Buch des griechischen Ex-Premiers: Tsipras' ewige Reise
Das Buch von Alexis Tsipras über die Schuldenkrise der Zehnerjahre ist in Griechenland ein Topseller. Plant der Ex-Premier sein politisches Comeback?
Sein erstes Buch ist 762 Seiten stark und zugleich als Hörbuch in einer Länge von 27 Stunden und 33 Minuten erhältlich, alles bisher nur auf Griechisch. Geschrieben ist es so, wie sich der Autor stets in seiner Muttersprache ausdrückt: schnörkellos, sachbetont, detailreich. Auch der unbewandertste Leser und Hörer soll den Inhalt auf Anhieb verstehen. Der Name des Autors: Alexis Tsipras, Ex-Premier von Griechenland, der erste linke Regierungschef seit Hellas' offizieller Staatsgründung vor bald 200 Jahren. Der einprägsame Titel seines Werks lautet: „Ithaka“.
Tsipras hat ein politisches Buch verfasst, das ein sofortiger Publikums-und Medienhit in Griechenland wurde: Laut Angaben seines Athener Verlags verkaufte man bereits in den ersten Stunden nach Verkaufsstart am 24. November 33.000 Exemplare.
Der Buchtitel ist ein direkter Verweis auf eine knapp achtminütige, symbolträchtige Fernsehansprache. Tsipras hielt sie im August 2018 auf einem Hügel über dem Hafen von Ithaka, der berühmten Insel im Ionischen Meer, bei brütender Hitze und strahlend blauem Himmel im blütenweißen Hemd. Der damalige Premier verkündete darin den „endgültigen“ Ausstieg des Euro-Landes aus den schmerzhaften Sparprogrammen.
Die Griechen bräuchten kein Geld mehr von außen, Hellas habe endlich seine „finanzpolitische Souveränität“ zurückgewonnen, sagte Tsipras mit fester Stimme. Der damalige Chef des „Bündnis der Radikalen Linken“ („Syriza“), Europas damaliger linker Vorzeigepartei, erklärte auf Ithaka den „Beginn einer neuen Ära“.
Wie bei Merkels Buch: Konterfei und Schlüsselwort
Auf dem Cover von „Ithaka“ prangt Tsipras abermals im blütenweißen Hemd. Die Aufmachung – das Konterfei des Autors und ein Schlüsselwort als Titel – erinnert an Angela Merkels Buch „Freiheit“. Da passt es ins Bild, dass der zunächst als Schreckgespenst in der Eurozone gefürchtete Grieche in seiner Amtszeit als Premier nach und nach ein gutes Verhältnis zur Ex-Bundeskanzlerin entwickelte, die eine Schlüsselfigur im Umgang mit der Griechenlandkrise der Zehnerjahre war.
„Zeit, dass meine eigene Stimme gehört wird“, lässt Tsipras gleich am Anfang seines Buches wissen. Darin beschreibt der heute 51-Jährige aus seiner Sicht die Ereignisse und Hintergründe, die sich in Hellas und auf europäischer Bühne vor allem ab Anfang 2015 ereigneten. Er beleuchtet indes auch innenpolitisch den Zeitraum bis 2023, als er nach einer zweiten, verheerenden Wahlniederlage bei den Parlamentswahlen enttäuscht den Syriza-Vorsitz abgab.
Tsipras' Buch ist persönlich, offen, voller Hintergrundinformationen, mit scharfen Beobachtungen über Menschen und Situationen. Der Leser sieht, wie Figuren, Egos, Ambitionen und persönliche Entscheidungen die Geschichte geprägt haben. Reinen Tisch macht Tsipras mit einstigen Weggefährten, Gegnern und allerlei Narrativen samt hartnäckigen Vorwürfen. Wer von Tsipras hingegen Selbstkritik erwartet, irrt jedoch.
Alexis Tsipras: „Ithaka“, Gutenberg Verlag, Athen 2025 (in griechischer Sprache), 762 Seiten, 28 Euro
Tsipras' steiler Politaufstieg fiel in eine turbulente Zeit mit enormen ökonomischen und sozialen Verwerfungen. Griechenland war ab dem faktischen Staatsbankrott im Frühjahr 2010 von seinen öffentlichen Gläubigern EU, EZB und IWF ein rigoroser Austeritätskurs aufgebürdet worden – im Gegenzug für die Gewährung von Darlehen von knapp 289 Milliarden Euro. Nach gut fünf Monaten an der Macht, einem weltweit Aufsehen erregenden Referendum und dramatischen Verhandlungen in Brüssel unterzeichnete der zuvor bekennende Spargegner Tsipras im Juli 2015 das dritte griechische Sparprogramm in Folge.
Über den historischsten Moment seiner Regierungszeit, die Ausrufung des Referendums über die Sparforderungen der Gläubiger-Troika, schreibt Tsipras: „Das war meine Entscheidung.“ Zugleich hebt er hervor, dass er nicht wollte, dass Griechenland den Euro verlasse. Dies hätten in seiner Partei nicht alle Genossinnen und Genossen geteilt. Syriza habe den „Eindruck einer ungeordneten Armee erweckt“, ätzt Tsipras und betont: „Ich war nicht anti-europäisch. Ich wollte Brücken mit der europäischen Linken bauen.“
Spott für Varoufakis
Den geläufigen Vorwurf seiner linken Kritiker, wonach er nach dem klaren Nein der Griechen im Volksentscheid am 5. Juli 2015 einen politischen „Purzelbaum“ vollzogen habe, indem er sich vom Spargegner zum Befürworter gewandelt habe, lässt Tsipras nicht gelten. Die Gläubiger in Brüssel, Berlin und Paris hätten immerhin „Bedingungen akzeptiert, die für uns unabdingbar waren.“ Etwa die Notwendigkeit einer Entschuldung Griechenlands sowie Maßnahmen zum Schutz benachteiligter sozialer Gruppen. Noch immer ist Tsipras überzeugt: „Die Opfer unseres Volkes waren nicht umsonst wie bei den früheren Sparprogrammen.“
Über den schillernden Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis, der sich mit Tsipras ob der Fortsetzung des Sparkurses überwarf, äußert sich Tsipras in seinem Buch abschätzig. Varoufakis habe sich „sehr schnell in einen negativen Protagonisten verwandelt“. Schon früh hatte Tsipras für Varoufakis nach dessen spektakulärem Ausscheiden aus seiner Regierung bloß feinen Spott übrig. Varoufakis, der „offenbar eine Karriere als Autor verfolgen“ wolle, „möchte er nur gute Verkaufszahlen wünschen“, trat Tsipras damals nach.
Nun ist Tsipras selber bloß Buchautor. Anders als Varoufakis nimmt er dabei den einheimischen Minibuchmarkt in den Blick. Womit sich die Frage stellt: Wieso weckt Tsipras' opulentes Werk bei den Griechen ein derart großes Interesse, zumal die darin beschriebenen Ereignisse lange her sind?
Die Gründe sind vielfältig: Einerseits spricht der damalige Politprotagonist schlechthin – Hoffnungsträger für die einen, Reizfigur für die anderen – erstmals ausführlich über eine Zeit, die für Griechenland unstrittig eine politische, ökonomische und soziale Zäsur darstellt. Tsipras polarisiert. Bis heute.
Eine Neuausrichtung der „Marke Tsipras“
Ferner stellt „Ithaka“ ganz offensichtlich einen Baustein für eine strategische Neuausrichtung der „Marke Tsipras“ dar. „Ithaka“ soll offenbar den Weg für Tsipras' politisches Comeback ebnen, nachdem er Anfang Oktober überraschend sein Abgeordnetenmandat im Athener Parlament niederlegte und Syriza verließ. Tsipras' ungeschriebene Botschaft: „Ich bin zu jung, um in den Ruhestand zu treten.“ Das interessiert gleichermaßen treue Fans, enttäuschte Ex-Wähler sowie Gegner.
Ob er zeitnah eine neue Partei gründen wird, bleibt abzuwarten. Der Zuspruch für eine neue Tsipras-Partei dürfte überschaubar sein: Laut einer jüngsten Umfrage würden 9,9 Prozent der Befragten „sehr wahrscheinlich“ eine Tsipras-Partei wählen, weitere 4,7 Prozent „ziemlich wahrscheinlich“. Demgegenüber schließen dies 76,3 Prozent der Befragten kategorisch aus. Der Umstand, dass Tsipras ein eigenes Institut gegründet hat, das sich mit Zukunftsfragen beschäftigt, ändert daran nichts.
Auf nationaler Ebene will Tsipras die Kräfte im Mitte-Links-Spektrum im Kampf gegen die seit fast sieben Jahren herrschende Einparteienregierung der konservativen Nea Dimokratia (ND) einen. Schaffen will er dies mit der führenden Oppositionspartei Pasok, mit der arg geschrumpften Syriza (in der Tsipras bis heute in weiten Kreisen eine Ikone ist) und deren Ableger Neue Linke.
Ein rotes Tuch sind für Tsipras hingegen die Parlamentspartei Kurs der Freiheit sowie die derzeit außerparlamentarische Kleinpartei Mera25 von Varoufakis, ebenfalls im Kern eine Syriza-Abspaltung.
Herkulesleistung Staatssanierung
Der Nährboden zur Rückgewinnung der Macht in Athen ist bereitet: Die Staatsfinanzen sind saniert, wofür die Regierung Tsipras mit einer Herkulesleistung die Weichen stellte. Das Gros der Griechen ist heute aber pleite. Die himmelschreiende Straflosigkeit trotz vieler Politskandale, die ungebändigte Teuerung, die grassierende Korruption: Viele sind unzufrieden mit der Regierung unter dem neoliberalen Premier Kyriakos Mitsotakis.
Dennoch kommt die zersplitterte Athener Opposition auf keinen grünen Zweig. Auch dafür trägt Tsipras eine große Verantwortung. Geradezu mythisch mutet daher seine Anmerkung über sein Buch an, Ithaka sei kein Ziel, sondern „eine ewige Reise“. Anders als in Homers Odyssee ist unklar, ob Tsipras sein Reiseziel erreicht.
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