Autor Andrej Kurkow im Gespräch: „Wir Ukrainer sind hoch motiviert“

Andrej Kurkow glaubt fest an den Sieg über Putins Russland. Sein aktueller Roman „Samson und Nadjeschda“ blickt humorvoll in die Geschichte.

Autor Kurkow lächelt in die Kamera

Autor Andrej Kurkow gehört zu den prominentesten Stimmen seines Landes Foto: Julien Falsimagne/Leextra/opale/laif

taz am wochenende: Herr Kurkow, nach Russlands Überfall auf die Ukraine veröffentlichten wir Auszüge aus Ihrem Tagebuch. Sie berichteten von Ihrer dramatischen Flucht aus Kiew. Wie ist Ihre Situation heute?

Andrej Kurkow: Bis zum Sommer sind meine Frau und ich überwiegend in Uschgorod gewesen. Das ist im Westen der Ukraine, im Dreiländereck zu Slowakei und Ungarn.

Der Autor geb. 1961 in St. Petersburg. Lebt seit seiner Kindheit in Kiew. Schreibt in russischer Sprache. Der interna­tionale Durchbruch gelang ihm mit dem Roman „Picknick auf dem Eis“. Seit 2018 auch Präsident des PEN der Ukraine.

Das Buch „Samson und Nadjeschda“. Aus dem Russischen von Johanna Marx/ Sabine Grebing. Mit Illustrationen von Jurij Nikitin. Diogenes Verlag Zürich, 2022. 368 Seiten, 24 Euro

Warum dort?

Wir haben unsere Tochter in den ersten Kriegstagen hierher zur Grenze gebracht. Ein Freund hat uns dann eingeladen, hier bei ihm zu bleiben. Eine ältere Frau, eine Bekannte von ihm, hat uns den Schlüssel zu ihrer Wohnung gegeben. Sie selber war zu ihrer Tochter gezogen. Unser älterer Sohn hilft als Freiwilliger bei medizinischen Transporten.

In Uschgorod?

Ja. Die medizinische Lage in der Ukraine ist schwierig. Chronisch Kranke müssen aus der Ukraine über die Grenzen nach Deutschland oder Polen verlegt werden. Unser jüngerer Sohn ist aber inzwischen nach Kiew zurückgekehrt. Ebenso unsere Tochter, die einige Jahre in London gelebt hat. Sie wollen unbedingt in der Ukraine bleiben.

Und Sie wollen nicht zurück nach Kiew?

Für mich ist es anders. Von Uschgorod aus kann ich gut ins Ausland reisen. Mit dem Auto zu Veranstaltungen, in die Slowakei oder nach Rumänien. Und auch fliegen. Von Kiew ist das derzeit schwer möglich.

Als wir uns nach dem russischen Überfall schrieben, waren Sie auf dem Weg zu Ihrem Sommerhaus bei Kiew.

Damals wurde leider auch dort, bei Lazarivka, 90 Kilometer von Kiew entfernt, gekämpft. Im Nachbardorf von Lazarivka waren die Russen schon. Dieses Dorf wurde fast komplett zerstört. Es war zu gefährlich, um in der Region zu bleiben.

Seit 24. Februar herrscht Krieg in der Ukraine. Eine lange Zeit. Wie erleben Sie persönlich die Situation heute?

Erst einmal: ich bin sehr glücklich, dass die Ukraine weiter existiert und kämpft. Dass die ukrainische Armee es geschafft hat, Tausende Quadratkilometer zurückzuerobern und von Russland zu befreien. Aber es ist noch lange nicht zu Ende. Wohl erst mit Putins Tod. Er wird nicht aufgeben, er kann nicht mehr zurück.

Putin hat gerade die Teilmobilmachung ausgerufen.

Ich bin stolz Ukrainer zu sein. Wir Ukrainer sind hoch motiviert, unser eigenes Land zu verteidigen. Die russischen Soldaten haben außer Geld wenig Motivation. Und jetzt will das russische Regime viele neue Soldaten an die Front bringen, oft unter Zwang und schlecht ausgebildet. Es ist eine Tragödie. Sie sollten desertieren. Die Volksabstimmungen in den russisch besetzten Gebieten sind ein Witz. Sie wollen Ukrainer zwingen, auf Ukrainer zu schießen.

Haben Sie selber Schauplätze der Kämpfe besucht? Orte, aus denen die russischen Invasoren zurückgeschlagen wurden?

Nein, dieses Mal nicht. Nach dem vorherigen Krieg 2014 schon. Da war ich dreimal in Kriegsgebieten im Donbass und bin einmal die ganze Länge der Frontlinie bis zur russischen Grenze abgefahren. Aber ich verfolge sämtliche Nachrichten. Facebook, Youtube und andere Messengerdienste funktionieren. Und ich spreche regelmäßig mit den Freunden in den verschiedenen Regionen der Ukraine, etwa auch in Charkiw.

Auch unmittelbar von der Front?

Aus der Nähe. Ich habe zum Beispiel Kontakt mit einem Autor im russisch besetzten Mariupol. Er versteckt sich dort in einem Haus. Seine alte Mutter ist nicht transportfähig. Er konnte sie nicht alleine zurücklassen und ist bei ihr geblieben.

Was berichtet er Ihnen?

Die Russen durchkämmen die Stadt auf der Suche nach ukrainischen Aktivisten. Sie gehen mit Adresslisten herum. Leute werden verhaftet, verschwinden.

US-Präsident Joe Biden schwört die Demokratien auf einen langen Abwehrkampf in der Ukraine ein. Kann die Ukraine diesen Krieg gewinnen?

Ja.

Sind Sie sicher?

Ja. Putins großes Russland muss jetzt schon Munition von Nordkorea kaufen. Von Usbekistan. Und Drohnen aus dem Iran. Sie haben schon über 50.000 gefallene Soldaten. Und diese Mobilmachung jetzt wird den Krieg in Russlands Alltag und die Wohnzimmer vieler Familien bringen.

Sie wurden in Leningrad, dem jetzigen Sankt Petersburg, geboren. Dann zog Ihre Familie in die Ukraine. Was kriegen Sie aus Russland heute mit?

Direkte Kontakte sind schwierig. Oppositionelle Intellektuelle sind zum größten Teil im Ausland. Was man so offiziell im Internet von russischen Autoren lesen kann, ist unglaublich. Beschämend. Die meisten schweigen über den Krieg, freuen sich über neue Projekte, Bücher und Geld vom Staat.

Es gibt auch andere wie Irina Scherbakowa.

Ja, oder auch Vladimir Sorokin und Michail Schischkin. Alles Leute, die schon vorher gegen Putins Regime waren. Die meisten sind im Exil. Aber es kommen kaum mehr neue dazu.

Lassen Sie uns über Ihren neuen Roman sprechen. „Samson und Nadjeschda“ spielt im Jahre 1919, als Russen in Sowjetuniformen in Kiew die Macht übernahmen. Wie kamen Sie auf diesen historischen Stoff?

Vor vier Jahren bekam ich einen Anruf einer Leserin. Sie sagte, sie habe ein Geschenk für mich. Sie übergab mir eine Menge an Originalakten des bolschewistischen Geheimdienstes, von den Sowjets aus der Zeit in Kiew nach 1919.

Wie kam die Frau an diese Dokumente?

Ihr Vater arbeitete für den KGB, den sowjetischen Geheimdienst. Er wollte wohl selber etwas Wissenschaftliches schreiben. Doch er starb. Die Frau wollte in die USA emigrieren und übergab mir vorher diese Dokumente. Mich fasziniert diese Phase der Geschichte, die Revolution, die ukrainische Unabhängigkeit und dann die Sowjetisierung. Bei der Lektüre dieser Akten wusste ich sofort: Hier habe ich die Basis für eine Serie von Kriminalromanen. Natürlich ist alles im literarischen Sinne erfunden, aber durch die Akten bekam ich eine bessere Einschätzung der damaligen Zeit.

Sie schrieben den Roman „Samson und Nadjeschda“ vor dem jetzigen Kriegsausbruch. Wie nah ist die historische Realität von 1919 an der von 2022?

Ich glaube, es gibt viele Ähnlichkeiten. Mit dem Sturz des russischen Zarenreichs 1917 versuchte sich die Ukraine unabhängig zu machen. Doch die Bolschewiki waren dagegen. Sie griffen viermal an. Es ging hin und her. 1919 eroberten die Bolschewiki Kiew erneut, bis sie 1921 die ganze Ukraine in die Sowjetunion eingliederten. Die ukrainische Intelligenz, die Eliten, viele wurden getötet; Geschäfte, Wohnungen geplündert. Es war wie bei einem Genozid.

Ihr Buch setzt mit einer dramatischen Szene in Kiew 1919 ein: Ein Reiter schlägt ihrer Hauptfigur Samson das Ohr ab und erschlägt den Vater auf offener Straße.

Ja, wir kennen diese Rechtlosigkeit und Willkür aus der Geschichte. Aber auch die Zufälle, die wie bei Samson und Nadjeschda aus der Situation heraus zu neuen Konstellationen führen. Es ist immer reizvoll zu sehen, wie der Mensch weiterlebt und zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommt. Ein Teil versucht inmitten des Verbrechens und in fast schon surrealen Momenten so wie Samson die Würde zu bewahren.

Fast hat es auch den Anschein als suchten Sie in Ihrem historischen Roman nach dem „offenen Moment“ in der Geschichte?

Als Samson von den Rotarmisten in seiner Wohnung bedrängt wird, helfen ihm andere. Einfache Menschen, aber auch der Zufall und anständig gebliebene Vertreter der neuen Macht. Feuerwehr, Rettung, Polizei, die müssen zu allen Zeiten immer funktionieren. Wohin die Geschichte treibt? Oft wissen wir es nicht. Hinterher scheint es logisch, aber in Kiew 1918/19 war es das nicht.

In höchster Not wird Samson schließlich selber zum Ermittler. Dabei verleiht ihm das abgeschlagene Ohr einen magischen, übernatürlichen Sinn.

In Krieg und Krise muss man ganz schnell, ganz viel Neues lernen. Es geht ums Überleben. Man muss permanent Grenzen überqueren, auch seine eigenen. Überall lauern Gefahren. Aber auch positive Überraschungen. Samson, gerade noch ausgeraubt und schon fast tot, wird Ermittler. Nicht Geheimpolizist: Polizist. Sonst würden auch Samson und Nadjeschdja nicht zueinander finden können. Die Geschichte wäre zu Ende. Aber sie ist es nicht.

Ist es Ihnen derzeit möglich, weiter an Ihren Romanen zu schreiben?

Noch nicht. Ich habe seit dem russischen Überfall jede Menge Artikel und Essays veröffentlicht, Interviews gegeben. „Samson und Nadjeschda“ habe ich vor dem 24. Februar geschrieben. Ebenso den Folgeband, der auf Deutsch noch nicht erschienen ist. Die Arbeit am dritten kann ich derzeit nicht fortsetzen. Der Krieg lässt mir dazu keine Ruhe. Aber ich hoffe, die Ukraine bekommt die Waffen, die sie braucht, um sich zu verteidigen. Dann könnte dieser Krieg auch schneller zu Ende gehen und es würden weniger Menschen ­sterben.

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