Netflix-Film „23.000 Leben“: Hinschauen, wo andere wegsehen
Der Netflix-Film „23.000 Leben“ zeichnet ein eindrückliches Porträt der „Iuventa“-Crew. Doch bleibt die größere politische Dimension auffallend blass.
Foto: Netflix
Berlin im Jahr 2015. „Können wir Menschen einfach so ertrinken lassen? Können wir wegsehen? Der Gedanke wurde zum Gefühl. Und das Gefühl ging nicht mehr weg.“ Also gründet der junge Netto-Verkäufer Lukas, gespielt von Louis Hofmann, die Organisation „Jugend rettet“. Bisweilen verzweifelt sucht er nach weiteren Freiwilligen, einem Schiff und Geldgebern und bricht schließlich mit der Crew und der „Iuventa“ ins Mittelmeer auf, um vor der Küste Libyens Menschen in Seenot zu retten. Was folgt ist eine Anklage und mögliche immense Geldstrafen für das „Verbrechen“.
Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt Netflix nun eine beeindruckende Geschichte europäischer Zivilcourage, inszeniert für das Streamingpublikum.In nur zwei Jahren bringt das Team 23.000 Menschen in Sicherheit (daher der Filmtitel), bis die „Iuventa“ 2017 vom italienischen Staat festgesetzt und die Crew wegen Menschenschmuggels angeklagt wird.
Ein Gerichtsprozess beginnt, in dem es längst nicht nur um Schuld geht, sondern darum, Seenotrettung überhaupt zu unterbinden. Und doch bleibt die größere politische Dimension auffallend blass: Der sehr politische Gerichtsprozess, die vorausgehende staatliche Einschüchterung und die versuchte Kriminalisierung von Seenotrettung werden weitgehend ausgeklammert.
„23.000 Leben“, auf Netflix
Reichweite für Seenotrettung
Stattdessen wird das Publikum auf dem Sofa mit emotionaler Ergriffenheit und einigen eindrücklichen Bildern entlassen. Zu sehen ist die „Iuventa“ im Sturm oder aufwendige Unterwasseraufnahmen, die die Panik vor dem Ertrinken erlebbar machen. Not und Elend bleiben aber stets konsumgerecht entschärft, um das Streamingpublikum nicht allzu sehr zu schockieren.
Und doch ist die Produktion wichtig. Weil sie Reichweite schafft und dort hinsieht, wo heute umso mehr weggesehen wird. In diesem Sinne ist der Film auch all jenen gewidmet, die im Meer ihr Leben verloren haben, denen, die versucht haben, das zu verhindern, und all denen, die überlebt haben.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert