Berlinale antwortet auf Gaza-Vorwürfe: Der Bandbreite an Perspektiven gerecht werden
Mehrere Filmstars warfen der Berlinale vor, sich nicht ausreichend zum Gazakrieg zu positionieren. Die Festivalchefin Tricia Tuttle weist das zurück.
dpa/taz | Die Berlinale hat auf einen offenen Brief von Filmschaffenden reagiert und den Vorwurf zurückgewiesen, kritische Stimmen zum Krieg im Gazastreifen zu zensieren. Es stimme nicht, dass sie Filmemacher „zum Schweigen gebracht“ oder „eingeschüchtert“ hätten, sagte Festivalchefin Tricia Tuttle der Deutschen Presse-Agentur.
Das Branchenblatt Variety hatte zuvor einen Text veröffentlicht, in dem rund 80 Filmschaffende der Berlinale eine mangelnde Positionierung im Gazakrieg vorwerfen. Unterzeichnet wurde der Brief etwa von Schauspielerin Tilda Swinton („The Room Next Door“) und Schauspieler Javier Bardem („F1“).
Der Brief habe sie überrascht und es sei „unglaublich hart“ gewesen, ihn zu lesen, sagte Tuttle. Einige der Unterzeichner kenne sie und sie habe sich gewünscht, dass sie sie zuerst kontaktiert hätten, um über einige Behauptungen zu sprechen.
Dazu gehört auch Schauspielerin Swinton, die 2025 den Goldenen Ehrenbären der Berlinale erhalten hatte. „Wie bei den anderen Leuten war ich enttäuscht, dass wir vor der Unterzeichnung des Briefes nicht miteinander sprechen konnten. Ich werde auf jeden Fall ein Gespräch darüber führen.“
Position von Tuttle
In dem Brief erklären Künstlerinnen und Künstler etwa, sie seien entsetzt über das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“. Israel streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen. Das ist auch die Position der Bundesregierung.
Zur Frage, wie ihre Position sei, sagte Tuttle, sie sei zutiefst betroffen über den Verlust von Menschenleben in der Zivilbevölkerung. „Ich fordere Israel nachdrücklich auf, sich an das Völkerrecht zu halten. Ich bin auch der Meinung, dass die Regierungen und Partner Israels dafür sorgen müssen, dass sie sich an das Völkerrecht halten, um das Leben der Zivilbevölkerung zu schützen.“ Aber dies sei eine komplexe Angelegenheit. „Es ist keine Angelegenheit, deren Komplexität und Sensibilität man in einem kurzen Statement vermitteln kann.“
„Wir wissen, dass die Darstellung von Menschen als ‚propalästinensisch‘ oder ‚proisraelisch‘ die komplexe Bandbreite an Perspektiven verengt und den Diskussionen, die wir über eines der schwierigsten und polarisierendsten Themen unserer Zeit führen müssen, nicht gerecht wird“, sagte Tuttle. „Ich halte es für sehr gefährlich, wenn das Festival Stellung bezieht, weil es damit Raum nimmt und Menschen signalisiert, dass sie nicht zu dieser Diskussion eingeladen sind und ihre Meinung nicht äußern dürfen.“
Position von Wim Wenders
Die Unterzeichner des Briefs hatten auch Jurypräsident Wim Wenders kritisiert, der bei einer Pressekonferenz nach einer Positionierung zum Nahostkonflikt befragt worden war. Der Regisseur („Perfect Days“, „Paris, Texas“) sagte, die Jury könne sich nicht auf das Feld der Politik begeben. Filmschaffende müssten sich aus der Politik heraushalten, sie seien ein Gegengewicht zur Politik. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy kritisierte das und sagte ihre Teilnahme ab.
Tuttle stellte sich hinter Wenders und sagte, es sei nur ein Ausschnitt aus seinen Aussagen herausgegriffen worden, was sie traurig mache. „Denn dieser Mensch zeigt seit 50 Jahren mit unglaublichen Filmen eine immense Empathie für die Menschen. Er hat uns Menschen sehen lassen, die vielleicht sonst unsichtbar geblieben wären. In seinen Werken steckt immer ein politisches Element“, sagte sie.
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