Axel Springer Award für Peter Thiel: KI-Bewunderung ohne kritische Distanz
Die Verleihung des Axel Springer Awards an Peter Thiel zeigt: Manche Medien werden die „KI-Revolution“ nicht kritisch begleiten, sondern vorantreiben.
Foto: Gage Skidmore/imago
Der US-Tech-Unternehmer Peter Thiel soll im September den Axel Springer Award erhalten. Mit der Auszeichnung zeigt der Medienkonzern, dass er sich längst nicht mehr als Beobachter der „KI-Revolution“ versteht, sondern als ihr Verbündeter. Der Weg dahin ist lange bereitet: Einige der einflussreichsten Tech-Milliardäre wie Elon Musk, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg wurden bereits mit dem Award ausgezeichnet.
Springer nutzt künstliche Intelligenz im Unternehmensalltag bereits flächendeckend, denken wir etwa an die Kooperation mit OpenAI, dem Unternehmen hinter ChatGPT. Auch der KI-generierte Kommentar von Springer Chef Döpfner, als Reaktion auf einen depublizierten Kommentar von CDU-Ministerpräsident Mario Voigt in der FAZ, malt mit an einem klaren Bild: Springer will den technologischen Wandel hin zu künstlicher Intelligenz nicht nur begleiten, sondern vorantreiben.
Springer-Chef Döpfner forderte in der Welt schon 2023, die Chancen der KI zu „verstehen, umarmen und gestalten“. Wer den Fortschritt skeptisch betrachte, befinde sich auf dem „sichersten Wegweiser in den Untergang“. Und gegen die Überzeugung vieler Journalist:innen Menschen würden dauerhaft bessere Texte schreiben, sagt er: „Werden wir nicht“.
Natürlich dürfen Medienhäuser neue Technologien ausprobieren, und wenn wir uns der Nutzung von künstlicher Intelligenz völlig verwehren, kommen wir auch nicht weiter. Geschenkt auch, dass sie uns an einigen Stellen vielleicht sogar nervige Arbeiten erleichtern kann. Problematisch wird es dort, wo aus kritischer Distanz Bewunderung wird. Und dafür steht die Ehrung von Peter Thiel.
Antidemokrat und Transhumanist
Springer begründet die Verleihung des Award damit, Thiel habe „die Richtung technologischer Entwicklung mitbestimmt“. Döpfner lobt seine Fähigkeit, „gegen den Konsens zu argumentieren“ und „konsequent auf Innovation zu setzen“. In dieser Darstellung klingt Thiel wie ein Querulant und Wunderkind, dabei ist er einer der erfolgreichsten Ideologen des Silicon Valley. Seit Jahren vertritt er ein radikal libertäres Weltbild, zweifelt öffentlich an der Vereinbarkeit von Freiheit und Demokratie und verbreitet transhumanistisches Gedankengut, nach dem Menschen mithilfe von Technologie grundlegend verändert werden sollten.
Peter Thiel ist der Meinung, dass Staaten besser von Techgiganten als von Regierungen regiert werden könnten. Seine Ideen werden gehört: Unter anderem hat Jens Spahn kürzlich eingestanden, in den vergangenen Jahren an mehreren Netzwerktreffen von Thiel teilgenommen zu haben, bei denen auch andere hochrangige Vertreter*innen aus Wirtschaft, Politik und Kulturbranche zugegen waren.
Mit Palantir schuf Thiel eines der mächtigsten Unternehmen für staatliche Überwachung. Er ist außerdem einer der ersten finanziellen Unterstützer von Trumps Wahlkampf 2016 gewesen. Seit neuestem finanziert er auch Objection AI. Dabei handelt es sich um ein Start-up, das mithilfe von KI journalistische Berichterstattung bewerten, einen „Aufrichtigkeitsindex“ für Journalist:innen erstellen und im Wesentlichen menschliche Richter:innen ersetzen will – was von vielen als Einschüchterungsinstrument gegenüber investigativen Journalist:innen kritisiert wird.
Der Axel Springer Award für Peter Thiel sagt deshalb am Ende weniger über Peter Thiel aus als über Axel Springer selbst. Sollte ein Verlag, der sich die Meinungsfreiheit auf die Fahne schreibt – dem es sogar so wichtig ist, dass er sein Meinungsressort in „Meinungsfreiheits-Ressort“ umbenannt hat – das unfreie Weltbild von Thiel und den AI-Start-ups, in die er investiert, nicht kritisch betrachten? Wer KI vor allem als historischen Fortschritt erzählt und ausgerechnet einen ihrer mächtigsten ideologischen Vordenker mit einem der wichtigsten Verlagspreise ehrt, sendet ein Signal: Technologie ist nicht länger Gegenstand journalistischer Kontrolle, sondern Teil der eigenen Unternehmensidentität.
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