Ausstellung über den Sog der Bilder: Sonnenuntergang gegen das Grauen
Über Bilder und deren Wirkungskraft: Die Ausstellung „The Lure of the Image“ bei C/O Berlin übt sich in audiovisueller Selbstermächtigung.
Bilder verlocken, Bilder verführen. Das hatten schon die Porträtmaler (und deren Auftraggeber) in Mittelalter und Renaissance herausgefunden, die die damaligen Prinzen und Prinzessinnen für den aristokratischen Heirats- und Machtmarkt möglichst vorteilhaft darstellen sollten.
Auf audiovisuelle Sogstrategien der digitalen Gegenwart hat es jetzt die Ausstellung „The Lure of the Image – Wie Bilder im Netz verlocken“ abgesehen. Es lassen sich dabei verblüffende Verschiebungen feststellen. Denn es sind gar nicht die ausgefeilt schönen Darstellungen von Menschen, nicht einmal die mit Gewalt aufgeladenen Bilder, die die Besucherinnen und Besucher, den Rezensenten eingeschlossen, am meisten in den Bann ziehen. Nein, für das größte und am längsten anhaltende Interesse sorgt eine Welle von Aufnahmen Gummihandschuh-bewehrter Hände, die sanft Schwämme drücken und dabei hübschen Schaum produzieren. Über den Audiokanal wird zudem hypnotisierendes Wasserrauschen herübergespült.
Dina Kelberman hat „The Wave“ aus Instagram-Aufnahmen zusammengestellt. Als ASMR – auf Deutsch „Autonome sensorische Meridianreaktion“ – wird das Phänomen bezeichnet. Auch Beschreibungen wie „aufmerksamkeits-induzierter Kopforgasmus“ kursierten schon für den durch beruhigende Bilder und Geräusche oder durch sanfte Berührungen ausgelösten Effekt. Man kann es als neue Stufe der Manipulation durch Bilder bezeichnen, in ihrer Wirkung immerhin ein Gegenpol zu polarisierenden Gewaltdarstellungen und zum Immer-Schöner, Immer-Dünner-Konkurrenzdruck im Influencer-Universum.
„The Lure of the Image – Wie Bilder im Netz verlocken“. C/O Berlin, bis 2. September.
Kelbermans Position ist die überraschendste der insgesamt 14 künstlerischen Ansätze in der vom Fotomuseum Winterthur kuratierten und von Boaz Levin für das C/O Berlin adaptierten Ausstellung. Man kann die Perspektiven grob aufteilen in medienhistorisch-analytisch, medienkritisch und nach Ansätzen von Selbstbefreiung suchend. Simone C Niquille etwa erinnert in ihrer computeranimierten Bewegungsstudie des IKEA-Stuhls Bertil daran, dass er als erstes IKEA-Produkt überhaupt vor 20 Jahren für den Katalog des Möbelhauses per Computer Generated Imagery-Verfahren (CGI) produziert wurde. 2014 waren laut Niquille bereits 75 Prozent aller Aufnahmen im Katalog des Möbelhauses computergeneriert.
Stereotype Abbildungen
Joiri Minaya wiederum untersucht mit „#dominicanwomengooglesearch“ stereotype Abbildungen von Frauen aus der Karibik. In einem zweiten Projekt, „A Marooned Picturesque“ versteckt sie die Umrisse der Frauenkörper hinter Pflanzenornamenten und Landschaftsdarstellungen. Es ist ein Versuch, Herrschaft über das eigene Bild zu erlangen.
Eine spektakuläre Aktion in diesem Kontext greift Zoé Aubry in ihrem Werk „#Ingrid“ auf. Auf drei großen Bildwänden sind Fotos von Sonnenuntergängen, Landschaftsidyllen und Blütenkompositionen zusammengestellt. Es handelt sich um Fotos, mit denen Aktivist*innen die digitalen Plattformen überschwemmten, um so die Bilder der ermordeten und schrecklich zugerichteten Mexikanerin Ingrid Escamilla Vargas zu verdrängen. Die Bilder der Toten waren zunächst von sensationsgierigen Medien verbreitet worden. „The Lure of the Image“ macht daher auch Mut, sich der Macht der Bilder zu widersetzen, sie zu unterlaufen und, wie es neudeutsch heißt, „agency“ zu erlangen.
Bei den Praktiken der rebellischen Textilarbeiter des 19. Jahrhunderts dockt wiederum die Berliner Medienkünstlerin Hito Steyerl an. In ihrer frühen Videoinstallation „Strike“ (2010) schwingt sie einen Hammer und schlägt damit auf einen Monitor ein, der ganz hübsch zerbirst und seine inneren Strukturen offenbart. „The Lure of the Image“ entzaubert die digitalen Bildwelten und die Machtstrukturen dahinter nicht komplett. Aber die Ausstellung liefert Einblicke und bietet Inspirationen.
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