Berufsverbot wegen falscher Gesinnung: „Ein politischer Kampfbegriff“

Kriegsdienstgegner und Kommunisten waren nach dem Radikalenerlass von Berufsverboten betroffen. Auch Hans-Peter de Lorent.

Politiker und Gewerkschafter Hans-Peter de Lorent sitzt in seinem Arbeitszimmer vor einer Bücherwand

Fühlt sich von Schikanen und Berufsverbot eher gestärkt als zerstört: Hans-Peter de Lorent Foto: Miguel Ferraz Araujo

Hans-Peter de Lorent wurde nicht verbeamtet, weil er sich beim Marxistischen Studentenbund Spartakus engagierte und ein Problem mit Autoritäten hatte. Nachdem er einen Roman schrieb, verklagte ihn die Schulbehörde, aber der Prozess brachte ihm breite Unterstützung. Später machte er selbst Karriere in der Behörde. Ein Protokoll:

Ich war schon als Schüler in der antiautoritären Studentenbewegung aktiv. Ab 1969 setzte ich mein Engagement an der Uni fort. So politisierte ich mich neben dem Studium weiter, wie zu dieser Zeit fast alle vernünftigen Leute. Die Zeiten waren sehr bewegt: Wenn in Hamburg eine studentische Vollversammlung einberufen wurde, waren Audimax 1 und 2 gefüllt. Seit 1971 war ich Versammlungsleiter dieser Vollversammlung. Das lief so: Alle kamen zusammen und es wurde gefragt: „Wer will Versammlungsleiter sein?“

Außer mir meldete sich immer nur ein anderer. Wir haben uns mit unseren politischen Mitgliedschaften vorgestellt, also „Hans-Peter de Lorent, Marxistischer Studentenbund Spartakus“, der andere war vom „Kommunistischen Studentenverband“. Ich wurde immer gewählt, weil die meisten beim Spartakus waren. Wir wussten aber damals schon, dass immer Spitzel dabeisaßen, wir kannten die auch.

Meine erste Anhörung bei der Schulbehörde hatte ich 1973 als Referendarvorstand, weil ich eine Zeitung gegen Berufsverbote herausgab. „Berufsverbote“ sei ein politischer Kampfbegriff, hieß es, denn das gebe es gar nicht. Man prüfe lediglich, ob die Leute geeignet wären oder in einer verdächtigen Organisation seien.

Am Ende meines Referendariats hatte ich eine Anhörung beim Schulsenator, der mich auch zu meinen Mitgliedschaften befragte. Am Ende verweigerte der Ausschuss für die Benennung von Beamten seine Zustimmung. Ich durfte allerdings als Angestellter arbeiten, wobei gleichzeitig meine Entlassung ausgesprochen wurde – ich könnte ja dagegen klagen. Eine völlig irrsinnige Konstruktion.

„Das ist ne politische Entscheidung“

Ich wurde befristet eingestellt und klagte, aber beim Verwaltungsgericht wurde nie darüber entschieden. Immer hatte der Richter irgendwelche Fragen an den Senat, der sich dann verhalten musste, und so zog sich das über Jahre. Ich hab den Richter mal zufällig auf der Straße getroffen und gefragt, was da ablaufe. Er meinte: „Ich entscheide das nicht, ich bin doch nicht blöd, das ist ne politische Entscheidung.“

Was bitte soll ein kommunis­tischer Zugführer anders machen als ein anderer? Biegt er links ab, wo die Weiche nach rechts geht?

In der Schule haben wir überlegt, wie wir die Öffentlichkeit für das Thema gewinnen konnten. Ich habe ein Buch herausgegeben mit dem Titel „Bin ich ein Verfassungsfeind?“. Darin schreiben Betroffene aus ganz Deutschland, darunter Kriegsdienstgegner, Sozialdemokraten, Kommunisten unterschiedlicher Couleur aus verschiedenen Berufsgruppen, Beiträge. Es waren Briefträger, Mitarbeiter vom Zoll und ein Zugführer, den die Bundesbahn entlassen wollte. Was bitte soll ein kommunistischer Zugführer anders machen als ein anderer? Biegt er links ab, wo die Weiche nach rechts geht?

Ich war weiter im Schuldienst, aber der Schulleiter war offenbar von Anfang an beauftragt, mich zu beobachten. In einem Schuljahr überlegte er sich, meine volle Stelle mit 28 Unterrichtsstunden auf vier Tage zu konzentrieren. Sein Gedanke war wohl, dass ich so wenig Kontakt wie möglich mit Schülern haben sollte. Da habe ich mich geärgert und gedacht „Jetzt räche ich mich“ und den Roman „Hexenjagd“ geschrieben, immer an meinem freien Tag. Ich habe die Machenschaften gegen mich beschrieben, mit leicht verfremdeten Namen und einem jungen Lehrer in Zentrum der Schikane.

Ein altes Foto in die Kamera gehalten: Hans-Peter de Lorent erinnert sich an seinen Prozess

Bilder aus alten Zeiten: Hans-Peter de Lorent erinnert sich an seinen Prozess Foto: Miguel Ferraz Araujo

Als das Buch erschien, gab’s ziemlichen Wirbel. Die Bild entschlüsselte in ihrem Bericht die verfremdeten Namen. Gut, die waren alle ziemlich nah am Original. Ich hab den Schulleiter Kurzmann genannt, in Wahrheit hieß der Langen. Der Regierungsdirektor, der das Verfahren gegen mich betrieb, hieß Delius, in meinem Roman heißt er Delirius. Der Schulsenator regte sich auf, die Behörde zeigte mich an und ein Staatsanwalt fand 34 Beleidigungen in meinem Buch. Der Protagonist etwa beschreibt den Schulleiter als eine Mischung aus Unverschämtheit und Dummheit, Delirius nennt er in seiner Wut eine „alte Ratte“.

Die Richterin las den Roman vor

1980 kam es zum Prozess. In der ersten Sitzung las die Richterin den Roman vor, das dauerte viereinhalb Stunden. Von Sitzung zu Sitzung kamen mehr Leute, um das Spektakel zu verfolgen, Spiegel und Stern stiegen in die Berichterstattung ein. Der Effekt war, dass es eine große gesellschaftliche Anklage gegen die Berufsverbote gab. Jeder normale Mensch dachte sich ja: „Was ist das für eine Art, mit jungen Lehrern umzugehen?“

Die jungen Kollegen überlegten sich zwei Mal, ob sie Bertolt Brecht im Unterricht machten, obwohl das im Lehrplan stand

Die Angst unter den jungen Kollegen war trotzdem groß, auch wenn man ihnen keine Mitgliedschaft vorwerfen konnte. Die überlegten sich zwei Mal, ob sie Bertolt Brecht im Unterricht machten, obwohl das im Lehrplan stand. Ich habe das natürlich gemacht, ein halbes Jahr lang, ich hatte keine Lust, mich einschränken zu lassen. Beim Elternabend hat sich dann ein Vater beschwert: „Gibt’s auch noch was anderes als Brecht?“

Ich bin dann freigesprochen worden. Das Senatsamt ging aber in Berufung. Am 10. Mai 1983, genau am 50. Jahrestag der Bücherverbrennung, wurde ich dann endgültig freigesprochen. Zwei Wochen später bekam ich mitgeteilt, dass ich verbeamtet würde. Da habe ich kurz überlegt, ob ich kündige.

Der andere Prozess, in dem ich gegen meine Entlassung vorging, hatte sich mit meiner Verbeamtung erledigt. Aber der Effekt zu zeigen, was man mit jungen Lehrern macht, die aus den Unis in den Schuldienst kommen, ist geglückt, weil die andere Seite so blöd war, das Fass mit der Beleidigung aufzumachen.

Sprung in die Schulbehörde – ausgerechnet

Später wurde ich Abgeordneter der Bürgerschaft für die Grünen und Gewerkschaftsvorsitzender. Dann habe ich noch einen Sprung in die Schulbehörde gemacht – ausgerechnet. Damals regierten die Grünen in Hamburg mit der CDU. Die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch fragte mich, ob ich den Planungsstab der Schulreform leiten wollte. Ein Volksentscheid, initiiert von den Eltern aus Blankenese, kippte die Reform für ein integrativeres und gerechteres Schulsystem später leider. Aber mein Büro im Planungsstab war genau neben dem Senatorinnenbüro, indem ich 1974 meine Anhörung beim Schulsenator gehabt hatte. Ironie der Geschichte: Das war eigentlich Feindesland.

Rückblickend haben mich die ganzen Schikanen nicht klein und kaputt gemacht, sondern in meiner Haltung bestärkt. Ich bin eigentlich ein antiautoritärer Typ, obwohl ich als leitender Oberschulrat pensioniert wurde. Ich habe auch Referendare ausgebildet, am Schluss las ich ihnen zuweilen aus „Hexenjagd“ vor. Mein Ziel war, Leute zur Zivilcourage zu ermutigen. Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Ich war allerdings vergleichsweise privilegiert, weil ich arbeiten durfte, während andere Betroffene keine Chance hatten, sich zu beweisen. Das lag einfach daran, dass sie nicht alle rausschmeißen konnten. Die, die gar nicht erst reinkamen, hatten die schlechtere Position, obgleich die Maschinerie aus Intrigen, Verfolgung und Überprüfungen im Schuldienst auch kein Spaß war.

Ich bin der Meinung, dass jeder, dem man keine konkreten Verstöße gegen das Grundgesetz nachweisen kann, die Möglichkeit haben muss, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Ob Björn Höcke Lehrer sein darf, da bin ich sehr skeptisch, es gibt viele Gründe zu sagen, er überschreitet deutliche Grenzen. Aber etwa eine AfD-Mitgliedschaft allein ist kein Grund. Schräge Typen mit absurden Positionen gibt es überall, sie sind nicht alle Verfassungsgegner.

Radikal zu sein bedeutet für mich, an die Wurzeln zu gehen und etwa eine grundlegende Kritik am Kapitalismus zu äußern, an der Verteilung von Wohlstand, den sozialen Verhältnissen. Ich erwarte vom Staat mehr Geduld und Akzeptanz und mehr Entwicklungsmöglichkeiten für junge Leute. Dass man eine radikale Meinung vertritt, kann ich nur gut finden. Viel kritischer sehe ich völlig angepasste junge Leute, die wie Lemminge dem hinterherlaufen, was ihre Elterngeneration predigt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de