“ ja nicht die korrekte medizinische Bezeichnung sei, dann wird er aber doch nachdenklich. „Ich habe es nicht gesehen“, beschreibt Scherf seine Situation damals und schiebt sofort nach, eigentlich habe er es doch gesehen. Schließlich sagt er: „Ich wollte es nicht wahrhaben.“

Stressfaktor CSU

Die Art und Weise der politischen Auseinandersetzung im Kreistag hat einen Anteil daran, dass mir irgendwann die Kräfte ausgegangen sind.

Jens Marco Scherf

Als Landrat hatte Scherf eine 70- bis 90-Stunden-Woche und einen naturgemäß vollen Terminkalender. Am Wochenende war er meist auf Veranstaltungen, um mit den Menschen im Landkreis in Kontakt zu kommen. Das Landratsamt sei eine Art Schnittstelle zwischen Gesetzgeber und praktischer Umsetzung, sagt Scherf. Gerade deswegen sei der Austausch mit den Leuten extrem wichtig. Aber seit Beginn seiner Amtszeit sei die Anzahl der Gremien, Sitzungen und allgemein die Bürokratie immer mehr geworden. Zuletzt habe er die Gespräche gedanklich gar nicht mehr verarbeiten können.

Jens Marco Scherf ist über Parteigrenzen hinweg respektiert: Er wird als pragmatischer Landrat beschrieben, der den Landkreis gut durch die Krisen geführt hat. Auch der neue Vorsitzende der CSU-Kreistagsfraktion in Miltenberg, Jürgen Reinhard, sieht das so. Fügt aber hinzu, Scherfs größte Schwächen sei gewesen, dass er mit Widerrede nicht klargekommen sei. Andere Vorstellungen könne er „recht harsch“ mit einer „typischen Lehrermentalität“ abwiegeln.

Scherf, der gerade noch so entspannt in seinem Gartenstuhl saß, ist als ehemaliger Schulleiter davon sichtlich angefasst. Mit bebender Stimme sagt er: „Die Art und Weise der politischen Auseinandersetzung im Kreistag hat einen Anteil daran, dass mir irgendwann die Kräfte ausgegangen sind.“ Er wirft der CSU-Fraktion im Miltenberger Kreistag eine Blockadehaltung „wider jeglicher Vernunft“ vor. Jürgen Reinhard widerspricht und sagt, CSU-Vorschläge seien pauschal von Scherfs parteiübergreifendem Bündnis abgelehnt worden.

Scherf hat es als Landrat geschafft, Mehrheiten über sein vermeintlich linkes Lager hinaus zu organisieren – unter anderem, indem er mit den konservativen Freien Wählern eng zusammenarbeitete. Sich selbst beschreibt Scherf als Wertkonservativen, Liberalen bis Sozialliberalen. Während Winfried Kretschmann in den 70ern Maoist war, trat Jens Marco Scherf mit 14 Jahren der Jungen Union bei – milieubedingt, wie er selbst sagt. Drei Jahre später sei er wegen des homophoben Klimas innerhalb der CSU-Jugendorganisation wieder ausgetreten.

Krank bei Lanz

Mit 19 trat Scherf dann den Grünen bei – vor allem, weil er von der ostdeutschen Protestbewegung Bündnis 90 und dem Motiv Freiheit fasziniert war. Im Februar 2023 findet er sich als grüner Landrat im Fernsehstudio von Markus Lanz wieder. So richtig grün klingt er da allerdings nicht: „Der Ausgangspunkt meiner Arbeit ist jetzt nicht die grüne Blase.“ Er habe eine Verantwortung für seinen Landkreis und der sei mit der Versorgung von Geflüchteten überlastet. Danach kannte man den schwarz gefärbten Grünen-Landrat aus der unterfränkischen Provinz also bundesweit.

Man sieht es ihm auf den Fernsehbildern nicht an, aber zu diesem Zeitpunkt war Scherf schon krank. Ein Sprichwort sagt: Wer die Hitze nicht verträgt, der soll nicht in der Küche arbeiten. Gilt das letztlich auch für die Politik? Scherf stellt die Gegenfrage: Sei ein Politikbetrieb erstrebenswert, indem am Ende nur noch diejenigen eine Rolle spielten, die es aushielten, mit bloßen Händen in den Ofen zu greifen?

Eine hohe Resilienz, eine hohe Belastbarkeit, das seien eigentlich immer seine Stärken gewesen, sagt Scherf zurückgelehnt in seinem Gartenstuhl. Er wehre sich dagegen, seine Sensibilität negativ auszulegen. Er wolle kein Politiker sein, an dem die Folgen von schwierigen Entscheidungen einfach abperlen. Der 52-Jährige hat erst mal keine Ambitionen mehr auf politische Ämter. Ab September möchte er für den Anfang wieder einen Tag in der Woche als Lehrer arbeiten.

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