Bibliotheken in Berlin: Ein Lese-Orchester für den Alex
400 Sonnenliegen und eine alte Berliner Sehnsucht: Die Zentral- und Landesbibliothek soll endlich einen großartigen Ort bekommen. Am besten am Alex.
Foto: Dagmar Morath
Eigentlich sollte an diesem Sonntag am Brunnen der Völkerfreundschaft weniger los sein. Wo am Alexanderplatz nur wenige Läden geöffnet haben, wirkt der prominente Ort an Sonntagen oft wie ausgestorben. Heute aber stehen ungefähr 400 Sonnenliegen auf dem Platz. Menschen lümmeln darin, blinzeln in den hellen Himmel und blättern in mitgebrachten Büchern.
Direkt vor dem Galeria-Kaufhaus ist eine Bühne aufgebaut. Davor folgen mehr als hundert Kinder einer Frau in lila Weste, die sie zu Lockerungsübungen auffordert wie vor einer Gesangsstunde: Arme hoch, Zungen raus. Mal machen alle Gähn-Seufzer, mal Zungentriller, begleitet von großem Gegacker.
Dann geht es los. Die Kinder schlagen ihre Lieblingsbücher auf – mitgebracht oder noch schnell aus dem blauen Spandauer Lesebus entliehen, der neben der Kundgebung parkt. „Petronella Apfelmus“ ist dabei, „Naruto“, „Das Tagebuch der Anne Frank“ und „Ein Mädchen namens Willow“. Auf ein Zeichen beginnen alle gleichzeitig laut zu lesen. Ein paar Minuten lang wird aus dem Alexanderplatz eine vielstimmige Lese-Kakofonie.
Mit der Aktion setzen die Berliner Öffentlichen Bibliotheken während der Aktionswochen von #BerlinIstKultur und am Tag des Lesens ein Zeichen: Lesen macht Spaß, Lesen verbindet – und Lesen braucht Platz. Kinder und Erwachsene sehnen sich nach gut ausgestatteten Bibliotheken in der ganzen Stadt, lautet die Botschaft, und Berlin endlich eine zukunftsfähige Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) für alle.
Dass der Lese-Protest ausgerechnet an diesem Tag stattfindet, ist politisch kaum zu übersehen: In Sachsen-Anhalt wird gewählt, in Berlin sind es noch zwei Wochen bis zur Abgeordnetenhauswahl. Nach dem 20. September könnte endlich entscheiden werden, ob aus den Plänen diesmal tatsächlich ein Ort wird.
So viele Debatten
Die ZLB versucht seit Jahren, aus einem Provisorium herauszukommen. Noch immer ist sie auf die Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz und die Berliner Stadtbibliothek in der Breite Straße in Mitte verteilt. Beide Häuser sind sanierungsbedürftig, beide zu klein.
Kaum eine Berliner Kulturinstitution hat dabei so viele Standortdebatten erlebt. Pläne am Marx-Engels-Forum, Erweiterungen am Blücherplatz und ein Neubau am Flughafen Tempelhof scheiterten; das ICC tauchte als Idee auf und verschwand wieder. Zuletzt wurde über die frühere Galeries Lafayette in der Friedrichstraße verhandelt. Auch daraus wurde nichts.
Nun richtet sich der Blick auf den Alexanderplatz. Im Galeria-Gebäude, so die Idee, könnten Warenhaus und Bibliothek nebeneinander und mit getrennten EIngängen Platz finden. Für die ZLB wäre es die Chance, ihre Bestände, Angebote und Arbeitsplätze endlich unter einem Dach zu bündeln. Für den Alex könnte eine öffentliche Einrichtung, die nicht vom Konsum lebt, alles grundlegend umkrempeln.
Während die Kinder sich nach dem Lese-Orchester Geschenke holen, Shirts, Bücher und Lesezeichen, erklären mit warmen Worten ZLB-Direktor Jonas Fansa und Regina Kittler, im Abgeordnetenhaus Sprecherin der Linksfraktion für Kinder, Jugend und Familie, warum Berlin aus ihrer Sicht diese Bibliothek braucht.
Ein bisschen komisch
Ein Siebenjähriger findet die Vorstellung trotzdem „ein bisschen komisch“, an einem für ihn so hässlich wirkenden Ort wie dem Alex in die Bibliothek zu gehen. Drei Geschwister aus Lichtenberg, zwischen acht und zwölf Jahre alt, widersprechen indirekt: Eine Bibliothek würde dem Alex „bestimmt total gut tun“. Ein 14-Jähriger, der seine elfjährige Schwester im Schlepptau hat, sagt: „Ich finde es superwichtig, in Zeiten wie diesen viel zu lesen.“
Nach dem Lese-Orchester beginnt die Silent Reading Party. Plötzlich wird es still. Hunderte Menschen liegen oder sitzen mitten auf dem Platz, lesen nebeneinander her, ohne Eintritt, ohne Kaufzwang. Für einen Moment sieht das aus wie eine kleine städtische Utopie.
Denn die ZLB ist längst mehr als eine klassische Ausleihbibliothek. In der Amerika-Gedenkbibliothek gibt es beispielsweise Sprachlernangebote, Digitalberatung, Medienwerkstätten, Lesungen und Musikangebote; ausleihen kann man da nicht nur Bücher, sondern auch Dinge und Technik. Schüler*innen aus der Umgebung lernen dort für Prüfungen, jüngere Geschwister verbringen ihre Nachmittage in der Kinderbibliothek. Gerade in einer Stadt, in der viele Kinder in Armut aufwachsen, sind solche kostenlosen Räume existenziell.
Wie wäre es also, wenn hier nicht nur an diesem Sonntag 400 Liegen und Stühle stünden? Wenn Menschen am Alex schmökern, lernen, diskutieren, herumhängen und miteinander ins Gespräch kommen könnten – kostenlos, mitten in der Stadt? Es wäre ein Gewinn für den tristen Alex. Und nach Jahren vergeblicher Standortsuche vor allem einer für ganz Berlin.
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