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Hamburg-Wilhelmsburg, ein Stadtteil, der von der IBA geprägt wurde: Ein Wandgemälde, das auf dem Energiebunker gemalt wurde Foto: Timo Knorr

Berlin will dritte IBA ausrichtenBauklötzchen staunen

Internationale Bauausstellung: Was kann ein solches Format heute noch bewirken? Und wer hat dabei das Sagen? Da hilft auch ein Blick nach Hamburg.

Uwe Rada
Gernot Knödler

Aus Berlin und Hamburg

Uwe Rada und Gernot Knödler

D ie Admiralstraße in Berlin-Kreuzberg ist für die Feierwütigen der Durchgang zum Glück. An lauen Sommerabenden zieht es sie vom Kottbusser Tor zur Admiralbrücke am Landwehrkanal. Bis in die Puppen wird zum Ärger der Anwohner getrunken, musiziert, gelacht. Es ist die Kehrseite einer wiederbelebten Innenstadt.

Dass der Kreuzberger Kiez wieder voller Leben ist, geht auf die achtziger Jahre zurück. Ein radikales Umdenken hatte damals die Baupolitik in Westberlin erfasst. Statt der geplanten Kahlschlagsanierung lautete die Devise in Kreuzberg fortan: Lückenschließung und Instandsetzung.

Verantwortlich für dieses Umdenken waren nicht nur Stadtteilinitiativen und HausbesetzerInnen, die sich lautstark gegen den Flächenabriss wehrten. Es war auch eine ungewöhnliche Zusammenarbeit mit dem Senat und dem Bezirk unter dem Dach einer Internationalen Bauausstellung, kurz IBA.

„Mit der IBA hat die Verwaltung gelernt, neue Wege zu gehen und zu experimentieren“, erinnert sich Franziska Eichstädt-Bohlig, Mitgründerin des alternativen Sanierungsträgers Stattbau und später grüne Baustadträtin in Kreuzberg. Für die neuen Wege gibt es seit der Internationalen Bauausstellung 1987 einen Begriff: behutsame Stadterneuerung.

Darüber hinaus habe die internationale Aufmerksamkeit durch die Bauausstellung Berlin den Ruf eingebracht, wohnungspolitisch eine ganz besonders engagierte Stadt zu sein, sagt Eichstädt-Bohlig.

Auch in der Admiralstraße ist das zu sehen. Mit dem „Wohnregal“, einer schlichten Bebauung einer Kriegslücke, hat eine Genossenschaft gezeigt, dass Neubau kein Privileg für Investoren ist. Vielleicht ist das die gute Nachricht bei all dem sommerlichen Lärm. Die Anwohner, die genervt sind, sind nicht verdrängt worden. Sie sind immer noch da.

Neue IBA mit vielen Fragezeichen

Nun soll es nach der Interbau im Hansaviertel 1957 und der IBA 1987 eine neue Internationale Bauausstellung in Berlin geben. Das hat der CDU-SPD-Senat im März beschlossen. Der Titel der von 2034 bis 2037 geplanten Ausstellung ist allerdings weniger griffig als damals die behutsame Stadterneuerung in Kreuzberg. Er lautet „Urbane Transformation der gebauten Stadt“.

„Wir wollen Berlin national und international als Standort für zukunftsfähigen Städtebau positionieren“, erklärte Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) das Vorhaben. „Zentrale Arbeitsfelder sind der sensible Weiterbau bestehender Quartiere, der Umbau untergenutzter Räume und Gebäude sowie der Neubau auf bislang anders genutzten Flächen.“

Franziska Eichstädt-Bohlig überzeugt das noch nicht so ganz. „Natürlich gibt es bei vielen eine große Sehnsucht, in Berlin wieder neue Wege zu gehen und die Themen Klima, Umbau, Boden, Entsiegelung, Wasser beispielhaft in Angriff zu nehmen“, sagt sie der taz.

Auf der anderen Seite gebe es aber auch Verbände, die die Hoffnung hegen, dass die IBA ein Booster für die Bauwirtschaft wird. „Da schwelt im Hintergrund ein großer Machtkampf um die Ausrichtung der IBA, der noch nicht entschieden ist“, hat Eichstädt-Bohlig beobachtet.

IBA im ländlichen Raum

Lange haben sie in Weimar darüber nachgedacht, wie die Internationale Bauausstellung IBA in Thüringen zu nennen sei. Große Städte, die mit spektakulären Bauprojekten glänzen, gibt es nicht im Flächenland – also wurde aus der Not eine Tugend gemacht. Die IBA, die 2023 nach elf Jahren abgeschlossen wurde, hieß kurzerhand wie diese Seiten in der wochentaz: Stadtland.

Von Thüringen lernen, hat sich IBA-Chefin Marta Doehler-Behzadi vorgenommen. „Wir wollen die Frage stellen, wie ein Bundesland, das demografisch unter einem riesigen Druck steckt, Wege in die Zukunft finden kann.“ Vor allem in ländlichen Räumen fanden dann die Projekte statt.

Zum Beispiel im Schwarzatal, einer lieblichen Landschaft im Süden Thüringens, an der Grenze zu Bayern. Viele sind seit der Wende abgewandert. Ein Nachwende-Zonenrandgebiet, in der die Zivilgesellschaft aber noch intakt war. „Resilientes Schwarzatal“ hieß das Projekt, es war der Versuch der Dörfer und Städte entlang der Schwarza und Saale die gewachsene Landschaft zu erhalten und dennoch zukunftsfähig zu machen.

Zum Beispiel durch den punktuellen Aufbau einer touristischen Infrastruktur. Also wurde der leerstehende Bahnhof in Rottenbach saniert. Im „Tor ins Schwarzatal“ wird seit 2019 ein BahnHofladen betrieben.

Landumbau in der Lausitz

Landumbau statt Stadtumbau war 2010 das Thema der IBA-Fürst-Pückler-Land in Brandenburg. Noch bevor in der Lausitz vom sprichwörtlichen Strukturwandel die Rede war und viel Geld floss, setzte IBA-Chef Rolf Kuhn darauf, die Lausitz auf das postfossile Zeitalter vorzubereiten, ohne ihren industriellen Charakter zu leugnen.

Misst man eine IBA daran, ob es gelingt, die Menschen mitzunehmen? Oder daran, früh schon Themen zu setzen, auch wenn sie erstmal schräg anmuten? Zumindest letzteres ist in der Lausitz gelungen. Die F60 in Lichtenfels, einst größte Förderbrücke der Welt, ist längst eine Attraktion. Nach dem Bergbau kommt der Tourismus.

Was nicht kam, sind die schwimmenden Häuser in der Lausitzer Seenlandschaft. Rechtliche Probleme. Auch eine IBA, so experimentell sie sein mag, kann die deutsche Bürokratie nicht außer Kraft setzen.

Was tun, wenn so viele gehen und kaum mehr einer kommt? Wie reagiert eine IBA auf eine schrumpfende Region? Das war das Thema der „IBA Stadtumbau“ in Sachsen-Anhalt. Ziel war es bis 2010 dem Aderlass mit geschärften Profilen der Schrumpfstädte zu begegnen – und so eine Art Markenkern herauszuschälen.

In Magdeburg wandte sich die Stadt mit zahlreichen Projekten wieder der Elbe zu. In Dessau wurden „Stadtinseln“ identifiziert, städtische Kerne, zwischen denen auch gegärtnert werden durfte.

Andere Städte wie Aschersleben wurden bis auf den Kern zurückgebaut. Nimmt man so die Menschen mit? Durch Gesundschrumpfen? Oder bleibt am Ende die Erfahrung von Veränderung als Verlust?

Diese existentiellen Fragen zu vermitteln, ist vielleicht mit einer Land-IBA noch schwieriger als in Berlin oder Hamburg. Uwe Rada

Die Skepsis ist nicht geringer geworden, nachdem der Senat auch verraten hat, wo sich die einzelnen Projekte einer neuen IBA konzentrieren könnten. Es ist der Berliner S-Bahn-Ring, das Scharnier zwischen der kulturell grün geprägten, von eben einem S-Bahn-Ring umschlossenen Innenstadt und dem eher von der CDU dominierten Stadtrand.

Dort, wo die stadtauswärts führenden Radialen auf den Ring treffen, sieht Gaebler großen Transformationsbedarf. Die Rede ist dabei von einer „symbolischen Überwindung dieser Schwelle unterschiedlicher Lebenswelten“, aber auch vom Wunsch, „schlafende Riesen“ zu wecken.

Ist es Zufall, dass die Berliner CDU ausgerechnet an diesen Scharnieren neue Hochhäuser bauen will?

Ist es Zufall, dass die Berliner CDU ausgerechnet an diesen Scharnieren neue Hochhäuser bauen will? „Radikal vertikal – Hochhäuser als Leuchttürme der Stadtentwicklung“, lautet ihr Plan für ein neues Hochhausleitbild für Berlin. Als räumliche Schwerpunkte werden neben dem Alexanderplatz im Osten der Stadt und der City West auch „der S-Bahn-Ring mit großen überörtlichen Stadtstraßen“ genannt.

Politische Unterstützung bekommt die CDU vom einflussreichen Architekten- und Ingenieurverein (AIV). „Besonders die geplante räumliche Fokussierung entlang des S-Bahn-Rings bewertet der AIV positiv“, teilte nach dem Senatsbeschluss Vorstand Tobias Nöfer mit. „Die Entwicklung dieser bestens erschlossenen Übergangsräume zwischen innerer und äußerer Stadt könnte dazu beitragen, bestehende Barrieren zu überwinden, Quartiere besser zu vernetzen und neue qualitätsvolle Lebensräume zu schaffen.“

Von der IBA geprägt: Hochhäuser, Skaterpark und daneben die Autobahn Foto: Timo Knorr

Franziska Eichstädt-Bohlig sagt dazu: „Eine IBA, die entlang des S-Bahn-Rings nur neue Hochhäuser bauen will, kann man in die Tonne treten.“ Stattdessen fordert sie, ähnlich wie 1987 in Kreuzberg, das Thema Mieten und Bauwende in den Fokus zu rücken. „Warum macht Berlin keine ‚Klima-IBA‘?“, fragt sie.

Hamburgs Sprung über die Elbe

Um zu sehen, was eine IBA zum Thema Klima bewirken kann, lohnt es sich, auf den ehemaligen Flakbunker in der Rotenhäuser Straße in Hamburg-Wilhelmsburg zu steigen. Das ist ein 40 Meter hoher Betonklotz aus dem Zweiten Weltkrieg – so massiv, dass die Briten darauf verzichteten, ihn komplett zu sprengen, und nur das Innere zerstörten.

Heute ist der Bunker wieder begehbar. Von seinem umlaufenden Balkon lässt sich der gesamte Stadtteil überschauen. Ein Teil der meterdicken Betonwand ist aufgeschnitten für die Glasfassade eines Cafés. Das Dach überspannt eine Solarthermieanlage, die Südseite ist mit Photovoltaik überzogen, und im Inneren befindet sich ein Wassertank mit zwei Millionen Litern. Er puffert das Nahwärmenetz des anschließenden Wohnviertels.

Was eine IBA beim Thema Klima bewirken kann? Da lohnt es, auf den ehemaligen Flakbunker in Wilhelmsburg zu steigen

Die IBA Hamburg sei ein Labor gewesen, wo sich auf engstem Raum alles Mögliche an Technologie ausprobieren ließ, erinnert sich Joel Schrage, der an der damaligen Planung beteiligt war. „Heute hat Wilhelmsburg in großen Teilen die Möglichkeit, regenerative Wärme zu beziehen – das wäre ohne den damaligen Input nicht möglich“, sagt Schrage, der heute für die kommunalen Hamburger Energiewerke (HEnW) ähnliche Projekte realisiert.

"IBA Nein danke": IBA-Kritik (in den Fenstern) ist sehr subtil in Wilhelmsburg zu finden, hier im Otterhaken im Reiherstiegviertel Foto: Timo Knorr
Hamburg-Wilhelmsburg: die Brücke vor der Atelierhaus 23 am Veringkanal wurde im Rahmen der IBA gebaut Foto: Timo Knorr

Die IBA von 2006 bis 2013 sollte zeigen, wie eine Großstadt die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts meistern kann: Neben dem Klimawandel gehörten dazu die Themen „Kosmopolis“, die Stadt in der Globalisierung und „Metrozonen“, die inneren Stadtränder.

Wilhelmsburg liegt als Elbinsel zwischen der Innenstadt und Harburg, zwischen dem Hafen mit seinen Industrie- und Umschlagbetrieben auf der einen und feuchten Marschwiesen auf der anderen Seite. Der Stadtteil ist geprägt von Einwanderern. Hier gibt es Gründerzeitviertel ebenso wie Einzelhaus- und Hochhausquartiere, von denen einige vor der IBA ziemlich heruntergekommen waren. Eine mehrgleisige Bahnlinie, eine Autobahn und eine Schnellstraße durchschnitten den Stadtteil. Wer hier wohnte, verschwieg es bei Bewerbungen.

Dass es zu der Bauausstellung kam, geht auch auf die Zivilgesellschaft auf der Elbinsel zurück, die sich mit dem Zustand nicht abfinden wollte. „Wir wollten erreichen, dass dieser Zug zum Rechtsradikalismus gebremst wird“, erinnert sich Michael Rothschuh, der die IBA als engagierter Bürger begleitet hat, mit Blick auf den damaligen Erfolg der Rechts-außen-Partei Rechtsstaatliche Offensive des Richters Ronald Schill. Das sei gelungen, wie sie auch insgesamt das Image des Stadtteils verbessert habe. „Man wird nicht mehr blöd angeguckt, wenn man aus Wilhelmsburg kommt“, sagt Rothschuh.

Wichtig sind öffentliche Mittel

Stadtplanerisch legte es die bereits im Bau befindliche Hafencity nördlich der Elbe nahe, diese Entwicklung nach Süden weiterzutreiben. Die Rede war vom „Sprung über die Elbe“, der dann als springendes Männchen auch zum Logo der IBA wurde. Zudem hatte der Senat bereits für das Jahr 2013 eine Internationale Gartenschau geplant, mit der sich eine IBA verbinden ließ. Trotzdem war das Projekt kein Selbstläufer. „Am Anfang gab es kaum Investoren, die Interesse hatten“, erinnert sich Sabine de Buhr. Sie war die städtebauliche Leiterin der IBA während der Projektzeit und bekleidet diese Funktion auch heute noch in der städtischen Projektgesellschaft, in die die IBA-Gesellschaft übergegangen ist.

In die Bresche sprangen zunächst Bauherren wie das städtische Wohnungsunternehmen Saga. Mit einem Etat von 90 Millionen Euro gelang es der IBA-Gesellschaft aber, eine Vielzahl von Projekten anzuschieben und Aufmerksamkeit in den Stadtteil zu lenken. Nach eigenen Angaben hat sie private Investitionen im Umfang von 700 Millionen und öffentliche Investitionen von 300 Millionen Euro ausgelöst.

Baumaßnahmen auf der Strecke der alten Reichsbahnstraße in Hamburg-Wilhelmsburg Foto: Timo Knorr

„Ohne öffentliches Geld zur Qualifizierung und Förderung investiver Maßnahmen haben es IBAs schwer“, sagt de Buhr mit Blick auf den Etat. Uli Hellweg, der Kurator der Hamburger IBA, weist darauf hin, dass schon vor der IBA viel öffentliches Geld nach Wilhelmsburg geflossen sei. „Die Bauausstellung hat es aber ermöglicht, öffentliche Mittel koordiniert und konzentriert einzusetzen.“

Aus ihrem Etat bezuschusste die IBA Extras, die sich nicht gerechnet hätten, etwa weil sie zu neu, zu aufwendig oder zu experimentell, sprich riskant gewesen wären. Zu sehen war das in der „IBA in der IBA“, einem Cluster experimenteller mehrstöckiger Wohngebäude. Es entstanden Häuser in einem See mit eigenem Bootssteg, ein Holzhaus und das Algenhaus mit einer Fassade aus Glasröhren mit CO2-fressenden Algen, die Wärme und Biomasse erzeugen, aus der wiederum Strom gemacht wird.

Nach Abschluss der Arbeiten konnten die alten Bewohner zu minimal erhöhten Warmmieten wieder einziehen

Bei ihren Projekten versuchten die IBA-Macher jeweils mehrere Themenfelder abzudecken. Neben dem Energiebunker wurden für dessen Nahwärmenetz die alten Arbeiterhäuser eines ganzen Straßenzugs klimafreundlich saniert. Nach Abschluss der Arbeiten konnten die alten Bewohner zu minimal erhöhten Warmmieten wieder einziehen. In das Nahwärmenetz speisen die benachbarten Nordischen Oelwerke ihre Abwärme ein. Die Nachbarschaft der Oelwerke leide zwar noch immer unter deren Geruch, sagt de Buhr. Unterm Strich steht für sie aber ein Erfolg: „Wir haben es geschafft, dass diese Nutzungen nebeneinander bestehen bleiben.“

Den Straßenzug am Energiebunker titulierten die Planer „Weltquartier“, weil hier Menschen aus 30 verschiedenen Nationen wohnten. „Das Thema ‚Kosmopolis‘ wurde immer im Kontext von Problemen verhandelt“, sagt Stadtplanerin Sabine de Buhr. „Wir haben versucht, das im Kontext von Stärke zu betrachten.“ Das Viertel wurde nicht nur energetisch saniert, sondern im Rahmen einer „interkulturellen Planungswerkstatt“ nach den Ideen der Bewohner umgestaltet.

Mit Blick auf die multikulturelle Nachbarschaft wurde unweit des Energiebunkers ein Sprach- und Bewegungszentrum gebaut, basierend auf dem Gedanken, dass sich Sprachen in Verbindung mit Bewegung leichter lernen lassen. Allerdings ist das Konzept zurzeit nicht mit Leben gefüllt. Die Räume werden wie eine einfache Sporthalle genutzt. Etwas mehr bietet die Tor-zur-Welt-Schule, mit der der Versuch unternommen wurde, eine Schule zu einem Bildungszentrum für den Stadtteil zu machen, das auch die Eltern anspricht.

Klar ist aus Sicht ehemals Beteiligter, dass die Fokussierung auf das Präsentationsjahr eine besondere Dynamik erzeugt hat. „Es ist ein begrenzter Zeitraum, in den man ganz viel Kraft investiert“, sagt de Buhr. Der begrenzte Zeithorizont erzwinge eine enge Abstimmung zwischen den verschiedenen Akteuren und erhöhe deren Konsensfähigkeit, sagt auch Energieplaner Schrage. „Es wäre wünschenswert, wenn diese Art der Zusammenarbeit auch im Normalbetrieb funktionieren könnte.“

Ohne die IBA wäre es wohl auch nicht zu einer Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße gekommen, einer Kraftfahrstraße mitten durch den Stadtteil. Rechtzeitig zum Präsentationsjahr wurde das Planfeststellungsverfahren für eine Bündelung mit der Bahnlinie Hamburg–Hannover abgeschlossen. Zwar kam der Vorschlag einer Verlegung ursprünglich aus dem Stadtteil – das Ergebnis stieß dennoch auf Kritik. Denn statt einer Herabstufung der Schnellstraße, wie sie etwa Rothschuh vom Verein Zukunft Elbinsel gefordert hatte, wurde die verlegte Straße gemäß den heutigen Vorschriften sogar noch breiter. Im Gegenzug hat die Straße jedoch Platz gemacht für drei Quartiere mit 5.000 Wohnungen.

Wie viel Zivilgesellschaft will Berlin haben?

Hamburgs ehemaliger IBA-Chef Hellweg begleitet als Vorstandsmitglied des Werkbunds Berlin auch die Pläne für die neue IBA in Berlin. Dort nämlich sieht Hellweg „große Bereiche, wo die Stadtentwicklung stockt und Potenziale nicht richtig genutzt werden“.

Den Berliner Planern empfiehlt er, nicht nur auf Hamburg zu schauen, sondern auch aus den Erfahrungen der beiden Berliner Bauausstellungen zu lernen.

Sehr wichtig für den Erfolg sei die „IBA-Governance“, also eine gute Entscheidungs- und Organisationsstruktur. Nötig sei auch Experimentierfreude und das Sicheinlassen auf die Fragen der Zeit wie Zirkularität und Biodiversität. Da ist Hellweg ganz bei Franziska Eichstädt-Bohlig.

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Ein gewisses Scheitern erkennt Hellweg in Hamburg bei der Aufgabe, das Erbe der IBA zu bewahren. „Am meisten tut mir das beim Thema erneuerbares Wilhlemsburg weh“, sagt Hellweg. Da wäre aus seiner Sicht mehr drin gewesen. Sosehr eine IBA einen Vorlauf brauche, so nötig sei daher auch ein Post-IBA-Prozess.

Für Theresa Keilhacker ist neben der kuratorischen Leitung auch entscheidend, wer eigentlich die Akteure der neuen Internationalen Bauausstellung in Berlin sein werden. „Berlin ist eine Stadt, in der zivilgesellschaftliche Initiativen und Genossenschaften überaus aktiv sind“, sagt die ehemalige Präsidentin der Berliner Architektenkammer, die auch bei Architects for Future aktiv ist. „Diese Akteure müssen unbedingt in die Planung eingebunden werden“, fordert sie.

Thematisch schlägt Keilhacker vor, das „zirkuläre Bauen“ – also die Wiederverwendung von Rohstoffen – zum Vergabekriterium für alle Projekte zu machen. Darüber hinaus müsse auch der Berliner Umgang mit Wasser stärker thematisiert werden. „Da geht es um Klimaresilienz durch Schwammstadtprojekte und die Anhebung des Grundwasserspiegels durch sparsameren Umgang, etwa durch Brauchwassernutzung.“ Städtebaulich müsse darüber hinaus der Kulturraum Wasser besser erfahrbar werden, etwa durch durchgängige Wege entlang der Spree und anderer Gewässer.

Ob dafür der politische Wille vorhanden ist?

Ob dafür der politische Wille vorhanden ist? Das Konzept, das der Senat beschlossen habe, schließe die Einbindung von Akteuren aus der Zivilgesellschaft und solche Themen nicht aus. „Es könnte aber auch in die andere Richtung gehen“, fürchtet Keilhacker. Skeptisch ist sie vor allem, weil die Finanzierung vor allem durch private Investoren erfolgen soll. Die aber sind, ähnlich wie die Verwaltung, weniger experimentierfreudig. Anders als Hamburg hat der Senat bislang nur 70 Millionen Euro für die IBA veranschlagt.

Keilhackers Plädoyer für mehr Beteiligung von unten hat eine Initiative aus Berlin-Friedrichshain bereits aufgegriffen. „Das SEZ ist ein prototypischer Ort für die IBA“, sagt der Architekt Pedro Moreira vom Zusammenschluss Baustelle Gemeinwohl. „Hier kommen die Fragen, welche die Internationale Bauausstellung beantworten will, zusammen wie nirgendwo sonst in der Stadt.“

Das 1981 eröffnete Sport- und Erholungszentrum (SEZ) war wie der Palast der Republik einst ein (beliebter) Prestigebau in der DDR mit Wellenhallenbad, Restaurants, Kabarett, Tanzveranstaltungen.

Nach der Wende dagegen wurde es zum Spekulationsobjekt. Ein Investor kam den Verpflichtungen nicht nach, den in die Jahre gekommenen Komplex zu sanieren. Dem folgte ein langer Rechtsstreit, in dessen Folge das Land Berlin das Gelände zurückbekam.

Ende gut, alles gut? Ganz und gar nicht, findet die Initiative, die sich für den Erhalt des SEZ einsetzt. Denn der Berliner Senat will es abreißen und stattdessen 500 neue Wohnungen bauen. Einen Teilabriss hat jüngst aber der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gestoppt – wegen artenschutzrechtlicher Bedenken.

Für die Initiative könnte der Berliner IBA-Beschluss ein Glücksfall sein. „Im SEZ kann die IBA Berlin als beteiligende Ausstellung eines laufenden Prozesses sofort Gestalt annehmen“, sagt der Architekt Florian Köhl. „Im Jahr 2034 wird dann ein präsentabler Höhepunkt erreicht, der als Publikumsmagnet im Konzept der IBA wichtig sein wird.“

Sogar die Geschäftsstelle der Internationalen Bauausstellung könne im SEZ untergebracht werden, heißt es vonseiten der Initiative. Die wird nicht nur von Berlins ehemaliger Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) unterstützt, sondern auch von Theresa Keilhacker.

„Wenn wir über Kreislaufwirtschaft sprechen, müssen wir beim Bestand anfangen“, sagt Keilhacker. „Das kann am SEZ exemplarisch gezeigt werden.“

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