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Kunst der WocheEin großer Spaßvogel und ein kleines Gespenst

Zwei Wiederaufführungen in der Galerie Vincenz Sala und im Bureau Mueller befassen sich mit Leichtigkeit, Schwere, Humor und gesellschaftspolitischen Spannungen.

D ie Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift“ so spricht der Mini-Marx in Else Gabriels „Denkmalsturz to go“ aus Glas, am Eingang bei Vincenz Sala. Und so sprach auch der große Marx in seiner „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“.

Es geht also gleich mal hoch her in der „Hammermäßigen 50er Jahre Pfütze“, die derzeit in der Galerie zu bestaunen ist. Konzipiert wurde sie von Hans Hemmert, Axel Lieber und Via Lewandowsky, nur wenige Tage bevor Hans Hemmert im Januar 2025 starb. Die Ausstellung mit seinen Arbeiten und denen einiger Freun­d:in­nen ist in memoriam.

Hans Hemmert war der Spaßvogel unter den Künst­le­r:in­nen – und ein wirklich großer. Einer, den man brauchte und nun bitterlich vermisst. Er war nicht laut; wozu auch, er war ja voller kluger, bunter Einfälle. Ganz unauffällig stehen an der Wand ein paar hellblaue Plateausohlen aus der Serie „Level“. Bei der Vernissage brachten sie alle Be­su­che­r:in­nen auf exakt zwei Meter Höhe und der Aktion den Hashtag #Same Height Party ein, als Fotos davon international zigtausendfach im Netz geliked wurden.

Die Ausstellungen

Galerie Vincenz Sala: „Hammermäßige 50er Jahre Pfütze. Hans Hemmert und Freunde“, mit Else Gabriel, Inges Idee, Bettina Allamoda, Via Lewandowsky, Axel Lieber, Herbert Warmuth und Hans Hemmert, Sigmaringer Str. 23, Mi-Fr 15-19 Uhr, bis 10. Oktober

Bureau Mueller und Free Music Production: Bettina Allamoda „Rockette To Die For“, Franz-Mehring-Platz 1, Sa 12-18 Uhr, bis 13. März 2027

Zu Beginn arbeitete er mit Stahl, einem Material, das dann in Luft aufging, eingefangen in gelbem Latex. Die so entstandenen großen Ballons zwängte er in Raumecken oder zwischen Gegenstände, was ihre Volumina erst richtig in Form brachte. Gerne saß er selbst in der großen gelben Denkblase wie der Leuchtkasten „Samstag Nachmittag, zuhause in Neukölln“ zeigt. Natürlich sind die Freunde ebenfalls großartige Künstler:innen, die mit Hemmerts konzeptuellem State of the Art jederzeit mithalten. Leider verbieten es die Zeilenvorgaben, näher darauf einzugehen.

Das andere kommt nicht klar

Erwähnt sei nur der „Geist auf der Schaukel“ von Inges Idees, dem auf Kunst im öffentlichen Raum spezialisierten Kollektiv, dem Hemmert angehörte. Das kleine Gespenst gehört zu jenem anderen, mit dem die Gesellschaft nicht klarkommt – und dem Bettina Allamoda in ihrem Werk auf der Spur ist.

Ihr „Alien Football“ und „Steelalien“ bei Vincenz Sala sind modernistische Skulpturen, deren ursprüngliche Ideengeber die Kunstgeschichte maßgeblich in Afrika verortet – und damit, wie Allamoda kritisch beobachtet, genauso gut bei den Außerirdischen.

Auch Allamoda wechselte vom Stahl zu leichterem Material. Wie jetzt „Rockette“ im Bureau Mueller und der Free Music Production zeigt: ihre erste Paillettenskulptur, mit der sie gesellschaftspolitische Spannungen in Material übertrug, freilich noch hoffnungsvoll in flexibles Gewebe. Die Installation „Rockette To Die For“ ist übrigens eine Wiederaufführung; Allamoda hatte sie bereits 2015 bei Markus Müller gezeigt.

Und damit zurück zur eingangs zitierten Marxschen These und deren Wiederaufführung in Sachsen: Unglücklicherweise zeigt dort die AfD wie das geht, wenn genuiner Antisemitismus und die Theorie vom großen Austausch zur materiellen Gewalt werden.

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Brigitte Werneburg

Brigitte Werneburg

war Filmredakteurin, Ressortleiterin der Kultur und zuletzt lange Jahre Kunstredakteurin der taz. Seit 2022 als freie Journalistin und Autorin tätig. Themen Kunst, Film, Design, Architektur, Mode, Kulturpolitik.
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