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Aufstiegsversprechen an SchulenEinmal benachteiligt, immer benachteiligt

Für den Bildungserfolg zählen die ersten Lebensjahre. Eine neue Studie zeigt: Die Rückstände holen Kinder im Laufe ihrer Schulzeit nicht mehr auf.

Wie schlecht das deutsche Bildungssystem soziale Ungleichheiten auffängt, ist gut dokumentiert: Kinder aus privilegierten Familien haben eine deutlich bessere Chance, es auf ein Gymnasium zu schaffen, als Kinder aus weniger privilegierten Verhältnissen. Eine bundesweit einmalige Langzeituntersuchung zeigt nun: Die sozialen Unterschiede sind bereits vor dem Schuleintritt gewaltig – und bleiben bis ins Erwachsenenalter bestehen. Das deutsche Schulsystem „produziert früh soziale Unterschiede, die später nicht mehr ausgeglichen werden können“, heißt es in der Studie, die das Bamberger Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) am Mittwoch veröffentlicht hat.

Für seine Analyse hat das LIfBi die Bildungsverläufe von mehr als 16.000 Schü­le­r:in­nen teils von der Geburt an über Kita, Grund- und weiterführende Schule bis ins Alter von 26 Jahren begleitet. Zu sämtlichen Messpunkten konnten die Au­to­r:in­nen einen Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und Bildungserfolg beobachten. Wer Eltern hat, die arm sind, Jobs mit geringem Status ausüben oder über keinen hohen Bildungsabschluss verfügen, ist sehr wahrscheinlich bereits in der ersten Klasse abgehängt, erhält seltener eine Gymnasialempfehlung und scheitert auch auf dem zweiten Bildungsweg häufiger als besser gestellte Schüler:innen.

Der Erfurter Bildungsforscher Marcel Helbig, einer der Au­to­r:in­nen der Studie, erkennt ein systemisches Versagen: „Wir wissen seit Jahren, dass die frühe Aufteilung der Kinder in Deutschland nach der Grundschule soziale Ungleichheiten zementiert. Jetzt wissen wir, dass auch der zweite Bildungsweg, den die Politik ja gerne als Offenheit für einen späteren Bildungsaufstieg anführt, nur bedingt funktioniert“, sagte Helbig der taz.

Aus seiner Sicht bedarf es einer Reform, die die Rolle des Gymnasiums neu definiert – etwa indem andere Schulformen gleichberechtigt zum Abitur führen dürften oder die Aufteilung wie international üblich deutlich später erfolgt. „Dazu fehlt aber offensichtlich der politische Wille“, so Helbig. Viele der Maßnahmen, die Bund und Länder für mehr Chancengerechtigkeit aufgelegt haben, wie das unter der Ampel gestartete Startchancenprogramm für sogenannte Brennpunktschulen, linderten nur die Folgen der Ungleichheit, die das Bildungssystem, aber auch die soziale Stadtplanung, selbst schafften.

Erste Lebensjahre maßgeblich

Tatsächlich haben die für Bildung zuständigen Länder in den vergangenen Jahren eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, um die frühe Leistungsschere in den Griff zu kriegen. Darunter die Stärkung von Deutsch und Mathe an Grundschulen und mehr Zeit fürs Vorlesen. Aktuell planen oder diskutieren viele Ministerien zudem ein verpflichtendendes Vorschuljahr sowie verbindliche Sprachtests vor der Einschulung.

Dass diese Ideen teilweise zu spät ansetzen, zeigt auch die vorliegende Studie. Demnach entstehen die Benachteiligungen schon in den ersten Lebensjahren. Privilegierte Kinder haben beispielsweise mit drei Jahren einen deutlich größeren Wortschatz und auch das mathematische Verständnis ist höher. Bis zum Schulstart vergrößern sich die Lücken sogar. Am Ende der Grundschule gehören nur zwölf Prozent der Kinder aus unteren sozialen Schichten zu den leistungsstärksten Schü­le­r:in­nen in Mathe – bei Kindern aus hohen sozialen Schichten sind es fast 40 Prozent.

Ein Grund für die Ungleichheit hat laut der LIfBi-Studie auch mit den Entscheidungen der Familien zu tun. So geben Eltern aus niedrigen Sozialschichten ihre Kinder vor dem vierten Lebensjahr seltener in Betreuung. Ebenso wie sie ihre Kinder mit Gymnasialempfehlung seltener auf ein Gymnasium schicken.

Die Rolle der Lehrkraft

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, wie auch Bildungsforscher Helbig einräumt. So ist bekannt, dass benachteiligte Familien – insbesondere mit Migrationshintergrund – trotz Betreuungswunsch seltener einen Kitaplatz erhalten. Und beim Übertritt von der Grundschule in eine weiterführende Schule spielt auch die Lehrkraft eine zentrale Rolle. So erhalten Kinder aus benachteiligten Familien selbst bei gleichen Noten seltener eine Gymnasialempfehlung.

Für Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied bei der Bildungsgewerkschaft GEW, ist dies schlecht hinnehmbar. „Ich höre oft von Lehrkräften, dass sie eine Gymnasialempfehlung deshalb nicht ausstellen, weil sie die Unterstützung für das Kind im Elternhaus vermissen“, sagte sie der taz. „Wir sehen ja, dass das in den Bundesländern, in denen man nur am Gymnasium Abitur machen kann, eine zugeschlagene Tür ist“.

Noch besser fände Bensinger-Stolze, wenn es keine Gymnasialempfehlungen mehr bräuchte. „Wir fordern schon lange eine Schule für alle, an der alle Schü­le­r:in­nen mindestens bis zur zehnten Klasse zusammen lernen.“ Dass das deutsche Schulsystem beim Aufstiegsversprechen versage, sei „dramatisch“.

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