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Autoexporte nach China brechen ein

Jetzt hofft die Industrie auf hartes Auftreten von Kanzler Merz bei seiner Reise nach Peking

Wie abhängig Deutschland von China ist, könnte sich bei Merz’ Reise in die Volksrepublik zeigen Foto: Ng Han Guan/AP/dpa

Von Kai Schöneberg

Werden Europa und Deutschland eines Tages zur verlängerten Werkbank Chinas? Eine bange Frage, die sich einige aus der 30-köpfigen Wirtschaftsdelegation längst gestellt haben dürften, die Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) an diesem Mittwoch und Donnerstag bei seinem Antrittsbesuch in der Volksrepublik begleitet.

Das alte Beziehungsgeflecht zwischen dem Billiglohnstandort in Fernost und Europas größter Volkswirtschaft droht sich unter den Vorzeichen der neuen Geopolitik grundlegend umzukehren. China hat sich nicht nur politisch zur rabiaten Supermacht entwickelt, auch wirtschaftlich ist der Systemrivale in Sektoren wie Batterietechnik, Elektromobilität oder Umweltgütern an Europa vorbeigezogen.

Wie dramatisch der Chinaschock ist, zeigte am Dienstag eine Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW): Danach sind die Ausfuhren der deutschen Autoindustrie nach China im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um rund ein Drittel eingebrochen. Im Vergleich zum Höchststand im Jahr 2022 brach das Geschäft mit Pkw und Autoteilen sogar um mehr als die Hälfte auf 14 Milliarden Euro ein.

Auch andere Branchen schwächeln: Im Maschinenbau sackten die Exporte um fast 10 Prozent, in der metallverarbeitenden Industrie um fast 13 Prozent ab. Insgesamt stieg der Importüberschuss von Deutschlands wichtigstem Handelspartner im vergangenen Jahr um mehr als 22 auf rund 89 Milliarden Euro an. China ist vom Lieferanten zum Konkurrenten geworden.

Chinas Erfolg beruht auch auf gezielter Wettbewerbsverzerrung. „Die chinesische Währung ist gegenüber dem Euro deutlich unterbewertet, zudem subventioniert China seine Wirtschaft stärker als jedes andere Land“, erklärt das IW. Europa müsse Ausgleichszölle einführen, fordert IW-Experte Jürgen Matthes.

China sei „wegen seiner schwächelnden Wirtschaft auf den europäischen Markt angewiesen und erzielt hier hohe Gewinne. Das ist ein Hebel“, betont Matthes. Auch der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) forderte am Dienstag, Merz solle in China hart auftreten und die Wettbewerbsverzerrungen klar adressieren.

Aber: Sich mit Peking anzulegen, ist riskant – das haben Deutschland und die EU bereits zu spüren bekommen. Peking führte wegen des Handelskrachs mit den USA Exportbeschränkungen für Seltene Erden und andere wichtige Rohstoffe ein, europäische Unternehmen leiden.

„De-Risking“, also weniger Abhängigkeiten bei strategisch wichtigen Produkten aus China und den USA, ist längst deutsche und EU-Politik. Auch Merz hat zuletzt angedeutet, sich in Peking nicht anbiedern zu wollen. Und: Im Januar hatte er, anders als Olaf Scholz und Angela Merkel vor ihm, als erstes großes Land in Asien Indien besucht.

Sich mit Peking anzulegen, ist riskant – das haben Deutschland und die EU bereits zu spüren bekommen

Auf EU-Ebene bremst Deutschland jedoch ab: Die EU solle sich für fairen Wettbewerb statt Protektionismus einsetzen, warnte Merz wiederholt. Unter Verweis auf chinesische Subventionen hat die EU bereits Zölle auf E-Autos und Stahlprodukte verhängt, chinesische Unternehmen wurden von öffentlichen Aufträgen für medizinische Geräte ausgeschlossen.

Eine Lösung für Deutschland sehen Fachleute in der EU. Aber: Die Europäer ‌hätten unterschiedliche Ansätze im Umgang mit China, sagt Mikko Huotari, Direktor der China-Denkfabrik Merics. In Paris werde etwa über 30-prozentige Strafzölle nachgedacht, Brüssel spreche über mehr Cybersicherheit.

Die Achse Peking–Moskau wird Merz ohnehin kaum brechen können. Der Ukrainekrieg sollte die Beziehungen zwischen Europa und China nicht belasten, sagte eine Sprecherin des Außenamts in Peking am Tag vor der Ankunft der Deutschen. Eine Abfuhr für Merz, der in Berlin mit Blick auf die Staatschefs von China und Russland über den Ukrainekrieg gesagt hatte: „Wenn Xi Jinping Putin morgen sagen würde, hör das auf, dann muss er übermorgen aufhören.“

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