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Buchvorstellung von Pelicots MemoirenNoch immer ein weiter Weg

Bei ihrem Auftritt in Hamburg bleibt Gisèle Pelicot kämpferisch. Männer und Frauen seien aber nicht dazu gemacht, auf Dauer in Feindschaft zu leben.

Gisèle Pelicot stellt ihre Memoiren in Hamburg vor Foto: Christian Charisius/dpa
Valérie Catil

Aus Hamburg

Valérie Catil

Wahnsinnig viele Männer stehen vor der Hamburger Laeiszhalle und warten auf den Einlass. Dort soll Gisèle Pelicot am Dienstagabend ihre Memoiren vorstellen. Sie macht Hoffnung, diese Quote, schätzungsweise Hälfte-Hälfte. Zu schön, um wahr zu sein – und das ist es letztlich auch.

Denn nicht im großen Saal tritt Pelicot auf, sondern im kleinen, den man über einen Seiteneingang erreicht. Die Männer, sie stehen an, um etwas über Ozeane zu lernen. Es sind, und das ist keine Überraschung, größtenteils Frauen, die für Gisèle Pelicot gekommen sind, die meisten recht jung.

„Eine Hymne an das Leben“ heißt ihr Buch, in dem sie nicht nur den historischen Prozess von 2024 aus ihrer Perspektive nacherzählt, sondern ihr ganzes Leben und das der Generationen vor ihr, das Leben ihrer Eltern und Großeltern, untersucht, um Antworten zu finden: darauf, wie Trauma entsteht und wie es sich aufs Jetzt auswirkt. Gemeinsam mit der Journalistin Judith Perrignon hat sie ihre Memoiren, die in 22 Sprachen übersetzt wurden, verfasst. In Deutschland erscheint das Buch bei Piper.

Als sie die Bühne betritt, dauert es einige Minuten, bevor die Buchvorstellung beginnen kann, so lange hält der Applaus an. Sie kommt gerade aus England, wo Königin Camilla sie empfangen hatte. Es ist ein beeindruckender Moment, diese Frau in echt vor sich stehen zu sehen, das Publikum versteht das. Gisèle Pelicot lächelt währenddessen demütig und dankend, wirkt ruhig.

Mit Medikamenten betäubt, vergewaltigt

Neun Jahre lang wurde Gisèle Pelicot von ihrem damaligen Mann, Dominique, den sie während des Abends nur „Monsieur Pelicot“ nennt, mit Medikamenten betäubt, vergewaltigt und über 50 anderen Männern ausgeliefert. Erinnerungen daran hat sie bis heute nicht. Im Herbst 2024 kam es in Avignon zum Prozess, der nicht nur das französische Gesetz ändern, sondern eine weltweite Debatte über sexualisierte Gewalt auslösen sollte.

Mit der Forderung, dass die Scham die Seiten wechseln müsse, entschied sie sich damals, den Prozess in Avignon öffentlich stattfinden zu lassen. In Hamburg sagt sie darüber: „Diese Entscheidung habe ich nie bereut.“ Moderiert wird der Abend von Sandra Kegel, Feuilletonchefin der FAZ, die Schauspielerin Maria Furtwängler liest Passagen aus dem Buch vor.

Gisèle Pelicots erstaunliche Augen betrachten das Publikum, während Furtwängler liest. Groß, dunkel, funkelnd. Während einer Passage, die davon handelt, wie sie vor Beginn des Prozesses erstmals die abscheulichen Videoaufnahmen sichtet, die ihr Ex-Mann von den Vergewaltigungen erstellt hatte, sind sie mit Tränen gefüllt. Und trotzdem erzählt sie ihre Geschichte unermüdlich weiter.

Doch es bleibt nicht nur bei dem Abgründigen, es gibt auch Trost. Als Furtwängler etwa eine Stelle vorliest, in der Pelicots neuer Lebenspartner vorkommt und sein Name „Jean-Loup“ ausgesprochen wird, erscheint beim Zuhören sofort ein Lächeln auf Gisèle Pelicots Lippen. Heute wohnen sie gemeinsam auf der französischen Île de Ré.

Ein Buch auch für die Enkel

Es gibt Trost und es gibt Hoffnung. Fast jeden ihrer Wortbeiträge beendet Pelicot mit Forderungen an andere Opfer von sexualisierter Gewalt. „Erstatten Sie Anzeige“, „Schließen Sie die Öffentlichkeit bei Prozessen nicht aus“, „Ich hatte die Kraft, Sie haben sie auch“, „Sie haben keine Schuld“, „Ziehen Sie sich nicht zurück“, und immer wieder: „Schämen Sie sich nicht!“ Ihr Auftritt hat etwas Kämpferisches. Ja, für sie habe die Scham die Seite gewechselt, sagt sie, „aber es ist immer noch ein weiter Weg“.

Ihr Buch ist Teil dieses Weges. Ihre Hoffnung, was „Eine Hymne an das Leben“ bewirken könne, sei, dass es verschiedene Generationen und Gruppen anspreche. Frauen erkennen sich darin wieder, Mütter, aber auch ältere Menschen, die die Nachkriegszeit erlebt haben. „Auch Kinder können dieses Buch lesen“, sagt sie und berichtet von ihrem Enkel, der das Buch gelesen habe und danach sagte, dass er sie mit diesem Buch erst richtig kennengelernt habe.

Vor allem aber solle das Buch eines zu verstehen geben: Dass ihr ein tiefer Glaube innewohnt, dass Männer und Frauen nicht dazu gemacht sind, in Feindschaft zu leben, sondern in Harmonie. „Wir sind für Liebe gemacht.“

Als Letztes liest Gisèle Pelicot das letzte Kapitel selbst auf Französisch vor. „Ich hoffe, ich schaffe es zu lesen“, entschuldigt sie sich, „es bringt mich oft zum Weinen.“ Es handelt von der Frage, die sie sich als 16-jähriges Mädchen stellte, nämlich danach, welche Rolle sie auf dieser Welt spielen würde. Das war im Jahr 1968, als Feministinnen in Frankreich für die Rechte von Frauen kämpften, mit denen sie sich aber nie so richtig identifizieren konnte, auch wenn sie sie schätzte.

Dass sie nun selbst das Gesicht einer nouvelle vague des Feminismus geworden ist, habe sie überrascht. Und dass sie mit 73 Jahren ihre Rolle endlich gefunden habe. Die stehenden Ovationen erweist sie dem Publikum ebenfalls. „Merci, Gisèle“, ruft jemand im Saal.

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