Billardtalent Ruth McGinnis: Die mit dem Queue
Ruth McGinnis war ein unglaubliches Billardtalent, dabei galten Spielhallen als rein männliche Spelunken. Durchgesetzt hat sie sich dennoch.
D ass die Karriere der Frau, die später als inoffizielle Billardweltmeisterin galt, in einem Barbershop begann, lag nur daran, dass der Vater von Ruth McGinnis seiner männlichen Kundschaft die Wartezeit so angenehm wie möglich machen wollte. Der ehemalige Schiffskapitän Thomas McGinnis hatte Anfang des letzten Jahrhunderts in Honesdale, Pennsylvania einen Barbershop eröffnet und dort irgendwann zwei Billardtische aufgestellt. An denen wurde bald auch seine 1910 geborene Tochter Ruth aktiv, obwohl sie anfangs auf eine Seifenkiste steigen musste, um überhaupt spielen zu können.
Schon mit sieben galt Ruth als sehr talentiert, bereits drei Jahre später gelang ihr laut dem Billardhistoriker R. A. Dyer ein Lauf von 47 Kugeln. McGinnis spielte das damals in den USA verbreitete Straight Pool, deutsch: 14/1 endlos. Das ist die Billardvariante, die Paul Newman und Jackie Gleason in dem 1961 erschienenen Filmklassiker „Haie der Großstadt“ spielen. Dabei wird angesagt, welche Kugel man in welche Tasche versenken möchte, unterschieden zwischen vollen und halben Kugeln wird nicht. Sobald 14 versenkt wurden, kann mit der verbliebenen 15. das nächste Rack eröffnet und die Serie weitergespielt werden.
Straight Pool war bis weit in die 1940er-Jahre äußerst beliebt, Zeitungen wie die New York Times brachten regelmäßig Reportagen und Geschichten über die Spieler. Auf die Idee, mit Billard Geld zu verdienen, kam Ruth McGinnis jedoch zunächst nicht. Die Sportart war Männersache, und Billardhallen galten zunehmend als Orte, an denen sich zwielichtige Gestalten herumtrieben.
So begann sie eine Ausbildung zur Sportlehrerin am East Stroudsburg State Teachers College, die sie 1932 erfolgreich beendete. Arbeit fand Ruth jedoch nicht, und so nahm sie ein Angebot des Billardverbandes an, im Rahmen der Imagekampagne „Better Billiards“ Vorträge zu halten, Kunststöße vorzuführen und anschließend gegen lokale Meister zu spielen.
Den Weltmeister geschlagen
Ruth McGinnis machte ihre Sache offenkundig gut, mancherorts wurden sogar Extratribünen für das Publikum aufgebaut. Dass sie die lokale Billardprominenz regelmäßig besiegte, führte laut zeitgenössischen Berichten besonders bei den Zuschauerinnen zu großer Begeisterung. 1933 trat sie in einem sechstägigen Match gegen die damals erfolgreichste US-Sportlerin Babe Didrikson Zaharias an, das Ruth mit 400 zu 62 klar für sich entscheiden konnte. 1937 schlug die „Königin des Billards“ auch noch den damaligen Weltmeister Ralph Greenleaf.
An offiziellen Wettkämpfen und Turnieren, bei denen es viel Geld zu verdienen gab, durfte McGinnis nicht teilnehmen. Das war Frauen untersagt. Zudem musste sie immer darauf achten, sich sittsam zu verhalten. Etwa mal ein Bein auf den Tisch zu legen, wie ihre männlichen Kontrahenten es gern taten, kam für sie nicht infrage.
Nicht alle Sportreporter mochten sich damit abfinden, dass eine Frau Spitzenleistungen zeigte. Einer schrieb, dass sich alte Spieler „im Grabe umdrehen würden, wenn sie wüssten, dass Billard jetzt Unterröcke trägt“. Ein anderer erklärte, dass McGinnis sicher unverheiratet sei, weil „die meisten sich zwar einem Nudelholz stellen würden, aber nur wenige den Reichweitenvorteil eines Queues in Kauf nähmen“.
Ruth selber sagte 1940, dass es ihr riesigen Spaß mache, Männer zu schlagen, „weil sie immer so wild darauf sind, ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Die meisten spielen, als gehe es um Leben und Tod. Wenn ich mich so benehmen würde, wäre ich ein Fall für die Nervenheilanstalt.“
Zwei Jahre später nahm sie als erste Frau an einem großen Turnier teil, den Meisterschaften des Bundesstaates New York. Dort gewann sie mehrere Partien gegen Männer. Der reguläre Zugang zu renommierten, gut dotierten Turnieren blieb ihr jedoch weiterhin verschlossen.
Ruth eröffnete in Rhode Island eine eigene Billardakademie und pitchte im Sommer halbprofessionell Baseball. 1954 beendete sie ihre sportliche Karriere, später arbeitete sie als Lehrerin an einer Schule für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und verschwand weitgehend aus der Billardöffentlichkeit. Über ihr weiteres Privatleben ist kaum etwas bekannt. Im Mai 1974 starb Ruth McGinnis mit 64 Jahren an Krebs, zwei Jahre später wurde sie in die Hall of Fame der Women’s Professional Billiard Association aufgenommen.
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