Berliner Kinder- und Jugendtheater: Mit der DDR am Tisch
Plötzlich sitzt man im geteilten Deutschland: Mit der Inszenierung „Splitter“ macht das Theater Strahl DDR-Geschichte für junges Publikum greifbar.
„Jetzt mal Real Talk: Ich geh’ nicht auf die Bühne“, raunt es aus den hinteren Reihen, während sich der Saal bis auf den letzten Platz füllt. Die Bühne, das sind ansteigende Podeste und leere Stühle, wie ein Spiegel des Zuschauerraums, in den man von gegenüber blickt. Eine stumme Aufforderung. Zögerlich nehmen Vereinzelte dann doch auf der Bühne Platz, umspielt von den drei Schauspieler:innen des Abends, die umtriebig bunte Plastikbecher verteilen.
In einer ehemaligen Turnhalle am Ostkreuz hat das Theater Strahl, eine der Kiezbühnen für junges Publikum, seit nunmehr drei Jahren seine Spielstätte. Die angrenzende Jugendherberge sei zu DDR-Zeiten eine Ostberliner Schule gewesen, in der Russisch unterrichtet wurde und rote Pionierfähnchen geschwungen wurden, erfährt man im Stück von Schauspielerin Yasmina Hempel. Was hat das mit einer jungen Generation zu tun, in deren Wahrnehmung die DDR nicht mehr und nicht weniger ist als ein Land, das es nicht mehr gibt?
Wieder am 18., 28. und 29. April im Theater Strahl
Zwischen komödiantischem Musiktheater und dokumentarischer Spurensuche zerlegt Regisseurin Anna Vera Kelle in „Splitter“ die deutsch-deutsche Vergangenheit in ihre Bestandteile. In wechselnden Rollen werden Erinnerungen, Zeitzeugnisse und letztlich auch das Publikum neu zusammengesetzt. Etwas befremdet sitzt man sich in der Inszenierung gegenüber und beäugt, was die „da drüben“, jenseits einer Mauer aus aufgetürmten Tischen, so machen. Zum Beispiel besagte rote Pionierfähnchen durch die Luft wedeln, die ihnen die Schauspieler:innen Jana Heilmann, Yasmina Hempel und Marcus Thomas beschwingt in die Hand drücken: „Und, wärt ihr zu den Pionieren gegangen?“
Was wäre, wenn
Das Leben in der DDR, so will es die Inszenierung vermitteln, war mehr als Unterdrückung. Also wird Nina Hagen gesungen und Klarinette gespielt, der duftende Pflaumenkuchen und die Beschaulichkeit eines Landes gelobt, das nur sich selbst hatte. Was auf den ersten Blick klischeehaft, ja fast verklärend heiter wirkt, zeigt sich dann doch überraschend vielschichtig: Denn moralische Entscheidungen überlässt die Inszenierung dem Publikum.
Durch Was-wäre-wenn-Gedankenspiele und Szenen, in denen man plötzlich selbst zur Protagonistin wird, vermittelt der Abend ein feinsinniges Gespür dafür, was es bedeutet, in einem autoritären Regime zu leben. Etwa, wenn gefragt wird: „Würdest du deine große Liebe besuchen, wenn eine Mauer euch trennt?“ Wer zustimmt, soll aufstehen. Immer drängender wird das Spiel, bis es sich erschreckend real anfühlt: „Würdest du für die große Liebe dein Leben riskieren?“ Am Ende steht niemand mehr. Was bleibt, ist das Unbehagen.
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